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„Penny Dreadful: City of Angels“ : Die Menschen Monster sein lassen

  • -Aktualisiert am

Fest entschlossen: Natalie Dormer als Penny Dreadful Bild: Showtime Networks Inc.

Unbequeme Fesseln aus Hass und Hoffnung: In „Penny Dreadful: City of Angels“ sucht eine Dämonin das L.A. von 1938 heim – doch spielen könnte das auch heute.

          3 Min.

          Dass die Macher von „Penny Dreadful: City of Angels“ mit ihrer Horrorgeschichte, die im Los Angeles des Jahres 1938 angesiedelt ist, auch die Gegenwart kommentieren wollen, wird schnell offensichtlich. „America First“ fordert in der ersten Folge ein Arzt, der in seiner Mittagspause mit wehenden Hakenkreuzfahnen durch die Parks zieht und als Vertreter des Amerikadeutschen Bundes die Amerikaner auffordert, sich doch bitte um ihren eigenen Kram zu kümmern. „Ich habe zwei Söhne und würde alles tun, um sie zu beschützen. Wenn auf der Straße eine Prügelei losgeht, halte ich sie da raus. Warum sollten sie sich im Kampf anderer Leute eine blutige Nase holen?“

          Doch wie sehr sie den Nerv der Zeit treffen würden mit Szenen, in denen eine Front von Polizisten einer ethnischen Minderheit mit gezogenen Waffen gegenübersteht; mit Szenen, in denen die Beamten wahllos Menschen festnehmen, die sich nach einer gerade erst beschlossenen Ausgangssperre im Freien aufhalten, sie demütigen und entrechten – das hätte sich wohl keiner der Beteiligten ausmalen können oder wollen.

          Die Menschen, die hier schikaniert werden, sind Lateinamerikaner, größtenteils mexikanischer Abstammung, von denen viele in Amerika ihr Glück suchen und dann Jobs finden, mit denen sie kaum über die Armutsgrenze hinauskommen. Tiago Vega (Daniel Zovatto) hat es allerdings doch geschafft und sich zum ersten Kommissar mit mexikanischen Wurzeln in L.A. hochgearbeitet. Zum Partner wollte ihn freilich niemand, nur der jüdische Lewis Michener (Nathan Lane) erbarmte sich schließlich. Die beiden verbindet ihre Abneigung gegen die brutalen und korrupten Kollegen, doch bleibt nicht viel Zeit, um sich mit systemischen Missständen zu beschäftigen, wenn gleich an ihrem ersten Tag vier entstellte Leichen vor ihnen liegen.

          Die Erlaubnis, das Monster nach außen zu kehren

          „Was gäbe ich darum, wenn die Toten Mexikaner wären“, poltert der Polizeipräsident, aber es handelt sich um eine reiche weiße Familie. Der Täter hat eine Botschaft auf Spanisch hinterlassen und seine Opfer nach dem Abbild der lateinamerikanischen Heiligenfigur Santa Muerte zugerichtet, die unter anderem dafür zuständig ist, Tote sicher ins Jenseits zu geleiten. In der ersten Szene der Serie steht diese Heilige ihrem blutrünstigen Counterpart gegenüber, der in schwarzes Leder gehüllten Magda (Natalie Dormer), die Santa Muerte nur zu gern mit Seelen versorgt. „Alles, was die Menschen brauchen, um ihr inneres Monster nach außen zu kehren, ist die Erlaubnis dazu“, zischt Magda und macht es sich von nun an in verschiedenen Rollen zur Aufgabe, ihre These zu beweisen.

          Dem anfangs erwähnten deutschamerikanischen Eiferer präsentiert sie sich als Immigrantin aus Berlin und Opfer häuslicher Gewalt. Tiagos jüngeren Bruder überzeugt sie als spanische Einwanderin, sich einer Gang anzuschließen und der Polizeigewalt ebenso brutal entgegenzutreten. Und einen machthungrigen Stadtrat bringt sie als emsige Mitarbeiterin dazu, ein Autobahnprojekt voranzutreiben, das die ethnischen Konflikte zur Eskalation bringen könnte und zugleich den Nazis helfen soll, Los Angeles zu infiltrieren. Gegen letztere Gefahr kämpft im Verborgenen auch Kommissar Michener und sucht dabei bald Unterstützung bei dem legendären Gangster Meyer Lansky.

          Das sind bei weitem noch nicht alle Handlungsstränge, die John Logan für diesen Ableger seines Serienerfolgs „Penny Dreadful“ (2014 bis 2016) zu verweben sucht. Mit Ausnahme des Namens, der auf britische Groschenromane des neunzehnten Jahrhunderts verweist, verbindet das Original mit Horror-Kultfiguren wie Graf Dracula, Frankensteins Monster und Dr. Jekyll und die neue Serie übrigens nicht viel, wohl aber die Ambition ihres Produzenten, Folklore und Sagen in dunkle Hochglanz-Unterhaltung zu verwandeln (Szenenbild: Maria Caso, Kamera: John Conroy, Pedro Luque). John Logans Los Angeles schwitzt und ächzt unter der rasant wachsenden Bevölkerung, Autobahnen werden zu hässlichen Narben, unter denen die Entzündung weiter pulsiert.

          Die phantastische Interpretation der einigermaßen zutreffenden Geschichte von Los Angeles trifft nicht immer den richtigen Ton, die Handlungsfäden bilden mitunter Knoten statt Muster, und Natalie Dormer findet sich nicht in jeder ihrer Rollen überzeugend zurecht. Aber die Serie vermag es, dem Zuschauer unbequeme Fesseln anzulegen, ihn in ihren Bann aus Hass und Hoffnung zu ziehen, ganz besonders in diesen Tagen des amerikanischen Ausnahmezustands.

          Penny Dreadful: City of Angels startet heute um 21.20 Uhr bei Sky Atlantic.

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