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„Die Pilgerin“ im ZDF : Sie ist dann mal weg

Das ist schon ein Kreuz: Tilla (Josefine Preuß) schultert als Mann verkleidet die schwere Last. Die übrigen Beladenen folgen im Gänsemarsch. Bild: Jiri Hanzl / ZDF

Was Sat.1 mit der „Wanderhure“ recht ist, ist dem ZDF nur billig: „Die Pilgerin“ zeigt eine junge Frau in Hosenrolle auf mittelalterlicher Sinnsuche. Sinnfrei.

          3 Min.

          Erst schleppt ein halbes Dutzend Kapuzengestalten ein mannshohes Kreuz durch wogende Gräser, aus dem Off erklingt ein Gebet, dann sind wir schon in der Folter-Schlafkammer eines der vielen Finsterlinge, die es auf die Titelheldin abgesehen haben: die „Pilgerin“ natürlich. Und was jetzt kommt, muss wohl so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt dieses „Event-Zweiteilers“ sein, den uns das ZDF als „Mittelalter, zeitgemäß erzählt“, verkaufen will. Denn sonst bekäme der Zuschauer die Szene nicht gleich dreimal zu sehen: zu Anfang, als Cliffhanger am Ende des ersten Teils und zu Beginn des zweiten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Da hängt also die mit Topfschnitt und Beinkleid ungefähr so überzeugend wie einst Lilo Pulver als Junge verkleidete Jakobspilgerin Tilla (Josefine Preuß) marterpfahlgleich am Kronleuchter, die Maskerade ist längst aufgeflogen, die Hose weg, der Widerling in schwarzer Lederkluft (Lucas Gregorowicz als Graf Aymer) reckt die Hand, hustet noch mal kurz eklig ein Stück Lunge raus - und stellt die Frage, die uns bei der Stange halten soll: Vergewaltigt er sie oder doch nicht?

          Für Tilla (Josefine Preuß) ist es ein weiter Weg. Auch für den Zuschauer dauert die Reise immerhin 180 Minuten

          Wer jetzt nicht abschaltet, sollte sich auf 180 Minuten in dunkelster „Wanderhuren“-Tradition gefasst machen. Denn die Buchvorlage für „Die Pilgerin“ stammt aus der Feder des Autorenduos, das auch die Romane zu den Sat.1-Produktionen geschrieben hat: Iny Lorentz. Da wie dort wird in demselben Historienschmarrn geschwelgt, wird sich in Blut, Schlamm und Schleim gesuhlt, kreuzen sich die Klingen nicht halb so krude wie die Handlungsstränge und wird der wüsteste Geschlechtermanichäismus betrieben - Frau immer gut, Mann in den allermeisten Fällen böse (wahlweise feig, pervers, gewalttätig, machtbesessen oder alles zugleich) -, um eine weibliche Emanzipationsgeschichte aus der Gegenwart hinüber ins 14. Jahrhundert zu zerren, und zwar buchstäblich an den Haaren.

          Frau mit dem Herz, Männer mit Waffen

          Denn die müssen erst mal fallen, damit die Kaufmannstochter Tilla alias Moritz, der Bader möglichst ungeschändet Santiago de Compostela erreicht. Ihre Mission: Das Herz ihres Vaters dort begraben, um seine Sünden zu sühnen. Ihr Problem: Otfried, ihr Bruder - Volker Bruch spielt ihn hervorragend, mit aller Lust an der nuancierten Bösartigkeit eines veritablen Provinz-Brutus. Otfried nämlich hat nicht nur den Vater gemordet und seine Schwester mit einem gewalttätigen alten Fettsack verheiratet, um zwei Handelshäuser zu einen, sondern reißt nun mit Intrige und Mord die Macht in der freien Reichsstadt Tremmlingen an sich. Den grausligen Schwestergatten rafft es zum Glück gleich in der Hochzeitsnacht dahin, bevor es zum Äußersten kommt, und Tilla flieht auf Pilgerfahrt - Otfrieds Häscher stets im Nacken, und zusätzlich bedroht von Kreuzrittern, Räubern und allerhand anderem Gesindel.

          Plant schon wieder den nächsten Mord: Tillas machtbesessener Bruder Otfried (Volker Bruch) mit seiner Frau Radegund (Muriel Wimmer).

          Und so geht es quasi im Pilgerschritt, zwei vor, eins zurück, über die Alpen und durch das Rhône-Tal und immer weiter und weiter. Was bei den Privaten im horizontales Gewerbe angesiedelt ist, kommt beim öffentlich-rechtlichen Sender eben als fromme Geschichte daher - wobei ein Kreuz und ein paar Psalmfetzen nicht mehr abgeben als eine religiöse Schwundkulisse für Pilger, von denen einer sich den Dornengürtel um den Schenkel schnallt und ein anderer bekennt: „Ich weiß gar nicht, warum ich das hier mache. Ich musste einfach mal weg.“ Da weiß man wenigstens, das zu Hause Hape Kerkeling im Bücherschrank steht.

          Düster, düsterer, Mittelalterfilm: Finstere Gestalten wie der Häscher Rigobert (Sebastian Hülk) haben es auf die Pilgerin abgesehen.

          Unterwegs sterben die Leute wie die Fliegen, Tilla wird enttarnt und dann doch nicht, eine Beinahe-Vergewaltigung folgt der nächsten, in allen Räumen stehen absurd viele Kerzen, als wäre gerade Sonderverkauf bei Ikea gewesen, die Welt sieht überall gleich aus - dunkle Wälder, Felsen, Grasebenen - die Bösen sehen überall gleich aus - blass, faule Zähne, Lederklamotten - und stochern mit Hühnerbeinen in fiesem Pamps. Ein Ritter taucht auf, ein Edelfräulein ab, eine Hexe brennt. Gut, dass es in dem ganzen Wirrwarr Sebastian (Jacob Matschenz) gibt, den Jung-Dürer vor der Zeit, stets Bütten zur Hand, um Uhus nach der Natur zu zeichnen.

          Grausame Story, gutes Team

          Es ist schon ein Kreuz mit wie dieser grausamen Pilgerstory (Drehbuch: Don Schubert, Khyana el Bitar, Sebastian Orlac und Marc O. Seng), der Film ächzt schwer unter ihrer Last. Dabei sollte die Truppe den Unterschied machen, die sie trägt. Für die ja gar nicht so unspaßige Aufgabe, eine Mittelalterschmonzette mit Mindestniveau zu drehen, hat das ZDF sich Leute aus dem Team von „Unsere Mütter, unsere Väter“ ausgeguckt: Neben dem Schauspieler Volker Bruch sind das unter anderen der Regisseur des herausragenden Mehrteilers aus dem Vorjahr, Philipp Kadelbach, und der Kameramann David Slama. Und sie haben auch einen guten Job gemacht.

          Ähnlich wie in der Fernsehserie „Sherlock“ entwickelt die Kamera zuweilen eine ganz eigene Dramatik, das Ensemble, in dem Friedrich von Thun als gütige Vater glänzt, holt aus den oft faden Figuren mit ihren dubiosen Motiven heraus, was geht. Josefine Preuß spielt eine solide, wenn auch nicht begeisternde Hosenrolle. Aber das alles hätte es nicht gebraucht, um das Märchen von der bösen Männerherrschaft zu erzählen. Und davon, dass nur böse Menschen Karies bekommen.

          „Die Pilgerin“ läuft an diesem Sonntag und Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

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