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Rufmord an Appelbaum : Die letzte Schlammschlacht von Gawker

  • -Aktualisiert am

Opfer einer Kampagne: Jacob Appelbaum Bild: dpa

Mit Lügen in die Insolvenz: Mit einem haltlosen Bericht über einen angeblichen sexuellen Übergriff in Hamburg zeigt der amerikanische Blogkonzern, was er kann – und warum er untergeht.

          Es sah einfach zu gut aus. Auf der einen Seite steht scheinbar allein das Böse, der bekannte Netzaktivist Jacob Appelbaum, früher ein wichtiger Mitarbeiter des TOR-Verschlüsselungsdienstes, heute ein gejagter Mann, dem anonym im Internet durch eine Prangerseite sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wird. Ein Star der Szene, der zum Paria geworden ist, nachdem er das TOR-Projekt letzte Woche verlassen hat. Auf der anderen Seite stehen die Guten: Wütende Feministinnen, die den Bösen als Vergewaltiger bezeichnen, eine Netzöffentlichkeit, die nach weiteren Details der Übergriffe verlangt, und drei Helden, die bereit sind, offen und mit Klarnamen zu berichten, wie sie Augenzeugen bei einem Übergriff von Appelbaum wurden.

          Außerdem soll sich das alles in der Öffentlichkeit zugetragen haben, beim renommierten Kongress des Chaos Computer Clubs im letzten Dezember, der seit längerem von Feministinnen wegen der Frauenfeindlichkeit in der Techszene kritisiert wird. Der Kongress, ein Jagdgrund für einen Frauenschänder, und andere Teilnehmer schauen einfach zu, bis drei Zeugen genug haben und dem Übeltäter seine sicher geglaubte Beute entreißen.

          Eine Opfergeschichte

          Das ist die Geschichte, die die Zeugen Meredith Patterson, Andrea Shepard und Emerson Tan dem Redakteur William Turton vom Internetmagazin Gizmodo erzählten. Sie berichteten mit vielen Details, vom verstörten Blick der Frau, von Appelbaums Benehmen, seiner unerwünschten Grabscherei und seinen Versuchen, sie für sich zu gewinnen, und von der Rettung des Opfers in Form einer Intervention. Gizmodo gehört zum Konzern Gawker, der jüngst einen Prozess gegen den Wrestler Hulk Hogan verlor, und nun gezwungen ist, ihm 140 Millionen Dollar wegen der Veröffentlichung eines Sexvideos und anderer Eingriffe in seine Privatsphäre zu zahlen.

          Gizmodo ist die 2002 gegründete Keimzelle des Medienkonzerns, der Skandalfreunde mit Gawker.com und Feministinnen mit Jezebel unterhält: Eine bunte Palette von Nischenpublikationen, alle laut, alle auf den Klickerfolg ausgerichtet. Gizmodo ist das Kronjuwel der Firma, und die Gelddruckmaschine im Konzern. Und nun hat Gizmodo drei Augenzeugen, die dabei waren, als sich eine Szenegröße an einer Frau vergreifen wollte. Der Redakteur versuchte nach eigenen Angaben, Appelbaum zu erreichen, aber der schwieg. Also veröffentlichte Gizmodo die Geschichte einseitig. Sie schlug ein wie eine Bombe, wurde weit verbreitet und von vielen anderen Publikationen übernommen.

          Ein Scoop. Mit einem Schönheitsfehler. Gizmodo hatte die Zeugen und den angeblichen Täter. Aber nicht das angebliche Opfer.

          Attacke aus dem Verborgenen

          Das angebliche Opfer heißt Jill Bähring und meldete sich bald zusammen mit dem Chaos Computer Club zu Wort. Die Geschichte, die einfach zu gut aussah, war zu gut, um wahr zu sein: Die angeblichen Zeugen hatten den Vorgang aus größerer Distanz beobachtet, und sich in ihrer  Voreingenommenheit gegenüber Appelbaum alles nur passend zusammengereimt.

