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„Die Libelle“ bei Starzplay : Sie spielt die Rolle ihres Lebens

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Die Schauspielerin wechselt das Fach und wird Geheimagentin: Florence Pugh als Charmian Ross, genannt Charlie Bild: Starzplay

Die hohe Kunst der Zeitlupe: „Die Libelle“ nach dem Roman von John le Carré erweist sich unter der Regie des Koreaners Park Chan-wook als erstklassige Reflexion über die enge Verwandtschaft von Spionage und Theater.

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          „Timing ist alles, Shimon“, sagt der genialische, abgebrühte und doch innerlich dauernervöse israelische Geheimdienstimpresario Martin Kurtz (ein phantastischer Michael Shannon) in Episode zwei zu einem seiner Untergebenen. Auch metafiktional scheint der Satz zuzutreffen: Als John le Carrés inhaltlich wie räumlich weit ausgreifender Roman „Die Libelle“ 1984 mit Diane Keaton in der Hauptrolle zum ersten Mal verfilmt wurde, ging vor allem das Timing nicht auf. In der Regie von George Roy Hill hetzten die Schauspieler durch die vielen Schauplätze des Buchs, weil der Fokus nach dem Muster von Mainstream-Thrillern auf der Spannung lag, dem drohenden großen Anschlag in Europa, den es durch Infiltration einer palästinensischen Terrorzelle zu verhindern galt.

          Die neuerliche Verfilmung, hinter der dasselbe Team von BBC und AMC steht, das vor drei Jahren erfolgreich Le Carrés „Nachtmanager“ in eine sechsteilige Serie verwandelt hat, führt nun grandios vor Augen, wie viel angemessener den Büchern dieses Autors der lange Atem ist. „Die Libelle“ in der stilsicheren Regie des Koreaners Park Chan-wook ist ein Zeitlupenthriller, eine Reflexion über die enge Verwandtschaft von Spionage und Theater. Weil dabei die innere Zerrissenheit der mit ihren vorgegebenen Rollen hadernden Figuren wichtiger genommen wird als der Wer-killt-wen-Plot, ist ein psychologisch fesselndes Drama entstanden.

          Das Netz aus Doppel- und Dreifachlügen ist blickdicht gewoben

          Anders als beim schrill-glamourösen, actionprallen „Nachtmanager“ läuft diesmal nichts auf James-Bond-Meriten hinaus, sondern auf das im bewaffneten Kulturkampf allmähliche Unkenntlichwerden aller moralischen Konzepte, weil das Netz aus Doppel- und Dreifachlügen blickdicht gewoben ist. Wer hier bestehen will, muss nicht nur höchste schauspielerische Talente und Gewissensflexibilität besitzen, sondern bereit sein, die Spionage als Kunstform zu sehen, als Bühnenexperiment mit größtmöglichem Einsatz. Ebendas qualifiziert in den Augen des Mossads die politisch linksstehende britische Kleinstbühnenakteurin Charmian Ross, genannt Charlie, über eine geschickt angedichtete Liebschaft mit einem der Terrorbrüder zur verdeckten Informantin zu avancieren. Dass die politische Komplexität des Nahost-Konflikts dabei auch nur annähernd abgebildet würde, lässt sich kaum behaupten, aber das ist auch nicht die Intention.

          Florence Pugh spielt Charlie so verletzlich wie selbstbewusst, als liebenswerte Heldin, die über diese „Rolle ihres Lebens“ als Schauspielerin zu sich selbst findet, aber als Mensch den Halt zu verlieren droht. Rekrutiert wird sie von einem mysteriösen Verführer, der sich ihr während eines Urlaubs in Griechenland nähert (Alexander Skarsgård schlägt sich wacker in dieser etwas antiquierten Männerrolle). Charlie dem Team von Kurtz auszuliefern ist schon sein erster Verrat, aber zugleich steigert es für die neugierige Protagonistin nur die Faszination, die von dem stillen, keuschen, soldatischen Gadi Becker ausgeht, zumal ihm von da an die Aufgabe zufällt, als Double für den ausgeschalteten Terroristen einzustehen, zu dem Charlies Liebe entbrannt sein soll. Natürlich ist „Die Libelle“ wie jeder große Film auch eine Liebesgeschichte, aber eine mit mehreren Variablen. Gadi wird zum Halt in Charlies umgestülptem Leben, bleibt aber zugleich Leerstelle, reine Silhouette.

          Die Protagonistin verliert sich in der Fiktion

          Was sich entspinnt, ist ein Wettlauf der Künste. Kurtz sieht sich als Spielmeister, der alles daransetzt, dem „Mozart der Bomben“, dem Palästinenser Khalil, seinem respektierten Gegenspieler, mit einer meisterhaften Schauspieldarbietung den Sieg wegzuschnappen. Charlie, ganz in dieses Spiel eintauchend, wird zu einer solchen Koryphäe der Täuschung, dass sie bald selbst nicht mehr weiß, auf welcher Seite sie steht. Im Libanon erfährt sie zudem, dass nicht nur das „Theater des Terrors“ Grausamkeit kennt. So zieht sie als Trommlerin in eine Schlacht, in der sie Siegerpokal, Schiedsrichterin und erstes Opfer ist. Man kann auch schlichter sagen: Die Protagonistin verliert sich in der Fiktion. Ihr neues Selbst errichtet sie als Fiktion in der Fiktion. Ein Blockbuster-Rezept ist das nicht, aber eine schöne Variation des gängigen Spion-gegen-Spion-Themas.

          Auf das fiktional Theaterhafte verweist auch die kulissenhafte, überreale Ästhetik der „Libelle“. Malerisch ist die Optik, nostalgisch das Ambiente (das Geschehen spielt im Jahre 1979), aber alles andere als ein Retromodenfest. Der pompöse und natürlich gänzlich irre Einfall Le Carrés, dass der Mossad des Nachts die Akropolis mietet, nur um dort Gadi die neue Rekrutin romantisch umgarnen zu lassen, wirkt hier nicht einmal aufgesetzt, weil die mächtigen, über jede Zuschreibung erhabenen Ruinen über Athen – Tempel, Kirche, Moschee, Nationaldenkmal – das natürliche Bühnenbild für dieses als Schattentheater aufgeführte Spiel mit Identitäten abgeben. Alexis Tsipras hat persönlich die Erlaubnis zu den (Drohnen-)Aufnahmen im heiligen Bezirk gegeben.

          Eher träumerisch arabesk als zielorientiert schreitet die sich immer stärker nach innen wendende Erzählung voran und lässt auch Momente des Zauderns zu. Alle Figuren umgibt eine Coolness, an der paradoxerweise nichts Kaltes, Abweisendes ist, aber auch nichts enthusiastisch Heroisches. Im politischen Welttheater, so vielleicht die Botschaft von Park Chan-wook und den Buchautoren Michael Lesslie und Claire Wilson, sind unsere Rollen zu einem gewissen Grad austauschbar: Wenn man schon nicht mehr ausbrechen kann, geht es darum, sie wenigstens mit Würde bis zum Finale zu verkörpern. Der Showdown ist denn auch nur noch Appendix. So populär wie der „Night Manager“ wird „Little Drummer Girl“ vermutlich nicht werden, ist aber nicht weniger gelungen. Kleine Zusatzaufgabe: John Le Carré finden, der diesmal einen Kellner spielt.

          Die Libelle, ab heute bei Starzplay, Amazon Prime

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