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Ufa verpflichtet sich selbst : Wir wollen Diversität anders leben

Seit drei Jahren ist Nico Hofmann Geschäftsführer der Ufa, an der Filmhochschule Ludwigsburg lehrt er seit 1995. Zum Diversitätsplan seines Unternehmens sagt er: „Es geht hier nicht um Quotierung, sondern um Gleichberechtigung und Chancengleichheit, wenn jemand Talent hat“: Bild: Jens Gyarmaty

Die Produktionsfirma Ufa erlegt sich eine Selbstverpflichtung in Sachen „Diversity“ auf. Dabei geht es um Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Geschäftsführer Nico Hofmann erläutert, was es damit auf sich hat. Wird jetzt alles quotiert?

          6 Min.

          Die Ufa gibt sich eine Selbstverpflichtung für mehr Diversität, einen „Diversity Circle“. Warum?

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das kommt bei mir persönlich aus zwei Ecken. Ich unterrichte seit 1995 an der Filmhochschule in Ludwigsburg, und ich bemerke die Veränderung bei meinen Studierenden. Es gibt Studiengänge, deren Teilnehmer zur Hälfte Migrationshintergrund haben. Es gibt Studiengänge, in denen das Verhältnis zwischen Frauen und Männern erfreulicherweise pari, pari ist, fifty-fifty, ohne jede Quote, aufgrund von Talent. Wenn Sie mit Studierenden arbeiten, erleben Sie die Veränderung unserer Gesellschaft. Alle Bereiche der Diversität, auch was das Geschlecht angeht, zeigen sich auf. Dasselbe erlebe ich in meinem Unternehmen, der Ufa. Die Zusammensetzung der Mitarbeitenden ist heute eine ganz andere als noch vor drei Jahren, als ich die Geschäftsführung übernommen habe. Wir sind in der Ufa ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Deshalb wollen wir Diversität anders leben.

          Sie konzentrieren sich auf vier Bereiche: Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Nach diesen vier Gruppen fragen Sie bei jeder Produktion – nach Protagonisten, Figuren, Drehbuch, Handlung, Besetzung vor und hinter der Kamera. Da frage ich mich, welcher Freiraum bleibt da für die Kreativität derjenigen, die sich eine Geschichte ausdenken, die sie inszenieren, wenn sie eine lange Liste von Diversitätskriterien abhaken müssen?

          Das ist nicht unser Ansinnen. Das Ansinnen ist, mit einem anderen Selbstverständnis auf diese Gruppen zu schauen. Dass alle anderen Gruppen, Familien mit Kindern, ältere Menschen und alle anderen, die in unserer Gesellschaft leben, ebenso souverän und selbstverständlich vorkommen, ist doch gar keine Frage. Aber wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte anschaut, muss man feststellen, dass die Gruppen, die Sie genannt haben, gar nicht beachtet oder klischeehaft wahrgenommen wurden. Ich bin kein Freund irgendwelcher Regelungen noch von Diktaten, die die Meinungsfreiheit beschränken oder exakt festlegen, wie Figuren abzubilden sind. Was wir uns in puncto Diversität vornehmen, betrifft die Stoffe, die Besetzung vor und hinter der Kamera und den Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unserem Haus.

          Wenn Sie Fragen aufwerfen wie: Wozu dient das Geschlecht einer Figur, ihre Herkunft, ihre sexuelle Orientierung? Könnte dies nicht anders aussehen? Ist die Darstellung herabwürdigend oder diskriminierend? Sind Szenen mit sexuellem Inhalt nötig? Das finde ich – erstaunlich. Ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen nicht herabgewürdigt werden? Aber dass man trotzdem Herabwürdigung zeigt, damit jeder erkennen kann, worum es geht? Sollen sexuelle Inhalte tabuisiert werden? Gibt es dann Kriminalfilme ohne Verbrechen?

          Das verstehen Sie falsch. Ich nehme mal eine Serie wie „Ku’damm“ im ZDF. Da geht es um Frauenbilder, es geht um Homosexualität, es geht um gesellschaftliche Moralvorstellungen einer bestimmten Zeit. Dort ist das, worüber wir gerade reden, Gegenstand der Betrachtung. Aber wenn ich generell auf Produktionen der letzten zehn, fünfzehn Jahre sehe, finde ich es erstaunlich, mit welchen Klischees da gearbeitet wurde. Mit welcher Selbstverständlichkeit Sexualität und Gewalt vermischt werden, ohne zu reflektieren, was man damit bewirkt. Das hat sehr viel mit Frauen- und Männerbildern zu tun. Es geht um eine Sensibilisierung. Wenn wir mit Stoffen arbeiten, wollen wir im Hinterkopf behalten, womit wir uns da eigentlich beschäftigen, welche Bilder und welche Rollenbilder wir prägen. Darüber habe ich zum Beispiel bei „Solo für Klarinette“, dem letzten Film, bei dem ich Regisseur und nicht der Produzent war, mit den Hauptdarstellern Corinna Harfouch und Götz George nächtelang diskutiert.

