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Nele-Neuhaus-Verfilmung im ZDF : Leben und Sterben im Taunus

  • -Aktualisiert am

Das nennen wir Rotlicht-Milieu! Florian Finkbeiner (David Rott) sucht nach einer Freundin seiner verstorbenen Schwester. Die beiden haben zusammen in einem Stripclub getanzt. Bild: ZDF und Christian Lüdeke

Verfilmungen der Taunus-Krimis von Nele Neuhaus im ZDF bestechen durch ihre Sprünge und massive Unlogik. „Böser Wolf“ verzichtet auf einiges, was die bisherigen Filme an die Grenze zur Lächerlichkeit brachte.

          Während Hanna Herzmann (Jenny Elvers), Moderatorin einer Skandalsendung, im Krankenhaus um ihr Leben ringt, nachdem sie brutal vergewaltigt wurde, sitzt eine Polizistin zur Bewachung vor der Tür und liest. Selbst Hartmut Matern (Walter Kreye), Programmchef und bester Freund, darf nicht zu der Schwerverletzten. Aber nicht die Beamtin, sondern der behandelnde Arzt weist Matern ab. Die junge Frau in Uniform scheint durch die fesselnde Lektüre schwer abgelenkt. Kein Wunder: Sie liest den neuesten Taunuskrimi von Nele Neuhaus, „Die Lebenden und die Toten“. Der Umschlag ist deutlich zu sehen.

          Ist das jetzt Schleich- oder bloß Eigenwerbung? Oder ironische Selbstbezüglichkeit? Wie auch immer. Dass „Die Lebenden und die Toten“ bald als siebte Neuhaus-Verfilmung im ZDF zu sehen sein wird, ist so sicher wie das Amen zu den bisherigen Filmen im Sender. Schließlich ist der Publikumszuspruch enorm, wenn auch die ersten fünf Verfilmungen unter einer berstenden Überfülle von Motiven und Themen, Sprüngen und massiver Unlogik litten. Dicke Unterhaltungsschwarten, in denen es um die Verfehlungen der oberen Zehntausend im Taunus, um Umweltschutz, Zootiere, missratene Sprösslinge, organisierte Kriminalität und verschlungene Lebenswege im Dutzend billiger geht, lassen sich eben nicht in neunzig Minuten aufbereiten, so die offizielle Verteidigung der sichtbaren Mängel.

          Wobei man in den ersten fünf Verfilmungen schon Entwicklungen zum Ansehnlicheren hin feststellen konnte. Die letzten beiden Male zeichneten Anna Tebbe für das Drehbuch und Marcus O. Rosenmüller für die Regie verantwortlich. Nun, in ihrer dritten Neuhaus-Zusammenarbeit, dem sechsten Film der Reihe, hat man sich zweimal neunzig Minuten gegönnt, um das übliche Neuhaus-Netz aus allen möglichen Themen der Zeit, kriminellen Skandalen und politischen Aufregern zu knüpfen. Zu sehen ist in „Böser Wolf“, wie man aus oberflächlich gezeichneten Figuren, brutalstem Stoff (dessen eigentliche Brutalität freilich nie im Bild zu sehen ist) und komplexen Konspirationszusammenhängen für den Unterhaltungskrimi das Beste macht. Da helfen namhafte Schauspieler selbst in den Nebenrollen, eine gestraffte Dramaturgie, dichte Inszenierung und ansehnliche Kamera (Stefan Spreer).

          Keine kleine Hürde

          Trotz der Ausweitung auf 180 Minuten verzichtet „Böser Wolf“ auf einiges, was die bisherigen Filme an die Grenze zur Lächerlichkeit brachte. Es gibt kein angestrengtes Lokalkolorit mit radebrechenden Hessen mehr, das Privatleben der Kommissare von Bodenstein (Tim Bergmann) und Kirchhoff (Felicitas Woll) findet nur gelegentlich Erwähnung. Auch Tiere, in den früheren Umsetzungen omnipräsent, sieht man so gut wie gar nicht. Der titelgebende „Böse Wolf“ tritt bloß als Stofftier und gruseliges Kostüm auf.

          Die Schauplätze wechseln schnell - psychiatrische Klinik, Campingplatz Main-Riviera, Waisenhaus Burg Sonnenschein, Hofheimer Kommissariat, Amsterdam, die Villa der Moderatorin. Es gibt tausenderlei Aspekte - Hypnose einer von Pädophilen Geschändeten, Medienkritisches, Frauenhandel, Doktorarbeitsplagiat, dubiose Karriere eines Staatsanwalts, gute und schlechte Menschen im Rocker- und Drogenmilieu. Das Gewirr ist für Zuschauer, die das Buch nicht gelesen haben, keine kleine Hürde. Und streiten kann man auch noch über etwas anderes: ob das Thema Kinderschändung - hier am Beispiel des Mädchens Louisa (Bella Bading), ihres unter Verdacht geratenen Vaters Florian (David Rott) und des dubiosen Großvaters und Leiters des Waisenhauses (Michael Mendl) verhandelt - nicht unnötig ausgestellt wird.

          P.S. Sehr geehrte Frau Neuhaus,

          mit Ihrem Hinweis haben sie natürlich vollkommen Recht. Nach „Mordsfreunde“, „Tiefe Wunden“ und „Wer Wind sät“ ist „Böser Wolf“ bereits die vierte „Taunuskrimi“-Zusammenarbeit von Anna Tebbe und Marcus O. Rosenmüller. Da habe ich mich glatt verzählt. Die Arbeit der Beteiligten soll keineswegs unterschlagen werden. Danke für den Hinweis!

          Mit herzlichen Grüßen, Heike Hupertz

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