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Doku „Die Recyclinglüge“ : Doch nicht so grün

  • -Aktualisiert am

Die junge Klimaaktivistin Nina Arisandi, sitzt im Mangrovenwald, umzingelt von Plastikabfällen. Bild: WDR/Yetha/a&o buero

Die investigative Dokumentation „Die Recyclinglüge“ zeigt, dass die Wiederverwertung von Plastik ein Großbetrug weltweiten Ausmaßes ist. Wer glaubt, dass Plastik im gelben Sack gut aufgehoben ist, liegt falsch.

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          Probleme werden gerne so lange ignoriert, bis die Auswirkungen deutlich spürbar sind. Ein weltweites Problem, dessen wir uns längst bewusst sind, ist die Umweltverseuchung durch Plastik. Gegen die ist noch nichts unternommen, wenn der Plastikmüll in die Recyclingtonne wandert, im Gegenteil. Der investigative Film „Die Recyclinglüge“ von Tom Costello und Benedikt Wermter führt vor Augen, dass Plastik-Recycling nichts als eine große Illusion ist, hinter der sich ein System der Korruption verbirgt.

          Um das zu zeigen, begab sich das Rechercheteam auf die Spuren von Müllmaklern, einer weltweit agierenden Abfallmafia, und der weltweit größten Kunststoffhersteller. Der Film beginnt in Surabaya, Indonesien: Nina Arisandi kniet im dichten Mangrovenwald. Die fünfzehnjährige Umweltaktivistin ist umgeben von Plastikmüllbergen, ihre Ausrüstung sind ein Paar orangefarbene Handschuhe und eine weiße Mülltüte. Nach den Absendern des Mülls muss Arisandi nicht lange suchen, die Namen Nestlé, Unilever und Procter & Gamble finden sich auf den Verpackungen.

          Arisandi gibt TED-Talks und macht auf den sozialen Medien auf den Betrug aufmerksam. Bei Fernsehauftritten wiederholt sie eine Botschaft: Konzerne müssen weniger Plastik produzieren und für die illegale Müllbeseitigung und Umweltverseuchung haftbar gemacht werden. Die Kunststoffunternehmen antworten darauf mit schicken und teuren Werbekampagnen und dem Zauberwort: Kreislaufwirtschaft.

          Nur fünf Prozent des Plastikmülls werden zu neuem Material verarbeitet

          Die Chemieingenieurin Jan Dell lebt und arbeitet in Kalifornien. Sie schüttelte den Kopf, als sie das erste Mal vom Begriff „Kreislaufwirtschaft“ hörte. Die ehemalige Industrieinsiderin beriet Firmen wie Nike, Chevron und Mattel in Sachen Nachhaltigkeit. Sie sagt, dass es sich bei der Kreislaufwirtschaft um eine große Farce handelt, angetrieben von der Plastikindustrie und den Verpackungsherstellern, um weiteres Plastik zu verkaufen. Denn das Recyceln von Plastik sei – teuer. Wiederverwertbare, recycelte Verpackungen kosten mehr als saubere Neuverpackungen. Warum sollten sich also Unternehmen wie Coca-Cola, Nestlé oder Unilever für ein schlechteres und teureres Produkt entscheiden, wenn sie ein billigeres frisch aus der Produktion bekommen? Den Ölkonzernen kommt das gelegen. Für die Öl- und Chemieindustrie ist die Kunststoffproduktion ein wichtiges Feld. Bis 2050 sollen 20 Prozent der gesamten Ölherstellung für Kunststoffe verwendet werden, falls nichts dagegen getan wird, steigt die Plastikverschmutzung in diesem Zeitraum auf das Vierfache an.

          Trailer : Die Recyclinglüge

          Nur fünf Prozent des Plastikmülls, heißt es im Film, werden in Sortieranlagen zu neuem Material verarbeitet. Und wohin verschwindet der Rest dessen, was wir in den gelben Sack stopfen? In Asien oder in einer der 54 Zementfabriken in Deutschland. Denn Kunststoff eignet sich ideal als Brennstoff, und heutzutage werden die Zementfabriken für ihre thermische Verwertung sogar bezahlt. Dass die Zementindustrie weltweit dreimal mehr Treibstoffgase ausstößt als der gesamte Flugverkehr, sei nebenbei erwähnt.

          Die Dokumentation begleitet einen Aktivisten, der illegale Abfallimporte in der Türkei dokumentiert. Wer versucht, die gesetzeswidrigen Müllgeschäfte aufzudecken, erhält Todesdrohungen von der Mafia. Der Politik sei bewusst: Je mehr Geld in die Recyclingbranche fließt, desto eher werden Kriminelle angezogen. Während die Einwegplastikproduktion auf Hochtouren schnurrt, lässt die anschauliche Dokumentation die verführerische Idee des Recyclings auflaufen. Sie zeigt den Ernst der Lage.

          Heute Abend um 22.50 Uhr im Ersten. Abrufbar in der ARD-Mediathek.

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Die Verursacher des Mülls im Meer Bild: Illustration Johannes Thielen

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