https://www.faz.net/-gqz-a3fjt

Serie „The Third Day“ : Horror zum Anfassen und Mitfürchten

  • -Aktualisiert am

Im Wald: Jess (Katherine Waterston) und Sam (Jude Law). Bild: HBO/Plan B/Punchdrunk/Sky

Die Serie „The Third Day“ ist zum Schaudern schön, ihre Macher wollen, dass die Zuschauer mitspielen. Sie bitten uns wie im Theater auf die Bühne.

          2 Min.

          Wie ein nervöses Pferd umtänzelt die Kamera einen aufgebrachten Mann um die fünfzig. Für einen kurzen Moment ist sie ganz nah, das Bild wird scharf, Licht fällt ein, dann weicht sie zittrig ein paar Schritte zurück, zur Seite, hin und her, ganz klar, hier ist alles unsicher.

          Der Mann (Jude Law) spricht von Geld, vierzigtausend Pfund, sie könnten gestohlen worden sein, doch genau weiß er das nicht. Wohl aber, dass die Polizei auf keinen Fall eingeschaltet werden darf. Von der verlassenen Landstraße schlägt er sich in den Wald, kauert sich an einen Fluss, schluchzt, hört laut Musik, dann ist plötzlich wieder alles still. Er lässt ein T-Shirt in Kindergröße ins Wasser gleiten, die Strömung trägt es langsam davon, während die Welt hinter dem Mann verschwimmt und an Farbe verliert.

          Allein schon wegen der Kamera- und Montagearbeit von Benjamin Kracun und Nicolas Chaudeurge lohnt es sich, „The Third Day“ einzuschalten. Keine Minute dauert es, bis sie unter der Regie von Marc Munden die Zuschauer in ihre seltsam entrückte Welt gezogen haben. Und der Wahnsinn geht gerade erst los. Denn als der Mann, der sich bald als Sam vorstellt, sich wieder gefangen hat und auf den Rückweg durch den Wald macht, sieht er, wie zwei Kinder eine Schlinge über einen Ast ziehen. Er kann gar nicht so schnell gucken, da wirft sich das Mädchen, ohne zu zögern, in den Tod, während der Junge die Flucht ergreift.

          Sams Rettung kommt in letzter Sekunde, die verstörte Epona (Jessie Ross) lässt sich von ihm nach Hause fahren. So gelangt Sam nach Osea, einer romantisch kargen (und real existierenden) Insel vor der englischen Ostküste, die vom Festland nur zugänglich ist, wenn die Ebbe die einzige Straße, die zu ihr führt, morgens und abends für ein paar Stunden freigibt. Es ist freilich abzusehen: Von hier gibt es kein Entrinnen. Weder für Sam noch für Naomie Harris als Helen, an die Jude Law nach der Hälfte der Miniserie die Helden-Fackel abgibt.

          Laws Kapitel trägt den Titel „Sommer“, Naomie Harris übernimmt für den „Winter“, der ebenfalls aus drei Folgen besteht. Dazwischen soll aber der Herbst nicht fehlen, und dafür haben sich die Serienerfinder Felix Barrett und Dennis Kelly etwas Besonderes ausgedacht. Barrett ist in Großbritannien für seine „immersiv“ arbeitende Theatergruppe „Punchdrunk“ bekannt, bei deren Stücken die Zuschauer selbst Teil des Geschehens sind oder sich zumindest in der Welt der Aufführung frei bewegen können. „Herbst“ soll in dieser Tradition stehen, als Live-Performance im Internet, bei der Zuschauer Jude Law und die anderen auf der Insel begleiten und in die Welt der Geschichte eintauchen können.

          Nach Angaben der Produktion ist diese Aktion ein Bonus und kein Muss, um der Geschichte folgen zu können, was schade ist, weil es den Eindruck erweckt, als würden die Filmemacher ihrem Format dann letztlich doch nicht so ganz vertrauen. Doch auch wenn ein entscheidendes Puzzleteil einen weitaus größeren Reiz als ein zusätzliches birgt, macht die Live-Episode neugierig und könnte wegweisend sein für die Art, wie Serien und Filme in Zukunft konsumiert und vermarktet werden.

          Es mag diesem innovativen Element geschuldet sein, dass sich die Serie ansonsten zur Sicherheit auf ausgetretene Pfade des Mystery-Horror-Genres verlässt. Doch das tun sie mit Eleganz und entsprechender Wirkung. Denn auch wenn Sams Trauma, das sich in der eingeschworenen Gemeinde von Osea, die zwischen christlichem Fundamentalismus und keltischer Mythologie pendelt, Bahn bricht, nicht gerade überraschend kommt, tut es das mit großer emotionaler Wucht, die gleichermaßen Jude Laws fahriger Verkörperung des dreifachen Familienvaters und der furiosen Arbeit der Kamera-, Schnitt- und Regieabteilung zuzuschreiben ist. Auch die Nebendarsteller überzeugen, besonders Katherine Waterston als trinkfreudige Historikerin, die Oseas wahre und durchaus zwiespältige Geschichte als Therapieort für Suchtkranke (auch Amy Winehouse war hier in Behandlung) beleuchtet.

          Sky Ticket zeigt die Serie von heute an im Original. Wer das Live-Event nach Folge drei so erleben will, wie von den Filmemachern intendiert, muss auf Englisch schauen. Die deutsche Version zeigt Sky Atlantic ab 26. November.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will Amerika weniger abhängig in kritischen Technologien machen: Joe Biden

          Wettstreit mit China : Biden macht Mikrochips jetzt zur Chefsache

          Amerika fürchtet um seine Dominanz in der Chip-Industrie. Sogar die nationale Sicherheit sieht das Weiße Haus in Gefahr. Kurzfristig drohen Produktionsausfälle in Schlüsselindustrien.
          Lithium-Abbau in der Atacama-Wüste im Norden Chiles
am Uyuni-Salzsee in Bolivien (unten)

          Kampf um das „weiße Gold“ : Wettrüsten im Lithium-Dreieck

          Noch kommen viele Akkus nicht ohne den seltenen Rohstoff aus. Die Nachfrage steigt rasant in Südamerika, wo es die größten Lithium-Reserven der Welt gibt. Aber die Lage dort ist schwierig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.