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Die Netflix-Serie „Dschinn“ : Mäßig begeistert

Ratlos in Amman: Mira (Salma Malhas) und ihre Freundin Layla (Ban Halaweh) müssen herausfinden, wer die Geister rief. Bild: Netflix

Lampenfieber: Mit „Dschinn“ hat Netflix seine erste arabischsprachige Serie produziert. Sie verlässt sich eher auf bewährte Universalkonzepte als auf regionale Anknüpfungspunkte.

          In der jordanischen Ruinenstadt Petra steht das Khazne al-Firaun, ein in den Felsen gehauenes Mausoleum mit hellenistischer Fassade, das in vielen Hollywoodfilmen wie „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ als Kulisse diente. In der neuen Netflix-Serie „Dschinn“, der ersten arabischsprachigen Produktion des Streaming-Portals, sitzt ein bärtiger Mann auf den mächtigen Stufen davor und erzählt Geschichten aus dem alten Petra. Vor ihm sitzt eine Schulklasse aus der Hauptstadt Amman. Als der Geschichtenerzähler sie auffordert, die Augen zu schließen und sich etwas zu wünschen, schleichen sich Mira (Salma Malhas) und ihre Freundin Layla (Ban Halaweh) davon. Ihr Ziel: eine Gruppe von Jungs, die Schnaps trinken und rauchen.

          Ihr Klassenkamerad Tareq (Abdelrazzaq Jarkas) verdrückt sich derweil, weil er mal muss. Aus dem Nichts taucht ein in Beduinengewänder gekleideter Jugendlicher auf und warnt, er sei in Gefahr. Schnitt: Mira allein auf steinigem Weg. Plötzlich schlägt hinter ihr etwas auf den Boden. Tareq ist vom Felsen gestürzt – in den Tod. Später wird sich Mira der mysteriöse Junge als Kerasquioxian (Hamzeh Okab) vorstellen, kurz Keras. Er erklärt, dass für die schrecklichen Vorkommnisse, darunter auch der Selbstmordversuch eines Mitschülers, Dschinn verantwortlich seien. Er weiß das, denn er ist selbst einer. Um sie zu bannen, müsse man jenen finden, der sie gerufen habe. Keras glaubt, es könne jemand aus Miras Schule sein.

          Gesellschaftlich kontroverse Themen werden ausgeblendet

          In „Dschinn“ verbinden die Regisseure Mir-Jean Bou Chaaya und Amin Matalqa Elemente der morgenländischen Märchenwelt mit solchen der modernen Mystery-Serie. Die Dschinn spielen in der vorislamischen arabischen Kultur, aber auch im Islam und dem Volksglauben eine bedeutende Rolle. Sie agieren teils als Beschützer, teils als Zerstörer. Durch sie bekommt die Serie ihren mystischen Anstrich. Das setzt sich in der Bebilderung fort: Während der Zuschauer die Ruinenstadt in allen Details und aus jeder nur denkbaren Kameraperspektive vorgeführt bekommt, bleibt die Hauptstadt des Königreichs unbeleuchtet. Die Szenen dort spielen sich vorwiegend in der Schule, den Privathäusern der Protagonisten oder der lokalen Gastronomie ab. Die Stadt selbst ist nur bei Szenenwechseln im Zeitraffer und aus erhabener Perspektive zu sehen. Als Kulisse wird sie austauschbar. Ihr Alltagsleben bleibt außen vor, religiöse Elemente fehlen. Gesellschaftlich kontroverse Themen blenden die Macher bewusst aus. Stattdessen bekommt der Zuschauer Effekte vorgesetzt: Die Dschinn lösen sich in Sand auf und verschwinden, oder aber sie lassen Wasser in Spiralen aufsteigend aus dem Hahn fließen.

          Zwar bieten die Schüler Identifikationsfiguren für ein junges Publikum, fügen den gängigen Stereotypen jedoch nichts hinzu: Der Junge Hassan (Zaid Zoubi) ein schmächtiger, langhaariger Eigenbrötler, wird hier zum Sympathieträger. Seit je glaubte er an die Dschinn, und nun sind seine Kenntnisse und sein Mut hilfreich.

          Die Jungdarsteller, bisher ohne große Film-Erfahrung, überzeugen in ihren Rollen. Ihre Umgebung tut es nur bedingt. Aus dem Alltag Jordaniens herausgehoben wirkt sie blass. Wenn die Serie funktioniert, dann nur, weil sie nach dem altbewährten Netflix-Rezept geschrieben ist, welches das Portal für seine weltweiten Testballons entwickelt hat.

          In Jordanien hat die Produktion in Regierungskreisen indes für Ärger gesorgt. Laut der jordanischen Nachrichten-Seite „Hala Achbar“ hat der oberste Staatsanwalt des Landes die Abteilung für Internetkriminalität aufgefordert, die Ausstrahlung der Serie wegen „unmoralischer Szenen“ zu stoppen. In Online-Kommentaren kritisierten Zuschauer, die Darstellungen des Teenager-Alltags samt Kuss-Szenen und Alkoholkonsum könnten sich negativ auf die Jugend auswirken. Derweil erklärte Jordaniens Medienkommission, dass sie lediglich Kontrolle über Ausstrahlungen habe, die über Fernsehgeräte oder in Kinos in Jordanien gezeigt würden.

          Dschinn läuft bei Netflix.

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