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ARD-Märchenfilme : Die Prinzessin von heute muss sich schon selbst retten

Salzprinzessin auf Abwegen: Ihre Schwestern umschmeicheln ihren Vater, Prinzessin Amelie (Leonie Brill) sagt ihm, sie liebe ihn „wie das Salz“. Dafür wird sie verbannt und muss Männerkleidung tragen. Bild: WDR/Kai Schulz

So steht es nicht im Buche: Auch dieses Jahr zeigt die ARD Märchenfilme zu Weihnachten. Doch beim Umgang mit den Vorlagen fehlt es an Esprit und Mut und Witz. Da helfen auch die stärksten Frauen nicht.

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          Als die Schauspielerin Cleo von Adelsheim gefragt wurde, was denn das Besondere an der von ihr gespielten Prinzessin Maleen sei, hob sie die Stärke dieser Figur hervor. Während Prinzessinnen sonst „immer gerettet werden“ müssten, sage sich jene Maleen: „Darauf habe ich keine Lust, da befreie ich mich lieber selber.“ Weiterhin befragt, was sie zu Weihnachten vorhabe, sagte die Schauspielerin, sie wolle sich vor den Fernseher setzen und so viel Märchenfilme sehen, wie sie nur könne.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Sie wird ihr blaues Wunder erleben. Nicht nur, weil sie außer dem Märchenfilm, in dem sie selbst mitspielt, allein an den ersten beiden Weihnachtsfeiertagen noch zahlreiche weitere sehen kann, ob nun „König Drosselbart“, „Schneeweißchen und Rosenrot“ oder „Frau Holle“. Sondern auch, weil sich dabei möglicherweise ihr Prinzessinnenbild gehörig wandeln wird. Maleen jedenfalls ist in dieser Reihung gar nicht so besonders. Sie widersetzt sich ihrem Vater? Sie will selbst einen Prinzen wählen und nicht den heiraten, den andere ihr suchen? Sie ist bereit, dafür auf alle Privilegien zu verzichten? Sie sieht aufs Herz und nicht auf die glänzende Oberfläche? All dies oder Ähnliches wird die Maleen-Darstellerin bei ihren Kolleginnen studieren können, die gleich ihr als Protagonistinnen der jährlichen Märchenfilmserie „6 auf einen Streich“ auftreten, die seit acht Jahren von den Anstalten der ARD produziert und gesendet wird.

          An die Originale erinnert fast nichts mehr

          Inzwischen sind 38 Filme zusammengekommen, in diesem Jahr werden vier neue ausgestrahlt und zwei weitere wiederholt. Anfangs fiel die Wahl dabei fast ausschließlich auf die Märchen der Brüder Grimm, mittlerweile sind auch Kunstmärchen von Hans Christian Andersen oder Ludwig Bechstein dabei und in diesem Jahr sogar „Nussknacker und Mäusekönig“ nach E. T. A. Hoffmann - als Reverenz an den Autor sieht der Pate Droßelmeier, der in diesem Märchen aus den „Serapionsbrüdern“ (1819/1821) die Kinder Marie und Fritz mit mechanischem Spielzeug beschenkt, in der Verfilmung nicht nur Hoffmann dezent ähnlich. Der Droßelmeier dieser Produktion von MDR und Radio Bremen ist auch wie Hoffmann dem Alkohol deutlich zugetan, sonst aber eine Figur, der alles Dämonische abgeht. Der fiese Mäusekönig hingegen rückt der adoleszenten Marie unangenehm auf den Leib, so dass Gut und Böse hier glasklar verteilt sind.

          Bitte recht dämonisch: Joel Basman spielt den Mäusekönig.
          Bitte recht dämonisch: Joel Basman spielt den Mäusekönig. : Bild: MDR/RB/Christian Schulz

          Märchen sind oft Wunder an Effizienz, ihre Erzähler gebieten souverän über Zeit und Raum, und wenn in sieben Jahren oder auf der Reise zwischen zwei weit entfernten Königreichen nichts Relevantes geschieht, dann ist das eben so, und deshalb sind einige der schönsten Märchen oft nur wenige Seiten lang. In „6 auf einen Streich“ aber ist das Format vorgegeben, 58 Minuten sind zu füllen, und dann wird die Sache eben gestreckt und gedehnt. Ein Prinz kann nicht einfach nur im Wald herumreiten, er ist „auf Studienreise“ und verkündet Theorien zur Entstehung von Fossilien, die seinem Gefolge absurd, dafür aber dem auch nur minimal vorgebildeten heutigen Zuschauer als absolut plausibel erscheinen müssen, und weil die titelgebende „Salzprinzessin“ das auch findet, ist klar, dass sich da zwei die Hand im Geist der Wissenschaft reichen werden.

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