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Die Macht der Daten : Wie Internetkonzerne Politik machen

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Wer die Daten hat, hat die Macht. Seine Macht spielt in der letzten Zeit vor allem Facebook aus, trifft damit in Europa aber zunehmend auf Widerstand. Bild: dpa

Wie wäre das: Ein kleiner Aufruf per App, und schon schreiten Millionen Menschen zur Tat. Wovon Politiker träumen, das setzen Internetkonzerne um. Sie betreiben jedoch nur Politik in eigener Sache.

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          Wer ein Fünftel der Menschheit erreicht, sollte damit schon etwas erreichen können. Etwa Unterstützer für seine eigenen Ziele mobilisieren. Genau das tut Facebook mit seiner großen Reichweite. 968 Millionen Nutzer schauen täglich in ihren Newsfeed im Netzwerk, 1,5 Milliarden mindestens einmal im Monat. Facebook verändert den Journalismus, die Spiele- und Musikindustrie, versteht sich bestens darauf, aus Daten Geld zu machen - und schlägt auch politisch aus ihnen Kapital.

          Vor einiger Zeit tauchte im Newsfeed indischer Facebook-Nutzer eine Nachricht auf: „Willst du, dass es in Indien freie Basis-Internetdienste gibt?“, hieß es darin suggestiv. Die Frage verwies auf Facebooks umstrittenes Projekt Internet.org: „Die Mission von Internet.org ist es, jeden auf der Welt mit dem Internet zu verbinden. Zeige deine Unterstützung für ein freies Internet in Indien.“ Der Nutzer konnte entweder „Nicht jetzt“ oder „Ja, ich bin dabei“ anklicken. Wenn ein Nutzer dem angepriesenen Vorhaben zustimmte, wurde sein Votum direkt an den lokalen Abgeordneten weitergeleitet.

          Für Internet.org kooperiert Facebook in Indien mit dem Telekommunikationsanbieter Reliance Communications. Doch es geht nicht wirklich darum, Zugang zum Internet für alle zu schaffen. Tatsächlich werden nur ein paar Seiten freigeschaltet, allen voran - Facebook. Der Konzern leistet keine digitale Entwicklungshilfe, sondern ist an Daten interessiert und setzt sein Netzwerk als digitale Lobbymacht ein. Schon einmal hatte Facebook seinen Nutzern eine Nachricht in den Newsfeed geschickt, um sie zur Stimmabgabe bei der Wahl des amerikanischen Kongresses zu bewegen. Nun trommelt Facebook für sein Internet.

          Wovon Parteien nur träumen können

          Auch Uber macht Politik mit seinen Nutzern. Im Juli führte der Fahrdienst-Vermittler auf seiner App das Feature „De Blasio“ ein. Der Button, benannt nach dem New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio, brachte kein Fahrzeug, sondern ein schwarzes Banner zum Vorschein: „Keine Autos - sehen Sie hier, warum“, stand darauf. Wenn man auf das Banner klickte, erschien ein politischer Aufruf: „Handeln Sie! So sieht es in New York aus, wenn der Gesetzentwurf von Bürgermeister De Blasio angenommen wird. Schreiben Sie dem Bürgermeister und Gemeinderat! Sagen Sie ,Nein‘ zu de Blasios Uber! Mailen Sie jetzt!“ Die New Yorker Stadtregierung wollte durchsetzen, dass der Taxi-Ersatzdienst Uber vorübergehend nur noch ein Prozent mehr Fahrzeuge pro Jahr auf die Straßen bringen darf. Das wäre eine Vollbremsung für Ubers Wachstum gewesen. Das virale Guerrilla-Marketing zeigte Wirkung. Auf öffentlichen Druck ruderte de Blasio zurück, und Uber hatte freie Fahrt.

          Das Lehrstück zeigt, wie ein Vertreter der „Sharing Economy“, die online organisierten gemeinsamen Konsum zur Wirtschaftsgrundlage hat, seine Kunden für eigene Ziele mobilisieren kann. Edward T. Walker, der sich als Soziologieprofessor an der University of California in Los Angeles mit solchen Phänomenen beschäftigt, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Technikkonzerne haben unglaubliche Datenmengen von ihren Kunden und können massive Partizipation in kurzer Zeit generieren.“ Facebook verfügt nicht nur über eine Armada potentieller Unterstützer, sondern kennt von vielen auch die E-Mail-Adressen, Handynummern, Wohnorte und sogar politische Präferenzen. Davon können Parteien nur träumen.

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