https://www.faz.net/-gqz-94lxe

RBB-Doku „Der Anschlag“ : Der Staat versagt im Fall des Anis Amri

Ein LKW als Waffe: Der Berliner Breitscheidplatz kurz nach dem Anschlag. Bild: rbb/Berliner Morgenpost/Reto Kla

Nichts als Pleiten und Pannen: Die RBB-Dokumentation „Der Anschlag – Als der Terror nach Berlin kam“ zeigt, wie die Behörden den islamistischen Attentäter Anis Amri aus den Augen verloren.

          2 Min.

          Die „meisten der Verantwortungsträger in Behörden und Ministerien“, heißt es am Schluss der Dokumentation „Der Anschlag – Als der Terror nach Berlin kam“, hätten Interviews für diesen Film verweigert. „Überwiegend mit Verweis auf laufende Verfahren.“ Das verwundert nicht, denn das Ausmaß der Fehlentscheidungen der überlasteten deutschen Polizeibehörden ist im Fall Anis Amri auch in Relation zu anderen Anschlägen erschreckend. So oft war der spätere Attentäter für die Polizei greifbar, so oft passierte trotz seiner bekannten Vergehen nichts, dass Amri sich am Ende selbst wie ein Auserwählter vorgekommen sein muss.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film des Rundfunks Berlin-Brandenburg zeichnet die Vorgeschichte des Anschlags vom 19. Dezember 2016 auf dem Breitscheidplatz durch den zu dieser Zeit schon als „Top-Gefährder“ eingestuften Attentäter chronologisch nach. Er fährt mit einem Sattelschlepper in die Besuchermenge des Weihnachtsmarkts. Zwölf Menschen sterben. Mehr als sechzig werden schwer verletzt.

          Für die Dokumentation haben Reporter des RBB und der „Berliner Morgenpost“ die Ereignisse rekonstruiert, den Weg des Attentäters nachverfolgt und geheime Akten und Berichte der Polizei ausgewertet. Der Fokus des Films liegt deutlich auf der Frage nach der Verantwortung der Behörden: Wie konnte es soweit kommen, obwohl Amri den Behörden in Nordrhein-Westfalen und Berlin bekannt war und sein Name im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ), einer Koordinierungsstelle der Sicherheitsbehörden der Länder und des Bundes, mehrfach „auf der Tagesordnung stand“?

          Zu Wort kommen Fahnder und Sicherheitsexperten, darunter der ehemalige Bundesanwalt und Sonderermittler des Berliner Senats, Bruno Jost. Doch auch Gespräche mit Angehörigen der Opfer sowie mit flüchtigen Bekannten von Amri sind Bestandteil der Doku – wenn auch ein untergeordneter. So sprachen die Reporter mit ehemaligen Mitgliedern der Gruppe um den mittlerweile verhafteten salafistischen Prediger Abu Walaa, der im Verdacht steht, junge deutsche Muslime für den IS angeworben zu haben. Bei ihm, das vermutet das Bundeskriminalamt später, ließ Amri sich ein halbes Jahr vor dem Anschlag in einer dreißigminütigen Privataudienz „segnen“.

          Eine ganze Serie von Fehleinschätzungen und Pannen

          Leicht haben es sich die Reporter Sascha Adamek, Jo Goll, Susanne Opalka, Norbert Siegmund und Ulrich Kraetzer nicht gemacht. Sie führen den Zuschauer Schritt für Schritt durch die Serie von Fehleinschätzungen und Pannen der Sicherheitsbehörden. Schon im Oktober 2015 wird Amri erstmals beim Staatsschutz des Nordrhein-Westfälischen Landeskriminalamtes „aktenkundig“, als „Prüffall Islamismus“. Nur versäumt das LKA damals, die örtliche Polizei und andere Behörden zu informieren.

          In Duisburg und Dortmund vernetzt sich Amri mit anderen Islamisten. Einer davon entpuppt sich später jedoch als V-Mann des LKA. Dort wird der Mann, der sich Murat nennt, als „VP01“ geführt. Im Prozess gegen Abu Walaa stützt sich die Anklage zwar auf die Aussagen des V-Manns, merkt jedoch an, dass die „Vertrauensperson aus dem Ruder gelaufen sei“. VP01 sagt aus, er habe sich „absprachegemäß immer als anschlagsbereit dargestellt“, um „von Leuten, die möglicherweise Anschläge planen, mit einbezogen zu werden und an Informationen zu gelangen“.

          Später wird Amri selbst überwacht und zum wertvollen Informanten wider willen – viel zu kostbar, um ihn auffliegen zu lassen. Die zweite Hälfte des Films konzentriert sich auf die Maßnahmen der Berliner Polizei, die zwar schon im Februar 2016 im Besitz brisanter Daten aus Amris Handy ist, diese aber nicht auswerten kann, weil es einen so gewaltigen „Vorgangsstau“ gibt. Noch als Amri observiert wird, geben die Beamten beim LKA dessen Aktivität als Drogendealer nicht an seine Beschatter weiter. Die wiederum geben die Beschattung irgendwann auf, verschleiern diese Tatsache aber später.

          Auch der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt bekommt Gelegenheit, sich zur Rolle seiner Behörde im Fall Amri zu äußern. Im Film zieht Kandt so nüchtern Bilanz: „Klar war immer, dass wir nicht jede Person das ganze Jahr lang überwachen können. Klar war auch, dass uns da mal einer durchrutscht und wir eine geplante Tat nicht erkennen. Und das ist auch passiert.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.