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Macron und die Medien : Französisches Frühlingsmärchen

Gemeinsam sind sie ein Traumpaar: Emmanuel und Brigitte Macron. Bild: Reuters

Frankreichs Medien erzählen folgsam von Emmanuel Macrons Triumphzug an die Macht. Heimlich Regie führt eine Frau, die unsichtbar bleibt: Michèle Marchand, die „Mata Hari der Paparazzi“.

          4 Min.

          „Besser als ,Borgen‘“, schwärmte Michel Houellebecq fast schon ein bisschen neidisch im französischen Fernsehen über die Wahlkampagne. Auch für einen Roman hält er sie tauglich. Liebend gerne wäre er jedenfalls bei den „Republikanern“ dabei gewesen, als es um François Fillons Affären, Lügen und Niederlage ging.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wir waren bei Emmanuel Macron, als Fillon seinen Besuch bei der Landwirtschaftsmesse in letzter Minute absagte und alle über seinen Rückzug spekulierten. Über seinen Rücken hinweg sehen wir die Bilder des Rivalen. „Er wird nicht aufgeben“, beschwichtigt Macron seine aufgeregten Berater, die den möglichen Ersatzkandidaten Alain Juppé für den viel gefährlicheren Gegner halten. Wir sind auch kurz vor den TV-Debatten mit Macron. Und wir erleben seinen Frust, als seine Lieblingsmannschaft Marseille gegen Monaco verliert. Deutlich vernehmbar hören wir einen Fluch aus seinem Munde und sehen die Reaktion seiner Frau: „On s’en fout“, das ist uns sch...egal.

          Hagiographie ist nichts dagegen

          Die Szene ist Teil des Films „Les coulisses d’une victoire“, den der Sender TF1 schon am Tag nach der Wahl zeigen konnte, und die einzige, die einen Hauch von Widerspruch vermittelt. In der Nacht hatte man die letzten Sequenzen geschnitten. Neunzig Minuten aus Bildern und O-Tönen, ohne Kommentar aus dem Off. Fünf Monate lang hatte Yann L’Hénoret Macron – das offene Mikrofon an der Krawatte – begleiten können. Zwei ähnliche Produktionen wurden ebenfalls bereits ausgestrahlt. Sie erzählen das französische Märchen vom Wunder von Emmanuel Macrons Aufstieg an die Macht als Hagiographie.

          Dass die unbekannte Michèle „Mimi“ Marchand heimlich die Regie führte, bleibt ausgeblendet. Als „Königin der Paparazzi“ porträtierte sie vor drei Jahren das Weltblatt „Le Monde“, dessen Eigentümer zu den eifrigsten Fans von Emmanuel Macon gehören und sich selbst an keine der Auflagen, die sie ihren Redakteuren machten, halten. Das Porträt erschien, nachdem „Closer“ Fotos von Präsident Hollande auf der nächtlichen Fahrt mit einem Motorrad zu seiner Freundin veröffentlicht hatte: „Es gibt keine Beweise, aber alle Insider sagen es: Dieser Streich war undenkbar ohne die erfahrenste, die brillanteste, die bestinformierte und am meisten gefürchtete Informantin der Presse, die sich mit dem Privatleben der Berühmtheiten von Paris bis Hollywood befasst: Michèle Marchand. Mimi für die Vertrauten. Die Mata Hari der Paparazzi.“

          In Macrons Dienste trat sie dank der Vermittlung durch Xavier Niel, den Miteigentümer von „Le Monde“. Als Gründer der Telefongesellschaft Free wurde er Milliardär. Vor einem Jahrzehnt saß er ein paar Wochen wegen „verschärfter Zuhälterei“ im Gefängnis: Er hatte Telefonsex-Dienste im Angebot. Wie er Brigitte Macron mit Mimi Marchand verkuppelte, beschreibt „Vanity Fair“. Der Autor hat die 1947 geborenen Marchand in ihrer Fotoagentur „Bestimages“ besucht. Sie verhandelte gerade mit den Redaktionen über die Fotos von Marine Le Pens vergeblichem Versuch, im Trump Tower in New York den frisch gewählten Präsidenten zu treffen.

          Präsidentenmacherin im Hintergrund: Michèle „Mimi“ Marchand.

          Marchands Leben ist ein Roman. Zwei ihrer Ehemänner waren im Gefängnis, sie selbst auch – zwei Jahre lang. Sie gründete Nachtclubs für Lesben. Ein Agent des innenpolitischen Geheimdiensts, der beruflich gekommen war, verliebte sich in Mimi. Auch aus seinen Quellen sollen die Informationen geflossen sein, mit denen sie zur Pionierin des französischen People-Journalismus wurde.

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