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Judenverfolgung in der NS-Zeit : „Paraguay“ hieß die Rettung

Aleksander Lados (links) empfängt Ignacy Jan Paderewski (Zweiter von rechts): Der Pianist und frühere Ministerpräsident stellte sich der Exilregierung als Präsident des Nationalrats, des in London tagenden Parlaments, zur Verfügung. Bild: National Digital Archives Warsaw

Polnischen Diplomaten gelang eine der größten Rettungsaktionen europäischer Juden. Was erst seit zwei Jahren bekannt ist, wurde nun in einer eindrucksvollen Dokumentation aufgearbeitet.

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          Polens Geschichte ist nicht gerade arm an dramatischen Momenten, doch selten sieht man in der TVP, dem öffentlich-rechtlichen Sender aus Warschau, eine so gute, sachliche und doch spannende historische Dokumentation. In dieser Woche wurde dort „Polmission – Das Geheimnis der Reisepässe“ ausgestrahlt. „Polmission“ steht für die polnische Botschaft in Bern, im Zweiten Weltkrieg eine der wenigen noch tätigen Vertretungen des besetzten Landes im großenteils von der Wehrmacht beherrschten Europa. Die Dokumente, um die es geht, sind echte Blankopässe lateinamerikanischer Staaten, die von deren Diplomaten in der Schweiz zur Verfügung gestellt wurden. Schaltzentrale der Aktion war die polnische Vertretung. Ihre Diplomaten arbeiteten der polnischen Exilregierung in London zu und fälschten eigenhändig die Pässe.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Diese Rettungsaktion zugunsten europäischer Juden, eine der größten in jenen Jahren, ist erst in den letzten zwei Jahren nach und nach bekanntgeworden, als der damalige polnische Botschafter in Bern, Jakub Kumoch, auf entsprechende Dokumente stieß. Der Durchbruch kam, als die Schweiz den heutigen Diplomaten ihre Archive öffnete und auch Polizeiakten eingesehen wurden. So erzählte es der Produzent des Films, Robert Kaczmarek, der seit kurzem auch Vorstandschef des staatlichen Polnischen Instituts für Filmkunst (PISF) ist. Der Berner Polizeichef ermahnte 1943 die in einem gewissen realpolitischen Sinne staatenlosen Polen, so etwas habe „nicht vom Boden der Schweiz aus zu geschehen, und zudem noch von Leuten, die unsern Asylschutz beanspruchten“. Im gleichen Jahr lieferten sich Polens Botschafter Aleksander Lados, der Kopf der Fälscher, und der Schweizer Außenminister Marcel Pilet-Golaz eine Debatte darüber, ob von fremder Hand ausgefüllte „echte“ Pässe als Fälschung bezeichnet werden könnten.

          Die Diplomaten ließen sich nicht bremsen. Sie hatten die Passprozedur erfunden, um aus dem sowjetisch besetzten Ostpolen Personen auszuschleusen. Später gingen, über jüdische Aktivisten vermittelt, immer mehr Hilferufe von Juden aus verschiedenen Ländern Europas ein. Den Filmemachern um Regisseur Jacek Papis ist es gelungen, Holocaust-Überlebende sowie Kinder von Überlebenden vor die Kamera zu bekommen, die dank der „Paraguay-Pässe“ gerettet wurden. Der Schriftsteller Uri Orlev erzählt, was geschah, als er und seine Angehörigen im Warschauer Getto die neuen Pässe bekamen: Sie wurden in einen Zug gesteckt, der unbehelligt quer durch Deutschland fuhr – bis nach Bergen-Belsen. Hier wurden, wie Stephanie Billib von der Gedenkstätte bestätigt, Juden unter besseren Bedingungen separat interniert, damit man sie gegen internierte Deutsche austauschen konnte.

          Eindrückliche Aufnahmen von Zeitzeugen

          Eine weitere Zeugin ist Hanna Pick-Goslar, eine voller Würde auftretende, sorgfältig geschminkte alte Dame, die in Kinderjahren Freundin von Anne Frank war. Wie diese kam sie nach Bergen-Belsen, doch auf die andere Seite eines Stacheldrahtverhaus. Das Letzte, was sie tun konnte, war, Essen zu sammeln und der Freundin hinüberzuwerfen. Dann trennten sich ihre Wege: Anne Frank starb im Lager, Frau Pick-Goslar spricht heute im Film zu uns.

          Hier und da haben die Filmemacher selten gesehene Aufnahmen eingestreut, etwa vom „Marsch der Rabbiner“, mit dem um die vierhundert Geistliche 1943 in Washington forderten, dem Holocaust – etwa durch Bombardierung der Bahnlinien – ein Ende zu setzen. Menno Kalmann, Sohn eines dank „Paraguay“ Geretteten, erregt sich: „Wie oft haben die Alliierten Dresden bombardiert! Und warum nicht die Bahngleise? Warum?“ Im Film heißt es, die Alliierten hätten einen Widerspruch zwischen einem solchen Einsatz und ihren Hauptkriegszielen festgestellt. Auch Szenen der scheinbar mit Samthandschuhen durchgeführten Deportation der Juden aus den Niederlanden sind zu sehen – ein starker Kontrast zum völkermörderischen Elend in den Gettos im Osten Europas.

          „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen“, schrieb 1941 Bertolt Brecht; ein Pass werde überall anerkannt, der Mensch nicht unbedingt. Etwa 3500 Halter der Pässe der Ladoss-Gruppe und davon etwa 700 tatsächlich Gerettete sind inzwischen namentlich bekannt und auf der Internetseite http://passportsforlife.pl/ verzeichnet, nach den übrigen wird noch gesucht. Außerdem haben laut „Polmission“ etwa 7000 Juden in der Schweiz überlebt, weil Lados ihnen polnische Pässe ausgestellt habe. Polen und seit diesem Jahr auch die Ukraine haben Gedenktage zu Ehren der Retter von Juden eingerichtet. In Berlin zeigt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine ständige Ausstellung über Judenretter in Europa.

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