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Die neue „Brigitte“ : Stramme Waden

  • -Aktualisiert am

Franca, 20, Gastronomin in Hamburg Bild: Astrid Grosser für Brigitte

Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ zeigt im neuen Heft erstmals Mode an Frauen, die keine Models sind, sondern Lehrerinnen und Künstlerinnen mit Falten und kräftigen Waden. Die gute Botschaft ist: Mit Hilfe fähiger Stylisten und guter Fotografen lässt sich beinahe jede Frau in Szene setzen.

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          Es ist stark anzunehmen, dass die für die Zeitschrift „Brigitte“ zuständige PR-Abteilung im Hause Gruner & Jahr derzeit recht angenehme Tage verbringt. Nicht nur sollen sich nach der vor einigen Wochen ausgerufenen Aktion „No-Models“ innerhalb kürzester Zeit etwa zwanzigtausend Frauen gemeldet haben, die mitmachen wollten. Das neue Heft, das seit dieser Woche zu haben ist und tatsächlich alle Modestrecken mit Fotos von Frauen bestückt, die keine Models sind, sondern Lehrerin, Künstlerin oder Restaurantbesitzerin, scheint sich gut zu verkaufen. Die Zeitschrift verbindet den ökonomischen Erfolg mit einer vernünftigen Idee.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Brigitte“ will sich dem sogenannten Magerwahn widersetzen und keine Models mehr buchen, die vielleicht nur dreizehn oder vierzehn Jahre alt sind, dafür aber in Kleidergröße 32 passen. Sie möchte Frauen abbilden, mit denen sich die normale Leserin besser identifizieren kann. Also Frauen mit Sommersprossen, wie die 29 Jahre alte, alleinerziehende Mutter aus Hamburg auf Seite 36; mit Falten und Tattoos, wie die fünfundvierzigjährige Künstlerin aus Island auf Seite 44; mit kräftigen Waden, wie die 21 Jahre alte Rezeptionistin aus Italien auf Seite 57 sie hat. Natürlich haben diverse Kritiker aus der Branche diesen Plan von Anfang an als nicht realisierbar verworfen.

          Logistische Schwierigkeiten

          Der Berliner Modedesigner Michael Michalsky etwa, der im dem aktuellen Heft als Kritiker zu Wort kommt, argumentiert mit den logistischen Schwierigkeiten, denen sich „Brigitte“ aussetze. Es sei nun einmal üblich, die Kleider in kleinen und kleinsten Größen zu präsentieren. Auch seine eigene Mode komme am besten zur Geltung, wenn sie von Frauen des Typs „Gazelle, Giraffe, Amazone“ getragen werde, weil bei schlanken Frauen „die Körperproportionen einfach besser passen“. Die Frage aber, ob es nicht seltsam ist, dass die Mode in ihren Prototypen meist so entworfen wird, dass sie nur an ganz wenigen Frauen aussehen kann, wie sie gemeint ist, und ob der Fehler dann nicht in einem System zu suchen ist, das die überwältigende Mehrheit der Frauen gar nicht zur Kenntnis nimmt, wird ihm nicht gestellt. Das ist schade.

          Franca ist eines der „Nicht-Models” von Brigitte

          Auch der Vergleich, den Michalsky mit der Sportwelt anstellt - „Stellen sie sich einmal vor, die Tour de France dürfte nur noch von normalen Menschen gefahren werden“ -, hinkt. Immerhin hat sich gerade der Radsport wegen des massiven Einsatzes von Dopingmitteln und der damit verbundenen Missachtung der Fairplay-Regeln, die dem Sport zugrunde liegen, zumindest in Deutschland weitgehend selbst abgewickelt. Die Art und Weise, in der hier Grenzen (und Gesetze) überschritten werden, stellt nicht nur den Radsport weiterhin vor ein Legitimationsproblem. Dieses hat die Modebranche nämlich auch. Und sie sollte darauf reagieren. Dass nun ausgerechnet „Brigitte“ darauf aufmerksam macht, dass die Maßstäbe in punkto Idealmaße und Körpergewicht die Grenzen des Vernünftigen überschritten haben, ist hörenswert und zu begrüßen. Manch ein Modedesigner sollte sich ein Beispiel daran nehmen.

          Die Möglichkeiten der Stylisten

          Wie es anders laufen könnte, lässt sich in dem aktuellen Heft jedenfalls recht gut beobachten. Denn auch der schon mehrfach erhobene Vorwurf, die nun in „Brigitte“ abgebildeten Frauen seien zwar keine Models, würden aber so aussehen, als könnten sie welche sein, greift zu kurz. Richtig ist vielmehr, dass hier sichtbar wird, wie sich mit Hilfe fähiger Stylisten und guter Fotografen beinahe jede Frau hervorragend in Szene setzen lässt. Und wenn man so will, ist das die gute Botschaft, die die Zeitschrift ihren Leserinnen bietet.

          Weniger plausibel ist hingegen, dass „Brigitte“ gleich auf dem Titel auf die Diät verweist, die auf mehreren Seiten im hinteren Teil des Heftes vorgestellt wird. Die Redaktion scheint sich des Widerspruchs zwar bewusst zu sein und versucht ihn im Editorial zu entkräften. Die Argumentation kann aber nicht überzeugen. Ein paar Pfunde loszuwerden, so heißt es da, sei nicht nur vernünftig, sondern auch gesund. Die Botschaft sei auch dieselbe wie bei der „Ohne-Models-Initiative“: „Attraktivität hat nichts mit vermeintlichen Traummaßen und Schönheitsidealen zu tun. Sondern mit Persönlichkeit, mit Ausstrahlung, mit Leben.“ Und mit einer Diät?

          Ein gelungener PR-Coup

          Die Vorschläge zum Abnehmen passen nicht zu den „neuen starken Frauen“, denen sich „Brigitte“ künftig widmen will. Wer Kreativität und Eigensinn als Trends der Stunde ausgemacht und den Stilbruch zur neuen Lebensform erhoben hat, kann auf die gute alte „Brigitte-Diät“ getrost verzichten. An der „radikalen Zäsur“ aber, welche die „Ohne-Model-Initiative“ für „Brigitte“ bedeutet, werde nicht mehr gerüttelt, versichert die Chefredakteurin Brigitte Huber im Gespräch: „Wir haben eine neue Ära eingeleitet, die nicht rückgängig gemacht wird.“ Auch aus der Anzeigenabteilung sei nicht zu hören, dass eventuell Kunden, zu denen ja nicht zuletzt die großen Modefirmen gehören, abzuspringen drohten. „Brigitte“ ist zweifellos ein PR-Coup gelungen. Doch sollte es sich allein als solcher erweisen, schlüge das auf die Redaktion zurück. Es ist wie bei einer Diät: Man muss durchhalten, nicht unbedingt dick bleiben wollen, aber auf keinen Fall auf den alten - gerade junge Mädchen gefährdenden - Hungerkurs zurücksteuern.

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