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Schweizer Medienkrise : Hinter uns brennen die Brücken

Durch Expansion aus der Krise? Die NZZ wählt den Weg der Vorwärtsverteidigung Bild: Picture-Alliance

Die Schweiz will ihre in die Krise geratenen Zeitungen retten - notfalls mit Stiftungsfonds. Die besonders schwer getroffene NZZ sucht derweil ihr Glück im Ausland.

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          Schlecht geht es allen oder fast allen. Aber am größten ist die Sorge um die „Neue Zürcher Zeitung“, das Weltblatt von der Limmat. Die NZZ steht für den Staat, die Wirtschaft und die bürgerliche Kultur. Sie ist das Tagblatt der Elite. Ihr Untergang wäre das Ende der traditionellen Schweiz. Noch ist es nicht so weit. Aber vor zwanzig Jahren wurde jeder, der die Abschaffung des Bankgeheimnisses forderte oder prophezeite, als Verräter oder Spinner bezeichnet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Hinter uns brennen die Brücken“, sagt der neue Geschäftsführer der Zeitung, der Österreicher Veit Dengler. Vor kurzem hat seine Qualitätszeitung den ersten Shitstorm in ihrer mehr als zweihundert Jahre alten Geschichte ausgelöst: Sie enthüllte, dass eine Sekretärin im Berner Parlamentsgebäude freizügige Selfies in die Welt hinausschickt. Die Fotos brachten allerdings die anderen. Mehr als mit seinen Video-Kommentaren und Leitartikeln alter Schule sorgt der NZZ-Chefredakteur Markus Spillmann mit seinem Facebook-Profil für Aufsehen: Er zeigt im Sprung vor einem Wasserfall seinen Bauchnabel.

          Veit Dengler kam vor einem Jahr nach Zürich. Er war eine Zeitlang beim Schnäppchen-Jäger Groupon tätig. Auch über journalistische Erfahrung verfügt er. „Es gibt keinen Weg zurück zur alten, heilen Welt. Das ist vorbei. Es gibt immer noch Leute, die auf einen Aufschwung hoffen. Es ist aber vorbei.“ Zur Presseförderung leistet der Staat einen Beitrag von 50 Millionen zu den Versandkosten. Die Post will jedoch die Tarife in den nächsten Jahren um jeweils zwei Rappen (pro Tag und Exemplar) erhöhen. Für Blätter wie die linke „Wochenzeitung“ und die katholische „La Liberté“ sind die zusätzlichen Kosten existenzbedrohend.

          Kulturgut Presse

          Die von der Regierung eingesetzte Eidgenössische Medienkommission (EMEK) will die Subvention der Portokosten generell abschaffen. Sie hat einen Bericht veröffentlicht, in dem die Bedeutung der Medien für das Funktionieren der Demokratie und den Zusammenhalt des Landes unterstrichen wird. Die EMEK plädiert für die finanzielle Unterstützung der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA), deren französisch- und italienischsprachiger Dienst defizitär sind. Die Nachrichtenagentur leistet einen Beitrag zur Sprachvermittlung und schlägt Brücken über die Landesteile, die gegenwärtig eher wieder auseinanderdriften.

          Zur Begleitung des Strukturwandels fordert die EMEK die Schaffung einer Stiftung. Diese soll vom Staat, der sie finanzieren muss, unabhängig sein. Als Vorbilder werden die Pro Helvetia – für die Kulturförderung – und der Nationalfonds, der die wissenschaftliche Forschung unterstützt, genannt. Über die Zuwendungen entscheidet das Parlament. Der Journalismus bekommt eine Bedeutung, die mit jener der Bildung und der Kultur vergleichbar ist.

          NZZ in Totenstarre

          Kaum war der Bericht der EMEK publiziert, wurden die Reichweiten der eidgenössischen Printmedien bekannt. Bei allen Titeln, die sich mit gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Themen beschäftigen, ist der Einbruch dramatisch. Zulegen können Publikationen wie „LandLiebe“ und das „Wandermagazin Schweiz“. Zu den ganz großen Verlierern gehört die NZZ, alle ihre Produkte – Tageszeitung, Sonntagszeitung, das Magazin Folio – haben innert Jahresfrist mindestens zehn Prozent eingebüßt. Die gedruckte NZZ erreicht unter der Woche 260.000 Leser – ein Jahr zuvor waren es 35.000 mehr. Allerdings sind in diesen Statistiken die E-Paper-Leser nicht berücksichtigt.

          Der Medienkritiker und -unternehmer Kurt W. Zimmermann hat in der „Weltwoche“ das Elend der NZZ in Zahlen ausgedrückt: Das Unternehmen machte 2002 einen Umsatz von 481 Millionen Franken, dieses Jahr werden es 470 sein. Der Lokalrivale „Tages-Anzeiger“ steigerte sich dank digitaler Diversifizierungen von 640 Millionen auf 1,1 Milliarde. Seit einem Jahrzehnt verharrt die NZZ in „Totenstarre“ (Zimmermann).

          NZZ auf Expansionskurs

          Angesichts der brennenden Brücken ergreift Veit Dengler die Flucht nach vorn. Er hat zahlreiche Baustellen eröffnet, einen Newsroom eingerichtet und zum Teil prominente Redakteure eingestellt. Ein neues Konzept wird ausgearbeitet. Dengler betreibt die Vorwärtsstrategie mit dem Segen des Vorstands (Verwaltungsratspräsidenten) Etienne Jornod, der am Wochenende in der eigenen Zeitung auf einer ganzen Seite mehr Qualität forderte: „Langfristig kann man nicht nur sparen.“ Die Aktie hat einen Tiefststand erreicht.

          In der Schweiz hat Dengler die Regionalzeitungen, an denen die NZZ eine Mehrheit besaß, vollständig übernommen. Jetzt expandiert die Zeitung nach Österreich, wo er eine Marktlücke für Qualitätsjournalismus ausmacht und eine Online-Zeitung aufbaut. Glückt das Unterfangen, will man weiter nach Berlin. Auch Zeitungen werden zu globalen Marken, für die NZZ gibt es durchaus ein Konzept: führende deutschsprachige Zeitung – aber nicht aus Deutschland.

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