https://www.faz.net/-gqz-9o29v

Satire „In bester Verfassung“ : Schlapphutschafe, die Wolfspelze tragen

  • -Aktualisiert am

Fabian Siegismund, Gudrun Landgrebe und Uke Bosse (von links) spielen die Drei vom Verfassungsschutz. Bild: ZDF und Joscha Seehausen

Das Experiment ist halbwegs geglückt: Die Satire „In bester Verfassung“ läuft in kleinen Episoden im Netz und in Gänze im ZDF-Fernsehen. Sie zeigt Heimatschutz einmal aus ganz anderer Perspektive.

          Als hätte man es beim ZDF gewusst. Ausgerechnet Rezo, seit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ der bekannteste Youtuber Deutschlands, hat nun auch einen kurzen Auftritt in der Satiresendung „In bester Verfassung“. Schon lange versuchen die öffentlich-rechtlichen Sender,die jüngere Zielgruppe zu erreichen, mittlerweile haben sie verstanden, dass das nicht funktioniert, wenn man neue Sendungen im klassischen Fernsehen präsentiert.

          Stattdessen sendet man dort, wo die jungen Zuschauer schon sind, auf der Videoplattform Youtube, und lockt mit Gesichtern, die sie von dort kennen. Erste Erfolge zeitigt das Medienangebot „funk“, das nur im Internet zu sehen ist. Mit „In bester Verfassung“ versucht sich das ZDF jedoch wieder an einer überwunden geglaubten Herkulesaufgabe: Sowohl die Digital Natives als auch das Stammpublikum sollen für dieselben Geschichte begeistert werden.

          Diese spielt in Niederlützel, einem fiktiven Ort im Bergischen Land. In dem Kleinstadt-Idyll mit Fachwerkhäusern, grünen Wiesen und freundlichen Menschen ist für Kriminalität kein Platz. Das wissen vor allem Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse) zu schätzen, zwei Verfassungsschützer, die in Niederlützel stationiert sind, weil ausgerechnet hier vor 35 Jahren eine Gruppe der RAF hochgenommen wurde. Die Trophäen – diverse Waffen und eine Rohrbombe –, ruhen neben Deutschland-Fahnen in der Büro-Vitrine. Das motiviert die Beamten allerdings kaum zum Dienst. Vor allem Dombrowski, von der Rente nicht mehr allzu weit entfernt, lässt gern kurz nach Mittag den Stift fallen und verschwindet für Zigarette und Schnaps an den nächstgelegenen Tresen.

          Doch damit soll jetzt Schluss sein. Nach mehreren Jahrzehnten ist auch in der Zentrale die Untätigkeit aufgefallen und Referatsleiter Matthias Frings (Fabian Siegismund) reist an, um den beiden Beamten die Konsequenzen mitzuteilen: Ihre Filiale soll dichtgemacht werden, sie sollen nach Rostock umsiedeln. Während der hilflose Horner überlegt, wie er das seiner Frau beibringt, fasst Dombrowski einen Entschluss: „Wir gehen nicht nach fucking Rostock!“ Also müssen sich die beiden als Verfassungsschützer im Dorf unverzichtbar machen. Es braucht eine Bedrohung. Islamismus steht gerade hoch im Kurs. Mit einer Kamera, die – Metaebenen-Verknüpfung – zwei jugendlichen Youtubern gehört, produzieren die beiden also ein Drohvideo, das, obwohl maximal dilettantisch, seinen Zweck nicht verfehlt. Die Bürger sehen sich im Fadenkreuz des Terrors, besonders, nachdem eine inszenierte Explosion auf dem örtlichen Schweinehof mit der alten RAF-Bombe gehörig aus dem Ruder gelaufen ist. Vom einen auf den anderen Tag fallen im Dorf die Masken.

