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Pro-Sieben-Doku über Rechte : Das ist kein „Vogelschiss“

Christian Lüth (Mitte) auf dem 8. Bundesparteitag der AfD im Congresszentrum in Hannover am 02. Dezember 2017. Bild: Daniel Pilar

Auf die Pro-Sieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal“ reagiert die AfD schnell. Den einstigen Sprecher Christian Lüth, der meinte, man könne Migranten „erschießen“ oder „vergasen“, setzt sie vor die Tür. Der Reporter Thilo Mischke hat aber nicht nur deshalb Großes geleistet.

          3 Min.

          Dem Reporter Thilo Mischke von Pro Sieben ist mit seiner Dokumentation „Rechts. Deutsch. Radikal“ ein Coup gelungen. Denn in ihr zeigt er, in der offenen Art, in der er auf Leute zugeht, seinem Geschick, sie zum Reden zu bringen und einer verdeckten Aktion zweierlei: Wie junge Leute rechtsextremen Rattenfängern auf den Leim gehen, wie diese Rattenfänger junge Leute abholen und – was wirklich in der AfD steckt, in der „Alternative für Deutschland“, die so gerne und ausdauernd behauptet, sie sei „konservativ“, dabei aber ihrer Verfasstheit und ihrem Personal nach den verlängerten Arm des organisierten Rechtsextremismus in diesem Land darstellt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das drückt sich aus einem heimlich mitgeschnittenen Dialog zwischen einer rechten Youtuberin, die sich „Lisa Licentia“ nennt und inzwischen an einem Aussteigerprogramm teilnimmt, und dem früheren AfD-Sprecher und ehemaligen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, der seine führenden Posten vor einiger Zeit verloren hat, aus der Partei ausgetreten ist, aber erst am Montag aus seinem Arbeitsverhältnis als Mitarbeiter der Fraktion fristlos entlassen wurde.

          Der Dialog, der am Montagabend bei Pro Sieben zu hören war, lautet wie folgt:

          Lisa Licentia: „Worum geht es?“

          Christian Lüth: „Es geht erstmal um den Erhalt der Partei. AfD ist wichtig.

          Lisa Licentia: „Ja.“

          Christian Lüth: „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. Aber wahrscheinlich erhält uns das. Wenn jetzt alles gut laufen würde, dann wäre die AfD bei drei Prozent. Deshalb müssen wir uns eine Taktik überlegen zwischen: Wie schlimm kann es Deutschland gehen? Und: Wieviel können wir provozieren? Und dazwischen müssen wir kommunizieren. Sehr schwierig.“

          Lisa Licentia: „Vor allem klingt das so, als ob es in deinem Interesse wäre, dass noch mehr Migranten kommen.“

          Christian Lüth: „Ja, weil dann geht es der AfD besser. Wir können nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal! Aber jetzt, wo die Grenzen immer noch offen sind müssen wir dafür sorgen, solange die AfD noch ein bisschen instabil ist und ein paar Idioten da antisemitisch rumlaufen, müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht.“

          Das ist das Kalkül, das sich nahtlos an die Reden all der anderen Rechtsextremen, die bei Thilo Mischke zu Wort kommen, anschließt. Und das ist auch der Rahmen des Narrativs, das Alexander Gauland und andere anstimmen. Aufgenommen wurde das Gespräch mit Lüth am Abend der Bürgerschaftswahl in Hamburg, dem 23. Februar dieses Jahres. Während Lüth davon sprach, man könne Migranten immer noch „erschießen“ oder „vergasen“ und sagte, die AfD müsse jetzt wieder die Opferrolle spielen und gegen die vermeintlich linksversiffte Presse polemisieren, bekam er Nachrichten von Alexander Gauland. Und eben dieser Gauland sprach direkt nach der Wahl in Hamburg von der vermeintlichen Hetze, der seine Partei ausgesetzt sei, ganz so, wie es Lüth seiner Gesprächspartnerin erläutert hatte. Das passt.

          Reporter Thilo Mischke bei einer Pegida-Demonstration in Dresden.
          Reporter Thilo Mischke bei einer Pegida-Demonstration in Dresden. : Bild: Pro Sieben

          Wie genau das passt, hat die AfD schnell erkannt und angesichts von Lüths Vernichtungsphantasien darauf verzichtet, den üblichen Angriff auf die Presse, also hier Pro Sieben, zu unternehmen. Sie hat sich von Lüth distanziert. Allerdings tut die Partei so, als habe Lüth seit langem nichts mehr mit der AfD zu tun. Er sei „seit drei Jahren nicht mehr für die Partei tätig“, hieß es, insofern habe er im Februar dieses Jahres auch „nicht für uns als Partei sprechen“ können. Freigestellt als Leiter der Pressestelle der AfD-Bundestagsfraktion wurde er freilich erst am 24. April dieses Jahres, fristlos entlassen wurde er – gestern.

          Wer seine Sinne beisammen hat, sieht also, welche Eiertänze die AfD vollführt. Meinte diese Partei es ernst mit einer Distanzierung von den Rechtsextremen, müsste sie sich nicht nur von Christian Lüth trennen. Da gibt es noch reichlich andere, von Andreas Kalbitz bis Björn Höcke. Was bleibt da von der AfD eigentlich übrig? Deren Ehrenvorsitzender Gauland, dessen Relativierung des NS-Regimes – die selbstverständlich, wie Gauland später zu seiner Verteidigung sagte, das Gegenteil sein sollte -, wir noch im Ohr haben: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

          Das sind die Fragen, die der Reporter Thilo Mischke bei Pro Sieben aufwirft. Sie werden nicht zum ersten Mal gestellt, Mischke legt sie seinen Zuschauern allerdings auf denkbar direkte, unprätentiöse und direkte Art vor. Wir sehen, wie er anderthalb Jahre durch den Kosmos der Rechtsextremen in diesem Land streift, mit ihnen ins Gespräch kommt, sie konfrontiert und an den Punkt führt, an dem sie um ihre amoralische und menschenverachtende Ideologie herumdrucksen, etwa wie der siebzehn, inzwischen achtzehn Jahre alte Sanny Kujath, der als Hoffnungsträger der extremen Rechten gilt. Da kapiert jeder, worum es hier geht.

          Dass es auch darum gehen muss, gerade die jungen Leute aus dieser Szene herauszuholen, machte Thilo Mischke gestern Abend nach seiner Dokumentation im Gespräch mit Klaas Heufer-Umlauf in dessen Show „Late Night Berlin“ klar.

          Dabei kommt es darauf an, mit denjenigen, die vielleicht raus wollen oder ins Nachdenken kommen, das Gespräch zu suchen, in der Familie, im sozialen Umfeld, in der Gesellschaft. Wenn jemand wie der Chef des thüringischen Verfassungsschutzes, Stephan J. Kramer, sagt, er mache sich ernsthaft Sorgen um die Demokratie in diesem Land, ist es dafür höchste Zeit.

          „Dieses ‚Pro Sieben Spezial‘ ist die wichtigste Dokumentation der letzten Jahre auf Pro Sieben“, sagte der Senderchef Daniel Rosemann. Da wird ihm niemand widersprechen.

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