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„Die Patin“ auf RTL : Großer Aufwand für ein kleines Glück

Wer das globale Verbrechen bekämpft, muss auch mal zur MP greifen Bild: RTL

Für RTL greift Veronica Ferres zur Waffe und rettet die Welt vor der Mafia. Das Drehbuch tut alles, um ihr einen großen Auftritt zu ermöglichen. Doch am Ende schrumpft das globale Format auf das kleine Familienglück.

          Dann, in einer kurzen Verschnaufpause eines ansonsten atemlosen Geschehens, sitzen sie zu zweit in einer Flughafenhalle, und er, der russische Mafioso von gepflegtem Äußeren und imposanter Statur, streckt ihr, der modernen deutschen Frau, seine schwere, vertrauensvolle Hand entgegen, und mit dem melancholischen Blick des sanften Verführers holt er aus zum Monolog über den schönen Klang des Wortes Treue: „Wenn sich Menschen wirklich etwas zu bedeuten haben, können sie lieben und hassen, aber sie können sich nicht betrügen.“

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die einfache Lebensweisheit kommt aus einem dunklen Herzen, das voller Mitwisserschaft über internationale Verbrechen steckt, das Menschen sterben sah, ohne die Augenbrauen zu heben, und sich jetzt sehnsuchtsvoll nach dem Glück harmonischer Menschlichkeit reckt. Es klingt so schmierig wie verlogen, doch die Dinge liegen zu kompliziert, um das Angebot auszuschlagen. Der Mensch ist ohnehin aus krummem Holz geschnitzt.

          Eine Frau geht ihren Weg

          Das ist Katharina Almedas (Veronica Ferres) Lektion aus den vergangenen Tagen, die sie aus ihrem festen Lebensrhythmus gerissen haben, die aus der Hüterin einer schicken Taunusvilla und der treusorgenden Mutter zweier Kinder eine internationale Agentin gemacht haben. Katharina Almeda muss in kürzester Zeit das aufarbeiten, was ihr wegen Steuerhinterziehung verhafteter Mann Max (Jeroen Willens) hinterlassen hat: eine Agrarfirma, die in Waffen- und Rauschgifthandel verstrickt ist. Es hatte anders kommen sollen: Max hatte das Zeugenschutzprogramm des BND in Anspruch nehmen und aus den kriminellen Machenschaften aussteigen wollen.

          Noch ein letzter Coup stand aus, bevor er sich mit seiner nichtsahnenden Familie in eine neue Identität retten wollte. Doch in dem geschickt eingefädelten Deal entstand eine Lücke, in die seine Frau kurzentschlossen einsprang, ohne über die Hintergründe informiert zu sein. Also jagt sie an ihres Mannes Stelle durch einen Parcours von internationaler Kriminalität, schmuggelt Geldkoffer in russischen Eisenbahnen, transportiert Heroin mit MG-Feuer durch Polizeikontrollen und lenkt einen Waffentransport von weltpolitischer Dimension. Und man ahnt es, sie würde tausendmal stolpern, wäre das Drehbuch nicht so schnurgerade auf sie zugeschrieben.

          Der Wille zur Größe

          RTL holt mit dem Dreiteiler „Die Patin“ weit aus und verpackt ein modernes Familiendrama in einen großformatigen Agententhriller mit Staraufgebot. Neben internationalen Größen wie Mikael Persbrandt, Jeroen Willens oder Delphine Chanéac soll Veronica Ferres als Patin ihren großen Auftritt haben, als eine Frau, die in ungewohnter Situation entschlossen ihren Weg geht, Mut und Tatkraft entdeckt, die schon immer in ihr schlummerten, und nebenbei ihre Familie schultert. Eine Patin nennt man in Sizilien eine Frau, die während eines Gefängnisaufenthaltes ihres Mannes die Geschäfte leitet.

          Das Drehbuch ist ambitioniert, die Inszenierung temporeich, das Handlungstableau global. Es gibt tschetschenische Generäle und kaltblütige Algerier, die Szenen wechseln rasant zwischen illustren Schauplätzen, von russischen Bankhäusern zu französischen Schlössern zu Wiener Luxusbordells. Die Interessen der Kriminellen reichen, so raunt man, bis hin zum Bundeskanzleramt. Man würde leicht den Überblick verlieren in den kompliziert ineinanderverschachtelten Handlungsebenen, stünde an zentraler Stelle nicht immer die Hauptdarstellerin, die jeden Knoten durchschlägt. Und wo die Situation ausweglos scheint, legt ihr der russische Oberschurke wohlwollend die Hand auf die Schulter. Sie wird es schaffen, sie hat das Zeug.

          Ein großer Aufwand für ein kleines Glück

          Das Zeug hat sie, doch nicht die Zeit, um in der atemlosen Hatz, bei der plötzlich auch das Leben ihrer Kinder auf dem Spiel steht, zu einem besonnenen Urteil über ihre Situation zu kommen. Die psychologische Ebene hinkt dem turbulenten Handlungsablauf hinterher. Almedas Reflexionen greifen kurz. Bei den Unwägbarkeiten, die sie zu durchstehen hat, leitet sie eine ganz haushälterische Prämisse: Man muss den Laden irgendwie zusammenhalten. Der Laden, das sind ihr seniler Großvater (Michael Degen) und ihre Kinder, denen sie beweisen will, dass man die Familie über widrige Umstände hinwegretten kann.

          Ihr Mann ist vorübergehend niemand mehr, um den es sich zu kämpfen lohnte. Mit seiner Komplizin hat er seine Ehefrau über Jahre hinweg betrogen, um sich nach seinem Ausweg wieder ein Familienglück zu erschleichen. Und neben seiner Ehefrau steht plötzlich der russische Schurke Assinowitsch (Mikael Persbrandt), der sie durch alle Widrigkeiten zu geleiten verspricht. Am Ende reicht Max Almedas zwischen den Zähnen herausgespresstes Eingeständnis seiner Gier und Dummheit, um die Familienidylle wieder aufzurichten. Der Schurke muss sein Seelenglück woanders suchen.

          Christoph Darnstädts Drehbuch legt die Handlungsstränge wie zwei Tonspuren übereinander, die manchmal hart aneinanderstoßen. Bei der Verquickung der Genres Familiendrama und Agententhriller tendiert die „Patin“ zur Zwischenlösung. In den Momenten, in denen die Handlung Fahrt aufnimmt, platzt das Familienleben hinein, die große Gangsterwelt verkommt zur Karikatur. Zu welcher Seite hin sich das Geschehen auflöst, macht die Absicht des Films deutlich, dem es letztlich um ein behagliches Familienglück mit Abenteuerkomponente geht und dem das internationale Verbrechen nur ein Nebenschauplatz ist. Es fragt sich, ob das kleine Glück den großen Aufwand wert war.

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