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Besuch beim Kölner Domradio : Die Sendungsbewussten

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In der Konferenz geht es dann aber um weniger schöne Themen: um den gerechten Krieg und die Debatte über Waffenlieferungen (der Pazifist Rupert Neudeck hat im Domradio dazu aufgerufen; der Paderborner Weihbischof Matthias König mahnte, die Flüchtlinge darüber nicht zu vergessen), um die psychischen Folgen, die das Anschauen von Enthauptungs- und Foltervideos im Internet für Jugendliche hat, und um die zunehmende Zahl von Kirchenaustritten aufgrund des automatisierten Kirchensteuerabzugs bei Kapitalerträgen. Ein Beitrag aus den ARD-„Tagesthemen“ vom Vorabend, da ist man sich einig, sei eine unverblümte Austrittswerbung gewesen.

„Wir sind nicht die Verkündigungsabteilung des Heiligen Vaters oder des Erzbistums“, sagt der Chefredakteur des Domradios, Ingo Brüggenjürgen

Ein anwesender Kirchenzeitungsvertreter wirbt für den „Steuerspartipp“, den sein Blatt gedruckt hat: Nichts mehr in den Klingelbeutel werfen, dafür dem Pfarrer einmal jährlich hundert Euro gegen Spendenquittung aushändigen. Mehr als ein Hüsteln erntet der Vorschlag nicht. Für Heiterkeit sorgt dann die „Kapellen“-Fraktion, die auf „den völlig unbekannten Gedenktag Maria Königin“ am folgenden Tag hinweist, den ihren Schäfchen am Endgerät näherzubringen die Redaktion jedenfalls nicht als wichtigste Tagespflicht ansieht („Maria - was?“ wird später auf der Website zu lesen sein).

Franziskus wäre stolz

Weil auch bei einem Sender im Auftrag des Herrn die Musik die Hörer bringt (oder vergrault), hat man sich bewusst zu einer eher optimistischen, oldielastigen Musikregie entschieden: Drum ’n’ Bass ist hier so wenig zu hören wie schnulziger Christ Pop; geistliche Musik läuft nur zu festlichen Anlässen.

Hin und wieder hat das Domradio kleine Scoops gelandet. So erhielt man als einziger Sender die Erlaubnis, den Trauergottesdienst anlässlich der Beisetzung von Hannelore Kohl zu übertragen. Aber die Redakteure, das merkt man schnell, haben es auf solche Exklusivität gar nicht abgesehen. Zwar ist man nah dran am Zeitgeschehen, nimmt sich aber doch die Zeit, nachzudenken, bevor man berichtet. Worauf es vielmehr ankommt, ist der besondere christliche Dreh, mit dem an sich vielleicht nicht sonderlich theologisch oder kirchlich konnotierte Themen kommuniziert werden. Oft ist dieser Dreh ein ethisch-moralischer, das aber nie aufdringlich, sondern in sehr freier, lebensnaher Weise.

Es sind Katholiken, die hier sprechen, freilich, aber keine, so der Eindruck, die den Kern ihrer Religion in Zölibat, Heterosexualitätsdogma oder Abendmahlsausschluss für wiederverheiratete Geschiedene sehen. Was Papst Franziskus gerade mit festem Griff anpackt, diese große Entrümpelung eines weltfremd gewordenen Apparats - und auch vom Nachfolger für Kardinal Meisner, von Rainer Maria Kardinal Woelki, der am 20. September als Kölner Erzbischof einigermaßen pompös eingeführt wird, erwartet man sich in der Domstadt einen ,Franziskus-Effekt‘ -, ein solcher Abgleich von christlicher Lehre und echtem Leben hat im Programm des Domradios längst stattgefunden.

Mitten im Leben und etwas katholisch

Entsprechend wenig sorgt sich der Chefredakteur Brüggenjürgen, dass Kardinal Woelki, den er noch aus Weihbischofzeiten kennt, das Domradio beschneiden könnte. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der neue Kölner Oberhirte in Zeiten, in denen so viele Menschen wie nie der Kirche den Rücken kehren, die Bedeutung des mit täglich rund 80 000 Hörern recht beliebten Senders noch höher veranschlagt als bisher schon.

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