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Netzkonferenz re:publica : Das Universum, vom Neuland aus gesehen

Die Veranstaltung wächst zu Recht

Skepsis ist also angebracht, und wirkt doch überzeugender, wenn sie nicht Wesentliches auslässt. Wenn der Satiriker Christian Brandes alias Schlecky Silberstein fragt, warum Unternehmen wie Google und Facebook eigentlich nicht den Nutzern etwas dafür geben sollten, dass sie ihre wertvollen Zahlen abgreifen, unterschlägt er, dass sie das mit ihrem Angebot längst tun. Die Leute bezahlen mit ihren Daten dafür, dass sie eine Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk benutzen. Ob das ein schlechter Deal ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber Ausbeutung ist es nicht, zumal es Alternativen gibt. Anders verhält es sich bei dem, was Brandes als „modernen Kolonialismus“ bezeichnete: Facebook versorgt Teile Afrikas mit einem Schmalspur-Internet, in dem es nur Facebook und seine Tochterunternehmen gibt. Kurzfristig ist das eine Investition, aber langfristig eine Goldgrube. Auch darauf muss sich theoretisch niemand einlassen, der es nicht möchte, aber sich von einem Monopolisten fernzuhalten, ist nicht immer umsetzbar.

Steinmeier auf der re:publica: „Wir brauchen glasklare Herkunftssiegel für Informationen - und das vor allem, wenn es um politische Werbung geht.“

Wer die Unternehmen für alles verantwortlich macht, entmündigt aber nicht nur die Bürger. Er überspringt auch die Politik, die doch für beide den Rahmen setzt. Der Stadtökonom Felix Hartenstein zeigte in seinem Vortrag über Amazon als Städtebauer nicht nur auf, mit welcher Attitüde der Onlinehändler in Amerika auftritt, indem er Städte in einem Wettbewerb um sein neues Hauptquartier konkurrieren ließ. Er berichtete auch, wie die Politik dem Unternehmen hinterherhechelte: Eine Stadt erwog sogar, einen Amazon-Feiertag einzuführen. Hat Amazon die Mieten in Seattle, wo seine Mitarbeiter laut Hartenstein zwanzig Prozent der Büroflächen einnehmen, in absurde Höhen getrieben? Ja. Wer ist da gefordert, damit sich etwas ändert? Zunächst die Politik. Dass die meisten Unternehmen in erster Linie profitorientierte Entscheidungen treffen und es an sozialem und ökologischem Gewissen vermissen lassen, ist keine so neue Erkenntnis, dass man jetzt Zeit damit verschwenden sollte, sie ausgiebig zu betrauern. Umso wichtiger ist, wie die Kunden sich gegenüber diesen Unternehmen verhalten – und ob sie, wenn sie ihre Produkte schon kaufen, sie nicht wenigstens ordnungsgemäß entsorgen können.

Während die Unternehmen immer mehr Schuld auf sich zu laden scheinen, je größer und mächtiger sie werden, nimmt die re:publica selbst immer mehr Platz ein: Vor einem halben Jahr fand die erste Ausgabe der re:publica in Accra statt; die Jugendkonferenz Tincon war erstmals direkt neben der re:publica beherbergt und zog den Nachwuchs an. Eine Bildungs- und eine Ausbildungsmesse fanden sich ebenfalls auf dem Gelände. Und die Veranstaltung wächst zu Recht: Jeder, der sich im Internet bewegt, sollte regelmäßig dessen Gesetzmäßigkeiten hinterfragen. Das bringt langfristig sogar mehr, als brav Nutzungsbedingungen durchzulesen.

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