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Durch Umstellung im Nachteil : Die Privatsender schlagen beim Digitalradio Alarm

Nicht rauschfrei, aber weitreichend: Senderanzeige eines alten Röhrenradios Bild: Picture-Alliance

„Es wird keine analoge Restwelt für das Radio geben“, sagt die ARD-Vorsitzende Karola Wille. Und hat gut Reden. Auf die Privatsender hingegen kommen Kosten in Millionenhöhe zu.

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          Im Augenblick steht es fünf zu hundertvierzig: Fünf Millionen Digitalradios soll es im ganzen Land geben und 140 Millionen UKW-Empfänger. Von achtzig Prozent Marktdurchdringung ist das noch einigermaßen weit entfernt. Diese aber müsse es geben, meint der Privatsenderverband VPRT, bevor man an die Umstellung des Radioempfangs von UKW auf DAB+ denken könne. Das ist eine der „Top 7“-Forderungen, mit denen die privaten Radiosender an die Medienpolitik herantreten, und sie ist verständlich. Die Privatradios gewärtigen nämlich, dass die digitale Zukunft ohne sie stattfindet.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zwanzig Jahre lang hat die Medienpolitik über digitales Radio debattiert, mehr als eine halbe Milliarde Euro aus dem Rundfunkbeitrag stand und steht den Öffentlich-Rechtlichen dafür zur Verfügung, doch auf den großen Umschwung warten wir noch immer. Und ausgerechnet jetzt, da alles ins Internet drängt, soll er nach dem Willen der Bundesregierung und der Bundesländer kommen, wie man in dieser Zeitung in dem Artikel der Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Dorothee Bär, nachlesen konnte. Das ist für die ARD und das Deutschlandradio schön, für die Privatsender ist die Lage prekär. Die ARD-Vorsitzende Karola Wille hat dank Vollfinanzierung durch den Rundfunkbeitrag gut reden, wenn sie in ihrem eigenen Sender, dem MDR, sagt: „Es wird keine analoge Restwelt für das Radio geben.“

          Hier sieht die Welt natürlich anders aus

          Die Privatsender müssen sehen, dass sie nicht auf der Resterampe landen und verschwinden. Der sogenannte „Simulcast“-Betrieb, also der parallele Sendebetrieb auf UKW und DAB+, kostet die Privaten nach VPRT-Angaben rund fünfzig Millionen Euro pro Jahr, die aus Werbeeinnahmen nicht zu finanzieren sind. Kein Wunder, dass die Privatsender fordern, dafür brauche es einen Digitalisierungsfonds, auf den sie zugreifen können, und einen Radio-Staatsvertrag, der ihnen Rechtssicherheit bietet.

          Die Medienpolitik wäre gut beraten, sich mit den Forderungen der Privaten zu befassen. An dem Szenario, dass die Umstellung auf das digitale Radio - bei dem Webradiomacher nur müde lächeln und das in manchen Ländern als Technik von gestern gilt - das duale Rundfunksystem zum Kippen bringt, ist etwas dran.

          Schaut man auf die vor ein paar Tagen aufgeschaltete Website „digitalradio.de“, hinter der sich eine hauptsächlich von öffentlich-rechtlichen Sendern getragene Digitalinitiative verbirgt, sieht die Welt natürlich anders aus. Dort wird das digitale Radio als vielfältig, technisch stabil und „rauschfrei“ beschrieben, 110 Digitalstationen gebe es bereits, an manchen Standorten seien vierzig bis fünfzig Kanäle zu empfangen.

          Ein Luxus, den sich die Medienpolitik leisten sollte

          Das mag sein, doch wird das Hörbild von einer Übermacht öffentlich-rechtlicher Kanäle geprägt und einer sehr viel kleineren Zahl privater Sender. Und die, die da sind - sehen wir einmal vom Klassik-Radio, dem Rocksender Radio Bob und wenigen anderen ab -, haben Nischenbedeutung, ob sie nun „Schlagerparadies“ oder „Radio Horeb“ heißen. Gleichwohl wird den Hörern ein Digitalradio als das perfekte Weihnachtsgeschenk angepriesen. Ab fünfzig Euro sind sie dabei! Ho, ho, ho! Da kommt der Weihnachtsmann.

          Für einen halben Hunderter gibt es freilich nur einen ganz kleinen Digi-Kasten mit mäßigem Sound. Beim Autoradio hört die digitale Herrlichkeit schon wieder auf: Serienmäßig gibt es das so gut wie nirgends, die Hersteller verlangen Aufpreise von 142 Euro im kleinsten Opel bis zu 487,90 Euro im kleinsten Mercedes, die Skala reicht bis 1320 Euro beim VW Passat Variant Comfortline. Ende 2017 gebe es eine digitale Netzabdeckung von neunzig Prozent, heißt es bei den Digitalradiowerbern. Die Medienpolitik sollte sich den Luxus leisten, dass sich auf diesen neunzig Prozent hundert Prozent des jetzigen UKW-Radioangebots abbilden - und mehr. Das wäre eine wirklich schöne Bescherung.

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