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„Schöne Neue Welt“ bei TVNow : Die richtige Pille für jedes Problem

  • -Aktualisiert am

Lässt sich in dieser „Schönen Neuen Welt“ Freiheit erlangen? Lenina Crowne (Jessica Brown Findlay) versucht es herauszufinden. Bild: TVNow

Körperchoreographie in Parfümwerbeästhetik: Die Serienadaption von „Schöne Neue Welt“ hat für das Jahr 2020 kaum etwas zu sagen.

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          Als Donald Trump 2016 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, landete George Orwells „1984“ knapp 70 Jahre nach seinem Erscheinen wieder auf Platz eins der Bestsellerlisten. Ideen wie die vereinfachte Propagandasprache „Neusprech“, das „Doppeldenk“-Konzept, bei dem widersprüchliche Aussagen ungefragt nebeneinander akzeptiert werden, oder ein „Wahrheitsministerium“, das alternative Fakten schafft, wirkten plötzlich wieder aktuell. Oft im gleichen Atemzug mit „1984“ wird Aldous Huxleys durchaus anders gelagerte „Schöne neue Welt“ von 1932 genannt. Auch dieser Roman gewann seit Trumps Präsidentschaft an Beliebtheit.

          Es wird auch in Huxleys schöner neuen Welt totalitär überwacht und manipuliert, wissenschaftlicher Futurismus schlägt hier aber stärker zu Buche als konkrete ideologische Parallelen zu unserer Gegenwart und Geschichte. In der von Huxley erdachten Gesellschaft, die nun für den neuen amerikanischen Streamingdienst „Peacock“ als Serie adaptiert wurde, sind starke Emotionen untersagt. Es gibt keine Wut und kein Leid, aber auch keine Liebe oder Begeisterung, jedes kleinste Unwohlsein wird sofort mit einer von vielen Pillen ausgemerzt, die jeder Bewohner der Sci-Fi-Metropole New London stets mit sich trägt. Das Klickgeräusch, welches ertönt, wenn die kleinen Glücklichmacher ihren Behälter verlassen, ist der Soundtrack des Alltags dieser Menschen, die schon vor ihrer Geburt in fünf verschiedene Kasten eingeteilt werden. Die sogenannten „Alphas“ bilden die höchste, die „Epsilons“ die niedrigste gesellschaftliche Gruppe. Letzterer wird vor der Geburt Sauerstoff entzogen und Alkohol zugeführt, um sie auch körperlich und geistig zu benachteiligen. Während die Epsilons für einfache Arbeiten zuständig sind, leiten die Alphas die staatlichen Angelegenheiten, so auch Bernard Marx (Harry Lloyd), der in seiner ersten Szene die Beta-Frau Lenina (Jessica Brown Findlay) zurechtweist, weil sie zweiundzwanzigmal hintereinander mit dem selben Mann geschlafen hat. Das Video-Beweismaterial läuft begleitend im Hintergrund. Damit hat Lenina gegen eine der drei wichtigsten Regeln von New London verstoßen, die da lauten: „keine Privatsphäre, keine Familie, keine Monogamie“. Der „selbstsüchtigen Besitzergreifung“ ihrer monogamen Beziehung zu einem Alpha-Mann schwört Lenina also schleunigst ab, mit dem geläufigen Mantra „Ein jeder besitzt Anspruch auf einen jeden“.

          Sexorgien als beliebte Freizeitaktivität

          Damit ist sie entschuldigt und kann an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wo sie künstlich Eizellen befruchtet, um den Bestand der Gesellschaft mit der abgestimmten Zahl von Vertretern der verschiedenen Klassen zu erhalten. Die Embryonen wachsen anschließend in künstlichen Brutmaschinen heran, denn Elternschaft ist ebenfalls streng untersagt. Zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten in der schönen neuen Welt gehört die Teilnahme an Sexorgien, die von Regisseur Owen Harris als aalglatte Körperchoreographie in Parfümwerbeästhetik inszeniert werden. Sexy ist anders und das mag durchaus beabsichtigt sein. Weitaus aufregender als jede Orgie ist für die höheren Klassen ein Besuch von „Savageland“, in der Regel ein einzigartiges Erlebnis, das sowohl für Nervenkitzel sorgen, vor allem aber auch anschaulich machen soll, wieso die Welt von New London so erstrebenswert ist. Die „Wilden“, die hier leben, verkörpern das Klischee des amerikanischen White Trash: rauchende, saufende, fluchende, prügelnde Menschen mit schlechten Zähnen, die in vermüllten Wohnwagen leben und anscheinend jegliche Kontrolle über ihr Leben verloren haben.

          Dazu gehört auch John (Alden Ehrenreich), der in einem von den Serienautoren entwickelten Actionplot plötzlich in New London landet und dort die etablierte Gesellschaft auf die Probe stellt. Das alles ist in den minutiös durchstilisierten Sets von Produktionsdesigner David Lee schick anzusehen, und vor allem Zuschauer, die den Roman nicht kennen, könnten von den Ideen Huxleys fasziniert sein. Und doch bleibt die Serie weitgehend blutleer.

          Wird ein Klassiker adaptiert, darf man erwarten, dass die Macher auch etwas zur Gegenwart zu sagen haben. Doch mit Blick auf das Amerika des Jahres 2020 bleibt diese „Schöne Neue Welt“ stumm. Die Abbildung überholter Klischees einer amerikanischen Unterschicht bietet keinen Mehrwert, die Welt von New London ist heute, anders als bei der Veröffentlichung des Romans, weder wissenschaftlich bahnbrechend noch bietet sie relevante gesellschaftliche Denkansätze für die drängenden Fragen in diesem wichtigen politischen Jahr. Das muss nicht heißen, dass man sich von dieser sehr aufwendig inszenierten Serie und ihren fähigen Darstellern, die ihre Figuren durch neue, der Vorlage enthobene Spannungsbögen lavieren, nicht unterhalten lassen kann. Aber wo der Name eines Werks mit einem solch visionären Status Pate steht, werden die meisten Zuschauer das wohl zumindest in Ansätzen auch von der Adaption erwarten. In diesem Fall werden sie enttäuscht.

          Schöne Neue Welt ist bei TVNow zu sehen.

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