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Netflix-Serie „The Mist“ : Könnte mal bitte einer den Nebel lichten?

  • -Aktualisiert am

Es kommt was auf sie zu: Nathalie Raven (Frances Conroy) nutzen ihre seherischen Fähigkeiten auch nichts mehr. Bild: Spike 2017 , Photographer Matthi

In der Horror-Serie „The Mist“ nach einer Geschichte von Stephen King wabert es gewaltig. An Leichen herrscht kein Mangel. Dafür aber an Spannung. Die geht im titelgebenden Nebel unter.

          „Es ist schön hier“, sagt Kevin Copeland in einer frühen, sonnendurchfluteten Szene der neunteiligen Serie „The Mist“ nach einer Novelle von Stephen King zu seiner Frau Eve. Sie hat soeben ihre Stelle als Lehrerin in der Kleinstadt Bridgeville in Maine verloren, weil sie ihre Schüler in Sexualkunde unterrichtete. „Nicht, wenn man genau hinschaut“, sagt Eve und schnipst einen Tausendfüßler von ihrer Jeans. Freilich ist genau das der Clou der Serie: In dem titelgebenden, milchigen Dunst, der in den Ort wabert, kann man überhaupt nichts erkennen. Wie sich allerdings schon bald herausstellt, lauert in dem Nebel das Grauen.

          Man mag sich hier an John Carpenters Horror-Klassiker „The Fog“ erinnert fühlen – Carpenters Film stammt wie Kings Geschichte aus dem Jahr 1980, und als Meister des Horrors wissen sowohl Carpenter als auch King, dass es wenige so effektive Handgriffe im Horror-Genre gibt wie die Beschränkung der Sicht. Die dunkle Kellertreppe, die Schritte im Schatten hinter jemandem, das seltsame Knacken im nächtlichen Wald – nichts verursacht solchen Grusel wie der verborgene Schrecken. Nebel ist ganz besonders unheimlich, weil er sich nicht einmal mit einer rettenden Lampe erhellen lässt. Und die Krabbeltiere sowie die albtraumhaften Erscheinungen, die der Nebel der Fernsehserie birgt, wirken um vieles gruseliger als die tentakeligen Monster in Kings Originalgeschichte.

          Da kann man schlecht den Durchblick behalten: Die Protagonisten von „The Mist“ stehen in demselben.

          Tatsächlich liegt in Bridgeville, noch bevor sich der seltsame Dunst ausbreitet, einiges im Argen. Die Teenagerin Alex Copeland (Gus Birney) behauptet nach einem verbotenen Partybesuch, von Jay (Luke Cosgrove), dem Star des Highschool-Footballteams und Sohn des Polizeichefs Connor Heisel (Darren Pettie), im Rausch vergewaltigt worden zu sein. Ihre Mutter Eve (Alyssa Sutherland) ist außer sich, weil ihr Mann Kevin (Morgan Spector) das ausdrückliche Partyverbot aufgeweicht hat, und will mit ihrer traumatisierten Tochter zu ihrer Schwester flüchten, als der Nebel sich senkt. Bald sind die Familienmitglieder an unterschiedlichen Enden der Stadt gefangen: Kevin in einer Kirche, Eve und Alex in einem Einkaufszentrum. Die Eingeschlossenen sind gezwungen, nun doch genau hinzuschauen – auf ihre Gemeinde, deren Mitglieder und die Gerüchte, die das Vertrauen zueinander vergiftet haben.

          Dass man es hier mit preisverdächtigem Fernsehen zu tun hat, kann man indes leider nicht behaupten. „The Mist“, mit einem Hauch skandinavischer Düsternis und einem Bewusstsein für zeitgemäße Themen adaptiert von dem Dänen Christian Torpe, ist klassischer Stephen-King-Horror: Eine übernatürliche Bedrohung wird zum Prisma für die Soziologie einer Kleinstadt. Die üblichen Verdächtigen – neben dem Ehepaar im Clinch, dem stillen Teenager, dem Footballstar und dem zwielichtigen Sheriff sind dies eine seltsame Alte (Frances Conroy als Mrs. Raven), eine Drogenabhängige (Danica Curcic), ein Pfarrer (Dan Romanov) und ein jugendlicher Außenseiter (Russell Posner) – bilden Koalitionen und stellen sich dem Bösen entgegen. Es gibt reichlich Tote – Opfer des Nebels, aber auch Ermordete und Selbstmörder.

          „The Mist“ ergeht es wie der letzten Stephen-King-Serienadaption „Under the Dome“: Eine komplizierte und dichte Geschichte fasert im Langformat des Fernsehens aus. Immerhin ist „The Mist“ erstklassig gefilmt, und die schönen Bilder helfen ebenso wie manche cleveren Dialogzeilen über allzu drastische erzählerische Abkürzungen, logische Schlenker und die eine oder andere Länge hinweg. Bisweilen setzt „The Mist“ allzu sehr auf plakatives optisches Grauen. Grässlich verdrehte oder entstellte Körper und schreckliche Wunden werden hier, wie das im Genre inzwischen üblich ist, comicartig überzeichnet. Dabei ist am unheimlichsten bekanntermaßen immer das, was man nicht sehen kann – oder was man nur schemenhaft erkennt und mit der eigenen Phantasie vervollständigen muss. Sobald sich die Sicht wieder schärft, ist der Grusel dahin.

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