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„Die Nibelungen“ bei RTL : Die Jungfrauen mussten sterben

  • -Aktualisiert am

Eik (Benjamin Sadler) und Katharina (Bettina Zimmermann) sind auf der Jagd nach dem Schatz der Nibelungen Bild:

Man nehme ein bisschen „Indiana Jones“, mische es gut durch mit „Herr der Ringe“ und streue eine Prise der Nibelungensage darüber: Wider Erwarten erhalten wir wirklich unterhaltsamen Abenteuerklamauk. RTL kennt die richtige Mischung.

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          Im mittelhochdeutschen „Annolied“, das wohl kurz nach 1080 im bayerischen Kloster Siegburg verfasst wurde, lässt der anonyme geistliche Geschichtsschreiber, bevor er zur Verherrlichung des Kölner Erzbischofs St. Anno kommt, die Welthistorie in mehreren hundert Versen gleich zweimal hintereinander Revue passieren. Nach der religiösen Fassung folgt die profane Version, die gleichwohl in heilsgeschichtlicher Perspektive gedeutet wird. Legte man die Maßstäbe moderner Textkritik zugrunde, dann müsste man das „Annolied“ wegen vorsätzlicher Geschichtsfälschung umstandslos ins Reich der Fabel verbannen.

          Da stammen die Franken in direkter Linie von den Trojanern ab, während sich in Köln die Gräber von „eilf tusent megiden“ (elftausend Jungfrauen) finden lassen, die mitsamt der bretonischen Königstochter Ursula um 450 von den Hunnen umgebracht worden seien – zuvor war in der Legende nur von zehn Jungfrauen die Rede. Geschichtsschreibung aber ist zu dieser Zeit selbstverständlich Geschichtsdichtung, und Mythos wie Christentum dienen im Wesentlichen der Herrschaftslegitimation der Mächtigen. Im Gegenzug kann man die bekannten literarischen Werke der mittelhochdeutschen Blütezeit auch als Geschichtsbücher ihrer Zeit lesen. Auch im „Rolandslied“, im „Eneasroman“ des Heinrich von Veldeke oder in der Parzivaldichtung des Wolfram von Eschenbach werden Belegbares, Legendäres und Mythologisches bunt vermengt und – publikumswirksam aufgemischt.

          RTL schreibt Geschichte

          Wenn daher RTL nun zur munteren Schnitzeljagd durch die deutsche Geschichte und ihren bekanntesten Mythos lädt und dabei das Schicksal des Nibelungenhortes in eine gänzlich unerhörte, weisheitsgeschichtlich aber durchaus bemerkenswerte Perspektive bringt, sollte man sich nicht weiter wundern, sondern den Sender vielmehr zu seiner vollendeten Einfühlung ins mittelhochdeutsche Dichter-Selbstverständnis beglückwünschen. Sein unbekümmert geschichtsklitterndes Verfahren nämlich hat sich der Drehbuchautor Derek Meister offenbar bei den mittelhochdeutschen Werken abgeschaut.

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          Karl der Große macht es den Schatzsuchern nicht leicht: Viele Fallen versperren den Weg zum Ziel : Bild: obs

          Und so geht die ziemlich unterhaltsame Neufassung der Historie in „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“: Um 770 fand der Frankenkönig Karl der Große, der sich ja irgendwie die Zeit vertreiben musste, bis der Papst dreißig Jahre später endlich bereit war, ihn zum ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu krönen, höchstderoselbst den Nibelungenschatz. Als aber seine Getreuen begannen, einander aus Gier und Neid abzuschlachten, versammelte er seine engsten Mannen um sich, denn man hatte noch Zeit, Fernsehen würde es so bald nicht geben, um allerhand Rätselspiele auszudenken und Hinweise zu vier Schlüsseln an vier der schönsten touristischen Orte Deutschlands zu verstecken. Dereinst sollte ein weiserer Mann, nämlich Eik Meiers (Benjamin Sadler) sie finden, deuten und sich damit Siegfrieds Schwert Balmung, Alberichs Tarnkappe, eine Phiole voll unsterblich machenden Drachenbluts und Lastwagenladungen voll Gold und Juwelen anständig verdienen.

          Vor das Abenteuer aber hatten die Götter und die Regie von Ralf Huettner den männlichen Reifungsprozess ihrer Hauptfigur gesetzt. Acht Jahre bevor „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“ einsetzt, verlor Meiers bei einem Unfall seine Frau, die fanatische Schatzjägerin Maria (Milena Dreißig) und seinen besten Freund André (Stephan Kampwirth). Allein hatte er seitdem seine Tochter Krimi (= Kriemhild, Liv Lisa Fries) aufgezogen, schweren Herzens Abschied von der Archäologen-Feldarbeit genommen und sich als Berater einer Tiefbaufirma verdingt. Nur ein Amulett mit dem Signum Karls des Großen und einem verräterischen Drachenkopf war ihm geblieben. Sein lustiger Freund Justus (Fabian Busch mit Indiana Jones-Hut) hingegen hütete im Museum einen merkwürdigen Solidus, eine Münze aus der Zeit Karls.

          Man nehme ein bisschen „Indiana Jones“

          Die Jagd beginnt, als der schwerkranke Magnat Brenner (Hark Bohm) von seinen Schergen Amulett und Solidus rauben lässt. In den folgenden zwei Stunden erwarten den Zuschauer hochwertige Aufnahmen der Rügener Kreidefelsen, des Kölner Doms mitsamt sehr gelungenen Bauten schauriger Katakomben, Besuche bei den Externsteinen im Teutoburger Wald und in Schloss Neuschwanstein nebst einer Zugspitzenbesteigung, eine Menge Felsenkraxelei und Bettina Zimmermann als skeptische Museumsleiterin, die sich in einer höchstwahrscheinlich symbolisch gedachten Einstellung hinter durchsichtigem Duschvorhang episch gründlich den Staub der Archive vom Körper wäscht. All das – und noch viel mehr – wird untermalt von der Filmmusik Klaus Badelts („Fluch der Karibik“).

          Man hat sich nicht lumpen lassen: Ein wenig „Herr der Ringe“, Lara Croft und Dan Brown hier, etwas „Indiana Jones“ und „Unsere schönsten deutschen Kulturdenkmäler“ dort. Wer „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“ als hochwertig gefilmten Abenteuerspaß nicht zu ernst nimmt, hat die besten Chancen auf einen unbeschwerten Fernsehabend. Wer sich allerdings schon immer darüber geärgert hat, dass die kulturelle Unkenntnis immer absurdere Resultate zeitigt, so dass selbst „Meyers Online Lexikon“ im Fall der Nibelungenliedhelden Hagen von Tronje und Gunther statt richtig von Burgundenkönigen nur von Burgunderkönigen (also von exquisiten Rotweinen) spricht, dem sei ein besinnlicher „Nibelungenlied“-Lektüreabend und dabei besonders Hagens Siegfried-Erzählung empfohlen: „Er sach so vil gesteines / (so wir hoeren sagen) / hundert kanzwägene / ez möhten niht getragen; / noch me des roten goldes / von Nibelungen lant.“

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