https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-serie-1993-immer-zu-vollem-koerpereinsatz-bereit-15537529.html

Die italienische Serie „1993“ : Immer zu vollem Körpereinsatz bereit

  • -Aktualisiert am

Jenseits von Galgenhumor: Kriegsveteran Petro Bosco (GuidoCaprino),Jungstar der „LegaNord“, wedelt im Parlament mit einem Strick. Bild: Sony Channel

Die fabelhafte Serie „1993 – Jede Revolution hat ihren Preis“ handelt von einem finsteren Italien, in dem Politik, Wirtschaft und Medien einen Pakt geschlossen haben. Mittendrin: Silvio Berlusconi.

          3 Min.

          Serienschöpfer sind nicht die besten Stichwortgeber, wenn es eine Produktion über den Vergleich mit anderen Serien zu verorten gilt. Traum und Wirklichkeit klaffen dabei oft weit auseinander, und der Druck zur Selbstvermarktung erledigt den Rest. Ludovica Rampoldi, Stefano Sardo und Alessandro Fabbri aber, das Trio, das schon die fabelhafte italienische Polit-Serie „1992“ schrieb und auch in diesem Fall bei der Produktion bis zuletzt involviert blieb (was beileibe nicht überall üblich ist), bemühten absolut überzeugende Titel, als der „Hollywood Reporter“ sie in einem Interview nach stilistischen Vorbildern fragte: Man habe sich von Serien wie „Mad Men“ und „Boss“ inspirieren lassen, einem Polit-Drama, das Shakespeare gefallen hätte und älter als „House of Cards“ ist, war Ludovica Rampoldis Antwort. Ihr Kollege Sardo hingegen nannte „Game of Thrones“, aus strukturellen Gründen: „Weil die Leute um die Macht kämpfen, aber jeder von ihnen hat eine andere Storyline und eine andere Arena.“ Außerdem habe man sich bemüht, „es sexy zu halten, um die Serie nicht allzu düster und noire werden und die Zuschauer fühlen zu lassen, wie sehr Macht und Sex sich gegenseitig beeinflussen, besonders in Italien“.

          Wenn man weiß, dass Rampoldi auch schon für die Sky-Serie „Gomorrha“ gearbeitet hat, die Adaption des Mafia-Romans von Roberto Saviano, hat man vielleicht eine Ahnung von dem ersten Zehnteiler „1992“. Die Serie, die im Jahr 2015 in Deutschland anlief, handelte von der verheerenden politische Krise, die Italien Anfang der neunziger Jahre durchlebte. Von Korruption, Amtsmissbrauch, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Von Menschen, die ihr Glück unter diesen Umständen zu machen versuchten. Und dem Weg zum Ende der „ersten Republik“ in Italien, dem Zusammenbruch des althergebrachten politischen Systems.

          Keinem von ihnen sollte man trauen

          Dabei folgte „1992“ Figuren, denen man jetzt mit wenigen Ausnahmen auch in der flüssig geschilderten, stilvoll fotografierten und sogar musikalisch hinreißenden Fortsetzung „1993“ begegnet. Allen voran: der gepflegt auftretende Marketingprofi Leonardo Notte (Stefano Accorsi). Er bewegt sich zu Beginn der neuen Staffel im Beraterkreis des schillernden Geschäftsmanns Silvio Berlusconi (Paolo Pierobon), der sich im Garten seiner Villa ein Mausoleum bauen ließ, sich telefonisch in laufende Fernsehshows durchstellen lässt, um Dampf abzulassen, und am Ende der Staffel die „Forza Italia“ gründen wird. Ein doppelgesichtiger Mann, auch dieser Notte. Keinem von ihnen sollte man trauen. Als Student war er Kommunist, lebt nun mit einer Frau und einem Kind, dessen Vater er getötet hat, und erpresst selbst Menschen, die ihm halfen, wenn es der Karriere dient.

          Showgirl Veronica Castello (Miriam Leone), einst mit dem einflussreichen Unternehmer Michele Mainaghi liiert, ist unterdessen für eine Karriere im brutalbunten TV-Geschäft zu vollem Körpereinsatz bereit. Kriegsveteran Petro Bosco (Guido Caprino), Jungstar der „Lega Nord“, wedelt im Parlament mit einem Strick, als hätten alle sozialistischen Abgeordneten einen verdient; zur Entspannung säuft er im Bordell.

          Recht rauh, recht hart, mit viel nackter Haut

          Und Luca Pastore (Domenico Diele) schließlich ermittelt weiterhin im Team des legendären Antonio Di Pietro (Antonio Gerardi) gegen die allgegenwärtige Korruption. Er wurde bei einem Krankenhausaufenthalt durch eine verseuchte Blutkonserve mit HIV infiziert, was ihn nach den Hintermännern des Skandals suchen lässt, ihm nun aber auch eine Freundin beschert.

          Eine dunkle Serie: recht rauh, recht hart, mit viel nackter Haut. Aber es gibt in ihr nicht einen schlechten Schauspieler oder eine enttäuschende Schauspielerin. Und faszinierend sind solche Serien, die vor einem realen Hintergrund spielen und bei aller Fiktion hier und da reale Figuren auftauchen lassen. Bei „1993“ kommt hinzu, dass nur wenige die dramatische italienischen Geschichte des Jahres 1993 in Erinnerung haben, zu der neben großen Prozessen auch Bombenanschläge der Mafia wie jener gegen den Fernsehmoderator Maurizio Costanzo in der Via Fauro zählen.

          Regisseur Giuseppe Gagliardi, der 1993 gerade einmal sechzehn Jahre alt war, aber eben auch genau in dem Alter, in dem man politisch erwacht, hat nicht zuletzt ein Sittengemälde geschaffen, in dem man auf unheimliche Weise vieles von dem wiederfindet, was in aktuellen Diskussionen zum Aufstieg von Populisten oder dem Verhältnis von mächtigen Männern und jungen Frauen zur Sprache kommt.

          1993 – Jede Revolution hat ihren Preis läuft donnerstags um 20.15 auf dem Sony Channel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der Frage der Mindestzahl für Anträge auf Parteitagen nur halb durchgesetzt: Annalena Baerbock und Robert Habeck auf dem Grünen-Parteitag

          Grünen-Satzungsänderung : Ein langer Weg zur erwachsenen Partei

          Grünen-Parteitage werden normalerweise mit Anträgen geflutet. Baerbock und Habeck wollten auf ihren letzten Metern das Quorum dafür deutlich erhöhen. Aber dazu war die Parteibasis nicht bereit.
          In Rage: Verbalattacken gegen Künstler gehören zu Tayyip Erdogan wie die Schiffe zum Bosporus

          Hetze gegen Sezen Aksu : Erdoğan gerät unter Beschuss

          Mit dem Angriff auf die Sängerin Sezen Aksu hat sich der türkische Präsident verschätzt. Künstler unterstützen sie. Aksu antwortet auf Erdoğans brutale Rhetorik souverän mit einem Gedicht.