https://www.faz.net/-gqz-a3r7o

Doku über Soziale Medien : Sind wir dieser Technologie wirklich gewachsen?

Skyler Gisondo als Ben in „The Social Dilemma“ Bild: Netflix

Einige Zuschauer dieser Doku haben bereits angekündigt, sich online zurückzuziehen: „Das Dilemma mit den Sozialen Medien“ zeigt, wie Plattformen wie Facebook und Youtube die Nutzer manipulieren und die Gesellschaft spalten.

          3 Min.

          Erst seit wenigen Tagen ist „Das Dilemma mit den Sozialen Medien“ auf Netflix, und schon häufen sich in den Netzwerken die Ankündigungen von Nutzern, sie wollten dort künftig kürzertreten. Manche wollen sich ganz abmelden, andere nur die Apps von ihren Smartphones löschen, einige stellen die Benachrichtigungen aus, die sie mit der Ankündigung neuer Kontaktaufnahmen oder Fotos immer wieder dazu bringen, die App zu öffnen. Was ist das für eine Doku, die Menschen dazu bringt, plötzlich den Netzwerken zu misstrauen, denen sie bisher wider besseres Wissen Familienfotos und Telefonnummern anvertraut haben?

          Der amerikanische Regisseur Jeff Orlowski hat zahlreiche ehemalige Mitarbeiter von Firmen wie Facebook, Twitter, Pinterest und Google vor die Kamera geholt, die zwei Dinge gemeinsam haben: Sie wirken alle erstaunlich jung für ihren teils hochdekorierten Veteranenstatus. Und sie sind der Meinung, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beigetragen haben, ein Monster zu erschaffen und von der Kette zu lassen, das heute die Sicherheit und geistige Gesundheit von Milliarden Menschen beeinträchtigt. „Die existentielle Bedrohung ist nicht die Technologie, sondern ihre Fähigkeit, das Schlechteste aus der Gesellschaft herauszuholen“, sagt Tristan Harris, der früher bei Google war und seit Jahren für mehr Ethik in der Tech-Branche kämpft. „Dieses Schlechteste ist die existentielle Bedrohung.“

          Was im Kontrollcenter passiert

          Um diesen Mechanismus zu erklären, greift die Doku leider zu einem etwas ungelenken Vehikel: Zwischen die Berichte der Veteranen und Fachleute schneidet sie Szenen, die aussehen wie aus einem mittelmäßigen Fernsehfilm. Darin geht es um eine Familie, in der vor allem zwei der Kinder im Teenageralter süchtig nach ihren Handys sind. Im Mittelpunkt steht der Sohn, dazu sehen wir als Gegenschnitt ein Kontrollcenter voller Männer, die ihn zu manipulieren versuchen, damit er ihre App mehr nutzt. Die Geschichte wird reichlich dramatisch, der Junge am Ende zum Corona-Leugner und verhaftet. Trotzdem ist hochinteressant, was in diesem Kontrollcenter passiert, das die Künstliche Intelligenz hinter den Plattformen darstellen soll.

          Die KI probiert aus, mit welcher Reihenfolge und Kombination aus angezeigten Posts und Werbung der Nutzer möglichst lange dranbleibt, und lernt darüber dazu. Deshalb haben Facebook und Instagram sich auch von den chronologischen Timelines verabschiedet – ihre kuratierten Versionen halten den Nutzer viel länger am Ball als der echte Zeitablauf. Instagram zählt außerdem mit, wie lange wir welches Bild oder Video anschauen, und weiß deshalb, was wir mögen. Wir sehen uns einer Technologie gegenüber, die viel mehr über uns weiß als umgekehrt. Und die sich kreativer Methoden bedient – als der Junge mit einer Freundin chattet, sagt einer: „Zeigt ihm an, dass sie tippt, damit wir ihn nicht verlieren!“

          Doch die individuelle Manipulation ist nur der Anfang. Die Doku zeigt sehr überzeugend, wie die Algorithmen zur Spaltung der Gesellschaft beitragen und selbst von böswilligen Kräften manipuliert werden können. Die Mathematikerin und Autorin Cathy O’Neil ist ganz sicher: Die Technologie ist den Problemen, die sie erzeugt hat, nicht gewachsen. „Die Leute reden über AI, als kennte sie die Wahrheit. AI kann das Problem der Fake News nicht lösen.“

          Haben wir der Manipulation nichts entgegenzusetzen? Die Veteranen haben ihre Zweifel. Denn im Gegensatz zum Fernsehen wächst und entwickelt sich diese Technologie exponentiell. Sie denkt nicht nur schneller als wir, sie ist auch flexibler. Die Doku führt das niedrigschwellig und trotzdem umfassend aus und bedient sich selbst nur verzeihlicher Mittel der Manipulation: Sie unterschlägt die Tatsache, dass Instagram selbst seinen Suchtfaktor leicht reduziert hat, indem es die Anzahl der Likes nicht mehr anzeigt. Und sie lässt ausgiebig unheilvolle Musik im Hintergrund laufen – am Schluss spielen dann beschwingt die Geigen, als das böse Kommandozentrum sich auflöst.

          Jeder kann selbst überprüfen, wie dringend er sich diese Doku zu Herzen nehmen sollte – indem er mitzählt, wie oft er während der anderthalb Stunden Laufzeit nach dem Handy greift. Und sich fragt, was er dort eigentlich erwartet: eine echte Nachricht von einem Freund oder nur irgendwelche Zerstreuung mit den Urlaubsfotos von halbfremden Menschen. Aber was tun gegen die Sogwirkung der Plattformen? Alle eingangs genannten Schritte sind denkbar. Weiter geht allerdings die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff: „Wir sollten sie verbieten“, sagt sie. „Das ist keine radikale Position. Das machen wir bei anderen Märkten wie dem Organhandel und Sklavenhandel auch.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street

          Doch wieder Brexit-Gespräche : Sie verhandeln auf der roten Linie

          London und Brüssel verhandeln nun doch weiter über eine künftige Partnerschaft. Aber reichen drei Wochen mehr Zeit aus, um die Gräben zu überwinden? Fest steht: EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat wenig Spielraum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.