          Sie sagen in Ihrem Programm, Sie wollten keine „veralteten Narrative“ und Stereotype bedienen. Das klingt so, als habe das Fernsehen, das Kino, als habe die Ufa genau oder nur solche Dinge hervorgebracht und sei noch fleißig dabei.

          Wenn Sie sich das deutsche Fernsehen und auch die Ufa-Produktionen ansehen, sei es mit Blick auf People of Color, Migrationshintergrund oder Sexualität, dann finden Sie oft Alibi-Besetzungen, die nicht wirklich vom Klischee abweichen. Das stelle ich fest, wenn ich mir anschaue, was in den letzten 25 Jahren produziert worden ist. Uns geht es darum, das herumzudrehen. Es geht uns um eine neue Selbstverständlichkeit.

          Was ist mit Ihren eigenen Programmen? Etwa „Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF, eines Ihrer persönlichsten Projekte. Der Film „Solo für Klarinette“, den Sie genannt haben. Da geht es um Schicksale, Menschen, Geschichte, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Mein Eindruck vom Film- und Serienmachen heute ist: Vieles wird unseren heutigen Vorstellungen unterworfen, da werden Wunschvorstellungen auf die Vergangenheit projiziert. So sehen dann die Figuren aus, und so klingen die Texte. Würden Sie „Unsere Mütter, unsere Väter“ heute noch so drehen, wie Sie es vor sieben Jahren taten?

          Ich würde „Unsere Mütter, unsere Väter“ genauso drehen, weil es eine Betrachtung über die Zeit der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs und über meine Eltern war, über junge Frauen und Männer in dieser Zeit in Deutschland. Aber wir reden über – jetzt. Ich werde aber auch in meinen eigenen Produktionen klischeehafte Frauenbilder finden, die ich heute so nicht mehr darstellen würde. Es geht ganz stark darum, wovon ein Stoff handelt und in welcher Zeit er spielt. Mir geht es um das Bewusstsein dafür, was wir da machen.

          Und Sie fürchten nicht, dass über alles eine Folie gelegt wird, damit es zu unseren heutigen Vorstellungen passt? Frauenbilder, Männerbilder, patriarchale Strukturen, Machtverhältnisse, Diskriminierung, Ausgrenzung, das muss man doch darstellen – und zwar so, wie es war oder ist. Ohne dass es zum Traktat wird.

          Aber genau darum geht es uns doch. Wenn Sie eine bestimmte Zeit darstellen, muss es in dem Duktus der Zeit spielen. Aber da lässt sich eine Menge machen, nehmen Sie nur die zweite Staffel von „Charité“, die gerade eine International-Emmy-Nominierung erhalten hat. Da wird eine homosexuelle Männerbeziehung erzählt, im Spektrum der damaligen Zeit. Das meine ich mit der Selbstverständlichkeit von Diversität. Es geht um die Haltung zu jeder Figur. Es geht nicht darum, eine Formel durchzustanzen, das wäre fatal.

          Wenn es um die Besetzung geht, vor und hinter der Kamera und in Ihrem Haus: Ist das gleichzusetzen mit einer Quote?

          Das ist gleichzusetzen mit einer Quotierung nach dem Zensus der Bundesregierung. Dies gilt für unsere Programme, jedoch nicht für das Team. Wobei ich glaube, dass es sich innerhalb der Ufa noch viel stärker niederschlagen wird, weil wir mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten. Mit geht es bei unserem Programm ganz stark um die Zusammensetzung der Ufa selbst. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor einem Jahr hatten wir eine junge Frau aus Köln mit multipler Sklerose, die ein ausgezeichnetes Diplom hatte, als Cutterin. Es hat drei Monate gedauert, bis wir es arbeitsrechtlich möglich machen konnten, dass diese junge Frau von zu Hause aus Filme für uns schneiden kann. Das nur als Beispiel für Inklusion. Wenn Sie erleben, welche Hindernisse da aufgebaut werden, verstehen Sie die Welt nicht mehr. Wir prüfen in der Ufa gerade, wie weit wir in diesem Punkt der Inklusion eigentlich sind, und – bauen das Haus teilweise um. Das ist ein Bereich unserer Diversitätsagenda. Wir haben viel zu wenige Stellen, wir haben zu wenig Offenheit für Menschen mit Beeinträchtigungen in dieser Branche gezeigt. Das ist ein Beispiel, mir geht es grundsätzlich darum, wie wir miteinander arbeiten und leben. Es geht hier nicht um Quotierung, sondern um Gleichberechtigung und Chancengleichheit, wenn jemand Talent hat, die es etwa im Verhältnis zwischen Frauen und Männern immer noch zu wenig gibt. Es geht um Strukturen, die Talent fernhalten. Diese Strukturen aufzubrechen, das ist unser Thema.

