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„Die Protokollantin“ im ZDF : Sehen und nicht gesehen werden

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Sie verfolgt sie in Träumen und Gedanken: Tochter Marie (Zoe Moore, rechts) geht Freya Becker (Iris Berben) nicht aus dem Sinn. Bild: ZDF

Widerstand im Verborgenen: In der ZDF-Miniserie „Die Protokollantin“ spielt Iris Berben eine Frau, die Grausames aufzeichnet und ihren Weg findet, damit umzugehen.

          Es ist ein Job für Unsichtbare und Freya (Iris Berben) macht ihn gut. Stunde um Stunde sitzt sie vor ihrem Computer im Verhörraum der Polizeistation, lauscht den Aussagen und hält sie fest. Ihre Anschläge auf der Tastatur begleiten das Gesagte, das in seiner Grausamkeit manchmal kaum auszuhalten ist, wie ein leises Echo. Es sind oft Männer, die hier sprechen. Darüber, wie sie ihre Frauen versehentlich zu Tode geprügelt oder sich an Kindern vergangen haben. Manche von ihnen sind gefasst, andere wütend, viele verzweifelt. Sie schreien, zischen und flehen. Freya tippt alles mit. Das ist ihre Aufgabe als Protokollantin. Reagieren auf das, was sich in dem düsteren Raum zuträgt, darf sie nicht. Nicht darüber reden, nichts überprüfen oder zumindest nachfragen, wie es die Polizisten tun. Sie bleibt mit dem Gehörten allein, verwahrt es im Archiv und ihrem Gedächtnis.

          Das muss etwas machen mit einem Menschen, doch Freya lässt sich nichts anmerken. Im Verhörraum verschmilzt sie farblich mit den Wänden (Kostüm: Petra Kray), und auch in ihrem Zuhause wirkt sie mehr wie ein Teil des Dekors denn als Frau, die sich vielleicht zumindest im Privatleben ein wenig entfalten kann. Zu ihren Kollegen ist Freya höflich, offen spricht sie nur mit ihrer Katze.

          Die Kollegen bei der Polizei sind von der Arbeit frustriert

          Ihr Umfeld lässt sie gewähren, niemand drängt sich auf, weil alle den Grund für Freyas Verschlossenheit zu kennen glauben. Vor elf Jahren verschwand ihre damals siebzehnjährige Tochter Marie (Zoe Moore). Was mit dem Mädchen geschah konnte nie aufgeklärt werden. Es sind Fälle, die ihrem eigenen ähneln, die die verordnete Unbeteiligtheit ihres Berufs für Freya unmöglich machen. So wie der von Thilo Menken (Andreas Lust), dessen tränenreiches Geständnis der Vergewaltigung seiner geistig behinderten Stieftochter die Protokollantin gewissenhaft mitschreibt, bevor er es widerruft und schließlich aus Mangel an Beweisen vor Gericht freigesprochen wird. Seine Stieftochter, tot oder lebendig, bleibt verschwunden.

          An diesem Punkt beschließt Freya, sich einzuschalten – ruhig, ohne großes Aufheben. Sie kann sich darauf verlassen, dass man ihr keine Beachtung schenken wird, nicht nur, weil sie die Unauffälligkeit perfektioniert hat, sondern auch, weil ihre Mitmenschen schwer mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Ihr Bruder Jo (Moritz Bleibtreu) lebt in ständiger Sorge, dass sich seine psychisch labile Frau (Laura de Boer) irgendwo ins Koma trinkt und währenddessen die kleine Tochter allein zu Hause lässt. Alte Freunde kämpfen mit dunklen Geheimnissen, ihre Kollegen bei der Polizei sind von der Arbeit frustriert.

          Das Drama entfaltet sich gleichmäßig schleichend

          Das ändert sich, als Henry Silowski (Peter Kurth) nach Berlin versetzt wird, um die Leitung des Kriminalhauptkommissariats zu übernehmen. Auch Silowski bringt seine persönlichen Dämonen mit, steckt aber all die Energie, die er braucht, um sich davon abzulenken, in die Arbeit. Er rollt sämtliche ungelösten Fälle der letzten Jahrzehnte neu auf, und Freya muss sich zum ersten Mal ernsthafte Sorgen machen, dass jemand ihr Treiben durchschaut, dem sie sich verschrieben hat, um nach dem Verschwinden ihrer Tochter morgens noch aufstehen zu können.

          Die Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse hat mit der Konzeption ihrer Miniserie wahrlich Nerven bewiesen. Sie verzichtet auf den Adrenalinspiegel steigernde Effekte oder überhöhte Cliffhanger am Ende der Episoden. Das Drama entfaltet sich gleichmäßig schleichend. Die Geheimnisse brodeln unter der Oberfläche. Fragen und Antworten werden in kleinen Dosen hinzugegeben, nichts schäumt über oder verdunstet.

          Iris Berben erspielt sich ihre Figur mit vielen Feinheiten, einem sanften Kneten der Hände, dem aufrechten, fast starren Gang und Mundwinkeln, die jedes Lächeln wie Schwerstarbeit aussehen lassen. Das, was sich zwischen Freya und Kommissar Silowski abspielt, bringt kurze Augenblicke der Wärme. Doch der Zuschauer ahnt, dass es für diese traurigen Helden keine Erlösung geben wird. Sie haben zu viel gesehen, gehört und mitgeschrieben.

          Nina Grosses Berlin ist kein Schauplatz für neue Leben. In diesem Pfuhl aus Unglück, der in seiner Undurchsichtigkeit Raum für kompromisslose Taten gibt, entfaltet die Serie einen Sog, dem man sich als Zuschauer schwer entziehen kann – mit einer Protagonistin, wie man sie in ihrer ungebrochenen Zurückgezogenheit selten, im deutschen Fernsehen so noch nie gesehen hat. Das hat auch im Ausland Beachtung gefunden, die Ausstrahlungsrechte wurden schon nach Frankreich, Australien und in die Niederlande verkauft.

          Die Protokollantin läuft heute, 21.45 Uhr im ZDF und vom 19. Oktober an in der ZDF-Mediathek.

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