https://www.faz.net/-gqz-8keyo

Satire auf Amerikas Politik : Ach, deshalb sind die alle so verrückt

  • -Aktualisiert am

Senator Red Wheatus (Tony Shalhoub) ist stets unnatürlich gut gelaunt und macht die tollsten Vorschläge. Aber Donald Trump wäre ihm dann doch suspekt. Bild: Getty

Um den Irrwitz der amerikanischen Politik zu verstehen, schaut man sich am besten die Komödie „Braindead“ des Senders CBS an. Denn sie hat für alle Absurditäten die Erklärung parat: Aliens!

          3 Min.

          In Washington ist mal wieder die Hölle los: Die Budgetverhandlungen fürs nächste Fiskaljahr sind gescheitert, die Regierung hat vorübergehend dichtgemacht, und die Republikaner wollen sich nur zu Verhandlungen mit den Demokraten an den Tisch setzen, wenn diese sich bereit erklären, Bildungsprogramme zu streichen. Mitglieder einer republikanischen Graswurzel-Organisation verlinken ihre Website mit Anleitungen zum Bombenbau („Um unser Land gegen die Demokraten zu verteidigen!“), und demokratische Abgeordnete fordern den Totalumbau des Sozialsystems nach europäischem Vorbild: „In Dänemark gibt es garantierte Kinderbetreuung bis zum Alter von fünfzig!“

          Die Erklärung für diesen Irrsinn? Außerirdische Ameisen haben die Gehirne von Washingtons Einwohnern befallen. So zumindest beschreibt es die CBS-Satire „Braindead“ und ist damit das perfekte Begleitprogramm zum Wahnwitz des amerikanischen Wahlkampfs.

          Die Prämisse ist albern, aber treffend

          Die Drehbuchautoren Michelle und Robert King, die auch das gerade beendete Politik-Drama „The Good Wife“ geschrieben haben, machen aus der albernen Prämisse eine aktuelle Satire auf die zeitgenössische amerikanische Politik, inklusive Medienzirkus, absurder Egozentrik, grassierenden Hangs zu Verschwörungstheorien und destruktiver Grabenkämpfe.

          Was ist hier los? Mary Elizabeth Winstead und Danny Pino suchen Antworten.

          Das funktioniert vor allem deswegen, weil die Kings, denen die Idee zur Serie nach dem amerikanischen Regierungs-Stillstand von 2013 kam, ihre Sci-Fi-Farce mit ganz und gar bodenständigem Tonfall und in einem realistischen Rahmen verankern. Im Zentrum ihrer Geschichte steht die Dokumentarfilmerin Lauren Healy (Mary Elizabeth Winstead), die sich von ihrem Vater überreden lässt, während der Regierungsblockade im Büro ihres Bruders, des demokratischen Senators Luke Healy (Danny Pino), auszuhelfen.

          Schuld sind die Ameisenfürze

          Laurel beweist trotz ihrer Abneigung gegen Politik Talent, verguckt sich unglücklicherweise in Gareth Ritter (Aaron Tveit), den Kampagnenmanager des republikanischen Senators Red Wheatus (Tony Shalhoub), und versucht gemeinsam mit dem Nerd Gustav Triplett (Johnny Ray Gill) und der Neurologin Rochelle Daudier (Nikki James) der Alienplage auf die Spur zu kommen. Im Hintergrund laufen Kampagnenvideos von Hillary Clinton und Donald Trump im Fernsehen.

          „Braindead“ ist vielerlei: eine politische Satire mit Horrorelementen, eine Detektivgeschichte, eine komplizierte Lovestory und ein Science-Fiction-Thriller. Die Kings, die weitere an der Wall Street, im Silicon Valley und in Hollywood angesiedelte Staffeln planen, haben großen Spaß daran, ihre abstrusen Ideen mit der nur wenig minder absurden Realität zu verquicken. Laurel lernt bald, die Zeichen einer Infektion zu deuten: Die Erkrankten haben Gleichgewichtsprobleme und sind auf einem Ohr taub. Als mehreren Infizierten die Köpfe explodieren (einem widerfährt dies, als er mit mehreren anderen „Experten“ in einer Nachrichtensendung um die Wette brüllt), vermuten die Republikaner sofort einen terroristischen Hintergrund. Die wahre Erklärung: Ameisenfurze verursachen das.

          Gekonnt veralbern die Kings das Talent amerikanischer Politiker, aus Nichts ein Politikum zu machen: Senator Wheatus bremst den Antrag, den Kaffeekiosk im Senat nach einem dekorierten Kriegsveteranen zu benennen, mit der Behauptung aus, dessen Name klinge zu sehr nach „Scharia“. Wolle man etwa der amerikanischen Öffentlichkeit suggerieren, man stimme für islamisches Recht? Wheatus schlägt stattdessen vor, die Imbissbude nach Ronald Reagan zu benennen, „der ja auch Veteran war“. War er - im Film.

          Die Serie ist hin und wieder derart absurd, dass man sich an Monty Python erinnert fühlt: In musikalischen Einlagen zu Beginn jeder Episode erzählt der Singer-Songwriter Jonathan Coulton, was bisher geschah, die wichtigtuerischen Episodentitel lesen sich wie die Überschriften von Diplomarbeiten. Abwehrmittel gegen die Insektenplage sind übrigens reichlich Alkohol, Sex und Rock’n’Roll.

          Es ist ein schöner Witz am Rande, dass Donald Trump sogar in dieser Welt als zu durchgedreht fürs Präsidentenamt gilt: In vier Jahren könne man das Amt wieder erringen, sagt ein Republikaner und verwirft die Bemerkung, dass man mit Trump doch schon jetzt einen Kandidaten im Spiel habe, als Witz.

          „Braindead“ nimmt sich nie allzu ernst. Statt einen zynischen Blick auf die Vorgänge zu werfen, wie „House of Cards“ das tut, oder den Politzirkus komödiantisch zu überhöhen wie die Serie „Veep“, unterlaufen die Kings mit ihrem albernen Erklärungsversuch des allgemeinen Verstandesverlusts die Resignation, in die einen die real existierende Politik in Amerika treiben kann. Das ist in diesem Wahljahr erstaunlich erholsam.

          Weitere Themen

          Das Virus und die Wahrheit

          Corona in Italien : Das Virus und die Wahrheit

          Wenn die Argumente und Vorwürfe der politischen Farbenlehre folgen: Die italienische Regierung will in der Covid-19-Krise festlegen, was Fake News sind. Das weckt Argwohn.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.