          Sie wollen sich am Zensus der Bundesregierung orientieren. Wenn man sich an diesen hält, ist es dann nicht so, dass die Gruppen, die mit Diversität verbunden werden und die Sie nennen, kleiner sind, als sie erscheinen?

          Das mag durchaus sein. Aber das wird sich in den nächsten Jahren massiv verändern. Und diese Veränderung erachte ich nicht als bedrohlich, sondern als spannend und bereichernd. Ich finde, dass Diversität in den vergangenen Jahren wahnsinnig mühsam und verkrampft diskutiert worden ist. In meinem Unternehmen wächst eine jüngere Generation von Achtundzwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen heran, die Diversität auf eine neue Weise einfordert.

          Es gab kürzlich eine Umfrage unter Volontärinnen und Volontären von ARD und Deutschlandradio. Die haben drei Volontäre selbst gemacht, von 150 Azubi-Journalisten waren 86 dabei. Es stellte sich heraus, dass es Diversität gibt bei der Herkunft und im Verhältnis zwischen Frauen und Männern, aber eine extreme Homogenität des soziokulturellen Hintergrunds und der politischen Ansichten. Sehen Sie die Gefahr, dass Diversität als Programm nicht dazu führen kann, dass man eine Blase bildet?

          Das halte ich bei uns für ausgeschlossen. Meine Lernerfahrung in den drei Jahren, in denen ich nun Chef der Ufa bin, ist, dass dieses Unternehmen ein Abbild unserer Gesellschaft ist. Wir haben alle Gruppierungen, alle Themen, alle Konflikte. Die Mehrzahl unserer Mitarbeitenden hat Familie, hat Kinder, lebt in glücklichen Ehen. Wir haben aber auch Mitarbeitende, die in schwul-lesbischen Beziehungen leben, die aus verschiedenen Herkunftsländern stammen. Und alle sollen tolerant miteinander umgehen. Eine Blase entsteht schon einmal allein deshalb nicht, weil alle Gruppierungen bei uns in der Ufa und bei denen, mit denen wir zusammenarbeiten, vertreten sind. Was nicht geht, und darum dreht sich alles, ist, wenn jemand keine Beachtung findet. Das geht nicht in der Ufa, und es geht in unserer Gesellschaft nicht. Das ist nicht Multikulti oder eine Utopie, die auf dem Reißbrett entstanden ist. Und das muss sich auch im Programm niederschlagen

          Das Gespräch führte Michael Hanfeld.

          Nico Hofmann, die Ufa und die Selbstverpflichtung zu Diversität

          Die Ufa ist das größte deutsche Produktionsunternehmen für Film und Fernsehen. Nico Hofmann, erfolgreicher Regisseur und Produzent, ist seit drei Jahren ihr Geschäftsführer. Nun verpflichtet sich das Medienhaus zu „mehr Diversität vor und hinter der Kamera“. Ziel sei es, bis Ende 2024 „im Gesamtportfolio der Ufa-Programme eines Jahres die Diversität der Gesellschaft abzubilden“, als Orientierung dient der Zensus der Bundesregierung. Die Ziele ihrer Selbstverpflichtung und die programmlichen Quoten will die Ufa „monitoren und auswerten“, Ende 2021 soll die erste Auswertung vorliegen. Generelles Ziel sei es, „den Anspruch von Diversität, Inklusion, Chancengleichheit und Toleranz als Selbstverständlichkeit zu leben“. Um dies zu erreichen, habe man intern einen „Diversity Circle“ erarbeitet, der sich an vier Punkten orientiert: Frauen, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigungen. Diversität wolle man als Normalität zeigen, „statt stereotypische Narrative durch Geschichten und Besetzung zu verstärken“. Mit „Angehörigen der im deutschen Fernsehen unterrepräsentierten Gruppen“ habe man „Leitfäden entwickelt, die in Form eines Fragenkatalogs allen Kreativen dabei helfen sollen, ihre Projekte, Narrative und Charakterzeichnungen hinsichtlich Stereotypen kritisch zu hinterfragen“. Stellenausschreibungen und Einstellungsprozesse sollen überarbeitet, Verträge genderneutral gestaltet und Arbeitsplätze auf Barrierefreiheit überprüft werden. F.A.Z.

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