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Die Podcasts des Jahres : „Durchs Ohr ins Gehirn, mitten ins Herz“

  • -Aktualisiert am

Platte Witze und aktuelle Themen: Felix Lobrecht von „Gemischtes Hack“ Bild: Marvin Ruppert

Die besten Audioprodukte sind, wie sollte es auch anders sein, in Form eines Podcasts gekürt worden. Eine Sammlung für jene, die von Netflix genug haben.

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          Um den Menschen hinter den Mikrofonen eine Bühne zu geben, wurde am Donnerstag zum ersten Mal der Deutsche Podcastpreis verliehen. So zumindest der Plan. Aus gegebenen Umständen gab es gar keine Bühne. Gekürt wurden die besten Audioprodukte also in Form eines Podcasts. Ariana Baborie („Herrengedeck“) und Autor Micky Beisenherz („Juwelen im Morast der Langeweile“) moderierten, die Nominierten der einzelnen Kategorien nahmen per Telefon teil, ganz reibungslos, da saßen schließlich Profis. Verliehen wurden Preise für das bestes Talk-Team, den bester Newcomer, die beste journalistische Leistung, den besten Interviewer, die beste Produktion, das beste Skript sowie der Publikumspreis. Mehr als 700 Einreichungen hatte es gegeben. Das sind die Gewinner:

          Beste Produktion: Talk-o-mat

          Alle zwei Wochen organisiert Spotify ein Blind Date für zwei Promis. Zwei Fremde sitzen dabei völlig unvorbereitet an einem Tisch. Die Gesprächsthemen bestimmt der Talk-o-mat, „eine emotionslose, zufallsgesteuerte Maschine.“ Der Vorteil: Die Maschine kennt weder Fein- noch Mitgefühl. Das bedeutet: viele Themen in einer verhältnismäßig kurzen Zeit, unvoreingenommene Gesprächspartner, spontane Antworten und vor allem Gespräche, die sonst wahrscheinlich nie stattgefunden hätten. Da sitzt Schauspielerin Nilam Farooq mit Musiker Rolf Zuckowski am Tisch und Pop-Sängerin Miss Platnum trifft auf Howard Carpendale. Aus höflichem dem Kennenlernen wird, wenn es gut läuft, nach wenigen Minuten ein tiefgründiges Gespräch.

          Bester Newcomer und bestes Talk-Team: Paardiologie

          Als Königsdisziplin bezeichnet Ariana Babori den Gesprächspodcast. Der „Laberpodcast“ – und labern ist, wie sich inzwischen herumgesprochen hat, gar nicht so leicht, wie es klingt. Vor allem nicht, wenn man über Affären, Alkoholsucht und Sexualität spricht. Autorin Charlotte Roche und ihr Ehemann Martin Keß sprechen schamlos an, was viele Paare auch im Privaten selten thematisieren. Intimer kann Öffentlichkeit nicht sein. Für „Paardiologie“ gab es gleich zwei Preise. Keß ist damit mit fast 57 Jahren ein Newcomer: „Ein Zeichen dafür, dass es nie zu spät ist. Egal für was.“

          Charlotte Roche auf dem Therapiesofa

          Bestes Skript/ Beste Autorin: Das allerletzte Interview

          „Das allerletzte Interview“ ist im eigentlichen Sinne kein Podcast – viel eher eine Mischung aus Hörbuch, Crime-Story und Autobiografie. Moderatorin Visa Vie gibt in ihrem Hip-Hop-Krimi Einblicke in die Deutschrap-Szene. Es geht um die fiktive Hip-Hop-Journalistin Clara, die Deutschlands erfolgreichster Rapper töten will. Wie viel von Visa Vie in Clara steckt und wie viel aus der Geschichte im Business wirklich wahr ist, bleibt dabei ungewiss. Die Autorin hat ihren Fans schon im Vorhinein versprochen, dass sie etwas neues schreibt, falls sie den Preis gewinnt.

          Beste journalistische Leistung: Zeit Verbrechen

          Im Podcast-Milieu treffen verschiedenste Branchen aufeinander. Politiker auf Virologen, Anwälte auf Motivationscoaches und Comedians auf Journalisten. Der Ruf, Podcaster laberten unseriös drauflos, sei verbreitet, berichtet Ariana Babori. „Doch plötzlich kamen Journalisten dazu, gaben dem Genre etwas, was vorher nicht da war: Seriosität und Relevanz. Im Gegenzug gaben die Podcaster den Journalisten, was die nicht kannten: Jugend, Frische, Hipness. Eine Win-win-Situation für alle“, entgegnet Beisenherz.

          Sabine Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der Zeit und hat viele Jahre als Gerichtsreporterin gearbeitet. Zusammen mit dem Journalisten Andreas Sentker bespricht sie in ihrem True-Crime-Podcast „Zeit Verbrechen“ Fälle, mit denen sie sich in der Vergangenheit beschäftigt hat. Thematisiert wird dabei nicht nur die Tat an sich, sondern auch Spätfolgen für die Opfer und die Hintergründe der Täter. Als Zuhörer erfährt man viel über die Arbeitsweise der einzelnen Instanzen der Strafverfolgung und die Gespräche, die Rückert während ihrer Recherchen in Behörden, mit Zeugen, Verdächtigen, Tätern oder Opfern führte – ein Blick hinter die Kulissen.

          Beste Interviewerin: Deutschland 3000 'ne gute Stunde mit Eva Schulz

          Im Podcast „Deutschland 3000 – 'ne gute Stunde mit Eva Schulz“ trifft die Journalistin Eva Schulz jede Woche Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen. Menschen, die mit ihren Ideen, Projekten und Geschichten beeindrucken oder bewegen, manchmal auch irritieren. Sie spricht mit Frank Themen über böse Kapitalisten, mit Kevin Kühnert über sein Coming Out und mit dem Auschwitz-Überlebenden Justin Sonder über den Holocaust. Ihre Standard-Einstiegsfrage („Wo kommst du gerade her?“) überspringt den Smalltalk zum Warmwerden und kommt direkt zur Sache. Als zusätzliche Reflexionsebene dient Schulz eine nachträglich eingefügte „Gedankenstimme“, die das Gespräch immer wieder unterbricht.

          Publikumspreis: Gemischtes Hack

          Felix Lobrecht ist erfolgreicher Comedian und steht am liebsten auf der Bühne. Tommi Schmitt ist Autor für Fernsehformate und hält sich lieber im Hintergrund. Lobrecht ist bei seinem alleinerziehenden Vater in Neukölln geplagt von Geldsorgen aufgewachsen, Schmidt in einer Bilderbuchfamilie als Sohn eines Arztes. Und das sind nur einige Unterschiede zwischen den beiden. In ihrem Podcast „Gemischtes Hack“ vermischen die beiden platte Witze und aktuelle Themen, die viele beschäftigen, sie beziehen Stellung und treffen einen Ton, der sich nach einem Abend mit Freunden anfühlt.

          Dass der Unterhaltungspodcast bei der Preisverleihung den Publikumspreis bekommt, ist keine große Überraschung. Im vergangen Jahr besetzte das Format bei Spotify Platz zwei der meistgestreamten Podcasts weltweit.

          Die Verleihung gibt es zum Nachhören unter deutscher-podcastpreis.de und auf den Plattformen der Initiatoren: AUDIO NOW, radio.de (App) und Spotify

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