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Dokumentarfilme in Mediatheken : Alles online, alles gratis?

Dreharbeiten des Films „Art War: Ägyptens Künstler und die Revolution“ von Marco Wilms (eine Heldenfilm-Produktion für ZDF/ARTE). Bild: heldenfilm

Am liebsten wollen die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Dokumentarfilme länger als sieben Tage in ihren Mediatheken und anderswo im Netz anbieten. Nur zahlen wollen sie nichts dafür. Die Filmemacher wehren sich.

          3 Min.

          Es ist eine populäre Forderung, welche die Sender seit langem stellen und sich Politiker gerne zu eigen machen: Die sogenannte Sieben-Tage-Regel, nach der ARD und ZDF ihre Inhalte nur für einen bestimmten Zeitraum im Internet anbieten können, soll fallen. Die Sendungen seien von den Beitragszahlern finanziert, dann sollten sie auch zu jeder Zeit zu sehen sein, nicht nur bei der Erstausstrahlung auf dem Bildschirm. Ist dem etwas entgegenzusetzen? Ist es, sagt die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AgDok), in der freischaffende Filmjournalisten und Dokumentaristen zusammengeschlossen sind: Die Sender zahlen den Urhebern nämlich nichts dafür, sie finanzieren die Filme nicht einmal voll durch. Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Dokumentarfilmen, Features und Reportagen im Internet sei nichts anderes als eine weitere „Ausplünderung der deutschen Produktions- und Kreativwirtschaft“, sie komme „einer Enteignung gleich“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Rechnung, welche die AgDok aufmacht ist eine, die die Sender gern unter den Tisch fallen lassen. Es beginnt damit, dass dokumentarische Programme von den Sendern gar nicht voll finanziert würden. Dies gelte - quer gerechnet für ARD, ZDF, die dritten Programme, Arte und 3sat - für 64 Prozent der Programme. Besonders unrühmlich falle Arte mit einem Anteil von 81 Prozent nicht voll finanzierter dokumentarischer Filme auf. Nicht voll finanziert heißt: Die Sender, so die AgDok, tragen die wahren Kosten einer Sendung nur zum Teil - zu im Schnitt sechzig Prozent -, die Produzenten schießen zu und hoffen darauf, dass sie zumindest durch die Zweitverwertung ihrer Filme etwas verdienen können, etwa als Video on Demand oder durch DVD-Verkäufe.

          Das aber wird natürlich vereitelt, wenn die Filme in den Mediatheken der Sender frei zum Abruf bereitstehen. Und zwar nicht nur für sieben, sondern etwa für neunzig Tage nach jeder Ausstrahlung, wie es Arte in Verträge hineinschreibe, oder gar für zwölf Jahre, von denen in ZDF-Verträgen die Rede sei, oder gar vollkommen unbegrenzt, wozu etwa der MDR seine Mitarbeiter bei Vertragsabschlüssen anhalte. Verpflichten sich die Dokumentarfilmer, wie es inzwischen üblich ist, zu einem Buy-out-Kontrakt, sind die Rechte an ihren Filmen vollkommen perdu.

          Eingriff in die Verwertungsrechte des Urhebers

          Mit den Filmen pflegen die Sender ihrerseits wiederum Geld zu verdienen, indem sie diese weiterverkaufen - an kommerzielle Sender oder kommerzielle Video-on-Demand-Anbieter. Insofern sei es auch irreführend, wenn die Sender sagten, die Online-Rechte stellten keinen Kostenfaktor dar oder seien gar nichts wert. So wurde es dann und wann Rundfunkratsmitgliedern erklärt, die bei dem einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sender (etwa dem BR oder dem WDR) nachfragten, wie es denn um Kosten und Rechte der Filme im Internet bestellt sei.

          Die insgesamt 520 Rundfunkräte der ARD und Fernsehräte des ZDF bekommen nun alle auf einen Schwung Post von der AgDok, in der diese die für die Urheber existentiell wichtigen Hintergründe der Sieben-Tage-Regel auffächert. Wir werden ohnehin unterbezahlt, bleiben auf Kosten sitzen, sagt die AgDok, und dann werden wir von der zukunftsträchtigen Online-Vermarktung auch noch ausgeschlossen. Dabei stelle schon das Sieben-Tage-Angebot „in der jeweiligen Mediathek der Sendeanstalt einen schweren unzulässigen Eingriff in die Verwertungsrechte des Urhebers dar“, schreibt Thomas Hoeren, der Leiter des Instituts für Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster, in einem Gutachten. Dies gelte „erst recht für ein zeitlich unbefristetes Video-on-Demand-Angebot“.

          Die Dokumentarfilmer, die in der Nahrungskette des Fernsehens ganz unten stehen, fordern deshalb, dass in Verträgen die Herstellungkosten eines Films berücksichtigt werden und - eigens berechnet - die Nutzungsrechte. Den Urhebern stehe grundsätzlich und vom ersten Tag an eine Vergütung für das Vorhalten ihrer Filme in den Mediatheken zu - weil es sich dabei um einen Zusatznutzen für die Sender handele. Orientieren solle man sich bei den Summen, die die Filmer selbst verdienen könnten, hätten sie die Vermarktung ihrer Filme nach der Ausstrahlung im Fernsehen selbst in der Hand. Die Online-Verwertung in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken sei in den ersten Tagen wie eine Erstausstrahlung zu bewerten, danach wie eine Wiederholung.

          Das würde - summa summarum - grob gerechnet bedeuten, dass die Sender den Dokumentarfilmern, deren Filme, wie gesagt, ohnehin nicht voll finanziert seien, für die Abgeltung ihrer Rechte das Doppelte zahlen sollten, hieß es auf einer Pressekonferenz der AgDok in Frankfurt. Die Verantwortlichen der Sender werden bei einer solchen Forderung wahrscheinlich nur grinsen. Die Rundfunkräte jedoch, welche die Gesellschaft in den Sendergremien vertreten, sollten zumindest noch einmal gezielt nachfragen, bevor es, wie bislang, unisono heißt: Alles Öffentlich-Rechtliche muss online gehen für immer, kostet ja nix! Die Urheber kostet es sehr wohl etwas.

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