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„Die Reise mit Vater“ auf Arte : Brüder nur im Geiste

  • -Aktualisiert am

Rollende Stoppschilder: Emil (Razvan Enciu) (von links), Mihai Reinholtz (Alex Margineanu) und ihr Vater William (Ovidiu Schumacher) werden auf ihrer Reise von russischen Panzern gestoppt. Bild: BR

In Anca Miruna Lazarescus Spielfilmdebüt „Die Reise mit Vater“ kollidieren altlinke Phantastereien mit der Sehnsucht der Opfer des Sozialismus nach Freiheit und einem besseren Leben.

          3 Min.

          Das mit der Farbe haben sie wunderbar hinbekommen, Anca Miruna Lazarescu (Regie und Drehbuch) und Christian Stangassinger (Kamera). Das Roadmovie über eine Familie von Donauschwaben – zwei Brüder und ein todkranker Vater –, die im Jahre 1968, als die Weltgeschichte einen kurzen Schwindelanfall hat, in den freien Westen gelangen, ist ganz in staubigen Sonnenglanz getaucht. Es ist, als ob man eine Reise in ein altes Familienalbum voller verfärbter Farbfotografien unternimmt. Liebevoll sind auch die Sets ausgestaltet (Petra Albert), vor allem die rumpelige Wohngemeinschaft in München, in der das Trio nach abenteuerlichen Umwegen landet. Rainer Langhans würde ohne zu zögern einziehen, zumal eine Uschi Obermaier schon dort wohnt, die vermögende Gräfin Ullrike von Syberg (Susanne Bormann), die nur „Ulli“ genannt werden will und sich als Sozialistin gefällt.

          Hätte sich die in Rumänien geborene, seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland lebende Filmemacherin der Handlung mit derselben Lässigkeit genähert wie der Optik, hätte eine bezaubernd freischwebende Meditation über die ungestillten Sehnsüchte zweier Gesellschaften im (vermeintlichen) Aufbruch entstehen können. Leider wurde hier aber zu stark formend eingegriffen. Die Figuren dürfen sich nicht aus sich heraus entfalten in dieser nostalgisch schönen und zugleich weltanschaulich so beklemmend engen Umgebung. Das liegt nur zu einem kleinen Teil daran, dass dem Film die wahre Lebensgeschichte des Vaters der Regisseurin zugrunde liegt, denn auch diese wurde noch einmal zugespitzt, um Kontradiktionen zu betonen.

          Für Ideologien gleich welcher Art nicht zu haben

          Die Erzählung beginnt in Rumänien. Der junge Arzt Mihai Reinholtz (Alex Margineanu), der minimal mit der Staatssicherheit kollaboriert, um für sich und seine Familie zu sorgen, hat eine Urlaubsreise in die DDR organisiert, die jedoch eigentlich dazu dienen soll, seinem Vater (Ovidiu Schumacher) eine lebensrettende Operation zu ermöglichen. Mihais junger Bruder Emil (Razvan Enciu) gefährdet die ganze Angelegenheit durch rebellische Aktionen gegen die auch dem Vater verhassten „Stalinisten“. Vater und Bruder spielen ihre Rollen ziemlich überbetont, Mihai dagegen nimmt man seinen melancholischen Pessimismus ab. Für Ideologien gleich welcher Art ist er nicht zu haben.

          Während der Reise trifft das Gespann, das im Auto einige Konflikte austrägt, auf Panzer, die in Richtung Tschechoslowakei rollen, um den Prager Frühling mit Gewalt zu beenden. Zusammen mit fünfzig anderen rumänischen Familien landen die Reinholtz in der DDR im Gewahrsam. Wieder wird Mihai als eine Art Spion angeworben. Kurz darauf erfahren sie, warum sie festgehalten werden: Nicolae Ceauşescu, der bald eine der fürchterlichsten Diktaturen Osteuropas errichten sollte, hatte in einem lichten Moment den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes verdammt. Hoffnung keimt auf, aber noch größer ist die Freude, als klar wird, dass die organisierte Rückreise der Rumänen mittels Transitvisum über die Bundesrepublik Deutschland führt. Weil Mihai unterwegs die hübsche Ulli kennengelernt hat, findet sich die Familie schließlich in besagter WG wieder.

          Mehr Auge, als Ohr: Ulli (Susanne Bormann) versucht, telefonisch für den Vater (Ovidiu Schumacher, 2.von rechts) Hilfe zu organisieren. Seine Söhne Mihai (Alex Margineanu, links) und Emil (Razvan Enciu) verfolgen das Ganze gebannt.
          Mehr Auge, als Ohr: Ulli (Susanne Bormann) versucht, telefonisch für den Vater (Ovidiu Schumacher, 2.von rechts) Hilfe zu organisieren. Seine Söhne Mihai (Alex Margineanu, links) und Emil (Razvan Enciu) verfolgen das Ganze gebannt. : Bild: BR

          So landet also eine den Sozialismus als System aus Korruption, Mangelwirtschaft und Willkürherrschaft erlebt habende Familie in einer Runde von Wohnzimmerrevoluzzern, die sogar die Gewalt auf dem Prager Wenzelsplatz als Verteidigung gegen den Kapitalismus rechtfertigen. In der Darstellung der Münchner Linken kommt der Film, der durchweg ein Problem mit Ironie hat, über eine platte Parodie allerdings nicht hinaus. Auch die Liebeshandlung hätte mehr Tiefgang vertragen. Bald stehen alle drei Protagonisten, die sich in diesem beeindruckend reichen Westen fremd fühlen, vor der großen Frage, ob sie zurückkehren sollen in ihre scheinbar ein Stück weit sich öffnende Heimat. Nur Mihai bleibt skeptisch, möchte sein Glück lieber im Exil suchen. Als ihn dann aber auch die westdeutsche Polizei unter Druck setzt, um ihn zu einem Informanten zu machen, zerbricht sein Glaube an die Freiheit. Auch hier also ist ein ähnlicher Preis in Sachen Integrität zu zahlen.

          Es gibt drei Gründe, warum es sich trotz der Schwächen bei den allzu schematisch konstruierten Figuren lohnt, diese rumänisch-ungarisch-deutsch-schwedische Koproduktion einzuschalten: Neben der visuellen Gestaltung ist das die Gabe Anca Miruna Lazarescus, politische Ereignisse treffend aufs Persönliche herunterzubrechen, sowie ihre Fähigkeit, aus ideologischen Phantastereien unaufgeregt die Luft herauszulassen. Die alte Linke gibt es zwar längst nicht mehr, dafür aber wachsen in den liberalen Demokratien heute glühende Nationalisten wie Schimmelpilze heran. Sie sollten sich einmal in Ungarn, Russland oder der Türkei umsehen, um zu bemerken, wozu es führt, wovon sie ähnlich naiv träumen wie einst die Achtundsechziger von der Revolution.

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