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TV-Serie „Room 104“ : In diesem Zimmer ist was los

  • -Aktualisiert am

Pas de deux: In der mit „Voyeur“ betitelten Episode von „Room 104“ verwandelt Sarah Hay das Hotelzimmer in einen Tanzsaal für sich ganz allein. Bild: HBO/Sky

Befreit vom Zwang des Binge-Fernsehens: Sky zeigt „Room 104“, eine Hotelzimmer-Serie mit abgeschlossenen Episoden. Jede erzählt eine Kurzgeschichte, eine ist überraschender als die andere.

          Als Netflix und andere das Binge-Fernsehen erfanden, fesselte das eine Generation von Fernsehzuschauern ganze Wochenenden an die Couch. Enorme Portionen von „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ wurden dort auf einmal goutiert. Jetzt gibt es ein weiteres Gegenmittel zum großen Fernsehfressen: Mit „Room 104“ haben die Filmemacher-Brüder Jay und Mark Duplass („Togetherness“) eine zwölfteilige Serie entworfen, die aus dreißigminütigen, abgeschlossenen Episoden besteht.

          Sie alle spielen in dem titelgebenden Zimmer irgendeines gesichtslosen amerikanischen Motels an irgendeiner Ausfallstraße, aber jede erzählt eine andere Geschichte mit anderen Akteuren. „Der Gedanke war“, sagte Jay Duplass kürzlich bei einem Pressegespräch in Los Angeles, „am Freitag- oder Samstagabend nach ein paar Drinks heimzukommen und Lust zu haben auf einen Happen Fernsehen – ohne dass man zuvor irgendwelche Hausaufgaben erledigt haben musste und ohne sich auf zehn oder dreißig Folgen einlassen zu müssen.“

          Warten auf Erleuchtung: In „Room 104“ geht es nur scheinbar ruhig und gesittet zu.

          Absicht der Brüder war, die Kurzgeschichte als Fernsehformat wiederzubeleben – angelehnt an Anthologien wie „The Twilight Zone“ oder „Black Mirror“, nur kürzer. Das gelingt ihnen in einem Zeitrahmen, der bisher der Sitcom vorbehalten war, erstaunlich gut: Unter dem Eindruck zeitlicher Begrenzung sind hier eine Handvoll Kammerspiele entstanden, die alle Genres vom Horror über das Familiendrama bis zur Performance miteinbeziehen.

          Da ist zum Beispiel die Geschichte einer jungen Babysitterin (Melonie Diaz), die nur ein paar Stunden auf den elfjährigen Ralph (Ethan Kent) aufpassen soll, während dessen Vater ausgeht. Als der Junge behauptet, im Badezimmer lauere ein Monster namens Ralphie, denkt die junge Frau zunächst an ein Kinderspiel. Eine andere erzählt vom zweiten Flitterabend eines alten Ehepaars (Philip Baker Hall und Ellen Geer), der anders ausgeht als erwartet. Und in einer weiteren versucht ein junger Mann (Karan Soni) händeringend seine technisch unterbelichtete Mutter (Poorna Jagannathan) telefonisch dabei zu coachen, ihm ein wichtiges Manuskript per E-Mail zu schicken.

          Wer gegen wen? Konfrontationskurs ist in „Room 104“ auch angesagt.

          Der hauseigene „Ideenschrottplatz“ habe als Mine für die Kurzgeschichten gedient, sagte Mark Duplass in Los Angeles. Dort lagerten seit langem die Einfälle der Brüder, die für einen abendfüllenden Film nicht reichten, so Duplass, der sieben der zwölf Episoden schrieb. „Eigentlich wollten wir hiermit vor allem Spaß haben“, sagt er, „aber immer wieder mussten wir uns fragen: Wie inszenieren wir diese Geschichten auf engem Raum, wie vermeiden wir es, uns zu wiederholen?“

          Die Geschichten, die hier aufgeblättert werden, sind kurze Einblicke in das Leben fremder Leute, vorübergehende Treffen zwischen Unbekannten oder alten Freunden, Geschäftstransaktionen oder Rettungsversuche. „Wir reisen viel“, sagt Mark Duplass, „und oft kann man doch in einem Hotelzimmer denjenigen, der dort zuvor übernachtet hat, noch riechen und spüren.“ Wohl jeder hat sich beim Einchecken in ein billiges Hotelzimmer schon mal gefragt: Wie ist wohl dieser Fleck auf dem Teppich zustande gekommen? Wessen Parfum hängt hier noch kaum spürbar in der Luft? Und was hat sich auf diesen Betten schon abgespielt?

          Erfreulicherweise gehen die Duplass-Brüder weit über solche Fragen hinaus. „Wir wollten das so vielfältig wie möglich gestalten“, sagte Jay Duplass über die Serie, deren Episoden mal ein wortloses Tanzstück, mal ein Thriller, mal ein Monolog sind. Inhaltliche Vorgaben existieren nicht, nur einige strikte Regeln fassen das Ganze ein: Jede Episode muss binnen drei Tagen abgedreht sein, die gesamte Handlung muss in dem Hotelzimmer stattfinden, und die Hälfte der Episoden wird von Frauen inszeniert.

          „Die Kürze der Zeit und die Begrenzung auf dieses eine Zimmer erwies sich als durchaus befreiende Beschränkung“, sagte die Regisseurin Sarah Adina Smith, die „Ralphie“ inszenierte. „Wenn einem zu viel Freiheit gegeben ist, kann das schließlich für die Kreativität toxisch sein.“

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          Ganz nebenbei ist „Room 104“ zudem auch eine Nachwuchs-Arena – die Duplass-Brüder luden junge, unabhängige Regisseure ein, hier ihren Abdruck zu hinterlassen, und der Sender HBO bat die Autoren darum, Schauspieler zu wählen, die man noch nicht kennt, „nicht zuletzt auch aus Kostengründen“, wie Mark Duplass zugibt. Aber ein paar bekannte Gesichter schlichen sich doch ein: Orlando Jones ist in der Episode „Knockandoo“ als eigenartiger Schamane zu sehen, James van der Beek tritt ebenso auf wie Amy Landecker. Jedes Mal, wenn man die Tür aufmacht, muss man auf eine Überraschung gefasst sein, und auch wenn die nicht in jeder Episode verfängt, ist doch die Idee, dem großen Festschmaus einen leichten Snack gegenüberzustellen, durchaus gelungen.

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