          Angeheizt vom Sprechchor „Niederlützel wehrt sich, wir sind deutsch und ehrlich“, tauscht man sich aus. „Wir werden seit Jahren von den Arabern unterwandert, und die Merkel ist eh schon konvertiert“ – „ich habe gesehen, dass sie heimlich Kopftuch trägt. Da gibt’s Fotos im Internet“, erzählen sich die Dorfbewohner. Der Schuldige für den Anschlag ist schnell ausgemacht. Schließlich gibt es nur einen stadtbekannten Muslim, Vedat Akbulut (Tayfun Baydar), der den Dönerladen betreibt. Ein paar Tage bevor „In bester Verfassung“ im ZDF ausgestrahlt wird, ging das Format online, aufgeteilt in acht Folgen mit einer Spielzeit von jeweils acht Minuten, die in der Fernsehfassung hintereinander laufen. Dramaturgisch hat es sich der Autor und Regisseur Joseph Bolz, selbst prominenter Youtuber, nicht leichtgemacht, doch das Kunststück gelingt. Der Spannungsbogen funktioniert sowohl in kleinen Häppchen als auch am Stück. Auch bietet Bolz’ pfiffiger Schnitt im Kontrast zum biederen Setting wunderbar schwarzhumorige Momente, die der Kameramann Joscha Seehausen mit frischem Blick abzubilden weiß.

          Die Probleme der Sendung liegen an anderer Stelle, allen voran in der Darstellung der aggressiven Niederlützeler, bei der die Autoren kein Wutbürger-Klischee auslassen und wenig hinzufügen. Statt zu provozieren, wird moralisiert. Das steht Satire nicht gut. Das komische Potential der Figur Dombrowski zeigt eine geniale Gudrun Landgrebe in den ersten beiden Folgen, danach fehlt es ihr an Raum. Fabian Siegismund, der ebenfalls aus verschiedenen Youtube-Formaten bekannt ist und hier auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, kann als Referatsleiter Frings nicht mit den anderen Hauptdarstellern mithalten, scheint aber einer der Gründe zu sein, warum das ZDF die Serie insgesamt doch als Erfolg verbuchen darf. „Wegen Fabi hier“ heißt es in diversen Online-Kommentaren. Die jungen Zuschauer sind ihren Stars aus dem Netz zum ZDF gefolgt.

          Einige Nutzer mögen nun mit der Marke, die sie sonst nur von ihren Eltern kennen, etwas Positives, gar Cooles verbinden. Fernsehzuschauer, die sich zur späten Stunde für Stücke aus der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels interessieren, werden nicht verprellt. Das Experiment ist mit Abstrichen geglückt. „Die Zerstörung des ZDF“ steht nicht zu befürchten.

          In bester Verfassung, heute um 23.55 Uhr im ZDF

          Weitere Themen

          Alles gar nicht so gemeint

          Politik und Pop : Alles gar nicht so gemeint

          In der Popmusik sind immer schon politische und soziale Konflikte ausgehandelt worden. Derzeit geschieht das aber härter denn je. Zwei neue Bücher ergründen, warum das so ist.

          Topmeldungen

          2007 sitzt Kanzlerin Angela Merkel von dem Eqi Gletscher in Dänemark – heute ist der Klimawandel eine ihrer größten Herausforderungen. (Archivbild)

          Klimapolitik der CDU : Die größte Baustelle der Merkel-Ära

          Die CDU will endlich den gordischen Klima-Knoten durchschlagen. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn der Preis auf Kohlendioxid nicht so endet wie die Energiewende.

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch seine Gespräche mit Kommissionschef Juncker blieben ohne konkretes Ergebnis. Das erste Treffen zwischen den beiden Politikern findet ein kurioses Ende.
          Samstagabend in Lampedusa: 82 Gerettete wurden an Land gebracht

          Italien und die Seenotrettung : Vorübergehend berechenbar

          Die neue Regierung in Italien dreht im Streit über private Seenotretter bei. Doch das Grundproblem des Dubliner Übereinkommens bleibt bestehen. Regierungschef Conte verlangt Reformen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.