          Jill Bähring war freiwillig bei Appelbaum. Sie sind gut befreundet und haben sich gut verstanden. Niemand ist eingeschritten, weil es keinen Grund zum Einschreiten gab. Sie hatte andere Sorgen und sah deshalb nicht glücklich aus. Es gab keine Grabscherei. Der einzige unerwünschte Übergriff geschah, als Bähring sich von Appelbaum verabschieden wollte und der Zeuge Emerson Tan dazwischen platzte, und sich dabei ganz anders verhielt, als er Gizmodo gegenüber behauptet hatte. Sie hätte Appelbaum an jenem Abend gern noch einmal gesehen.

          Die drei Zeugen, die Gizmodo aufbot, um Appelbaum in bekannter, aber nicht unbedingt bewährter Manier des Hauses Gawker den Rest zu geben, haben, ohne das angebliche Opfer zu fragen, einen sexuellen Übergriff gezielt erfunden. Gizmodo belegte eindrucksvoll, warum Gawker als Medienkonzern am Ende ist: Weil derartig fahrlässige Methoden und Beihilfe in Schlammschlachten zwangsläufig vor Gericht schlecht ausgehen.

          Was an anderen Vorwürfen gegen Appelbaum dran ist, ist weiter unklar: Die Betreiber des anonymen Prangers ziehen es weiter vor, im Verborgenen zu agieren – allerdings behauptet Andrea Shepard, TOR-Mitarbeiterin und eine der Kronzeuginnen von Gizmodo, den Macher zu kennen: es sei ein Mitarbeiter, dem sie traue. Shepard selbst ist mit Appelbaum seit über 10 Jahren bekannt – und verfeindet.

          Peinlich ist die Geschichte nicht nur für die selbsternannte Zeugin Meredith Patterson, die Appelbaum gleich zu Beginn der Anschuldigungen bei Twitter diffamiert hatte, er hätte nun „genug Leute vergewaltigt“, als dass es das TOR-Projekt noch ignorieren könnte. Peinlich ist es auch für ZEIT Online, die ihren Lesern Pattersons Unterstellung als eine wie die Prangerseite argumentierende Stimme verkaufte, “auch wenn sie selbst nicht betroffen“ sei. Wie man nun bei Gizmodo sieht, sind die Feministinnen Patterson und Shepard sehr wohl aktiver Teil einer offensichtlich konzertierten Hetzjagd – Patterson selbst streitet wegen eines angeblichen Plagiats seit 2007 vehement mit Appelbaum.

          Von deutscher Seite hatten weitere Personen versucht, den Fall gegen den Chaos Computer Club auszuschlachten: Auf der für hemmungslose Beschimpfungen bekannte Seite Antiprodukt.de wurden nochmals stolz die Versuche radikaler Gruppen nacherzählt, den Kongress und den Verein auf ihre Weltsicht zu verpflichten. Und die Femgeeks bejahten die selbst gestellte Frage, ob man Public Shaming wie bei Appelbaum bräuchte. Dass die Kronzeugen jetzt als Lügner dastehen, wird entweder ignoriert oder als Aussage einer Verbündeten von Appelbaum abgetan, deren Wort keine Bedeutung hätte. Anne Roth ist Feministin und Mitarbeiterin der Linkenfraktion beim NSA-Untersuchungsausschuss, und eine Szenegröße, die sonstige Bekenntnisse zum Datenschutz nicht davon abgehalten haben, die Prangerseite ihren über 25.000 Followern zu zeigen. Sie schrieb danach:

          Wenn Ihr fragt, was Vergewaltigung für die Karriere und das Leben der Täter bedeutet, fragt dasselbe zu Karriere und Leben der Opfer.

          Zu den Opfern der Gizmodo-Kronzeugen hat sie nichts zu sagen. Der beliebte Spruch „Believe the victim“ gilt in diesen Kreisen offensichtlich wenig, wenn die Opfer nicht in das Narrativ der weißen, männlichen Techszene als Inbegriff der Rape Culture passen.

          Für Gizmodo ist das deutsche Beihilfsschweigen nach dem Auffliegen keine Hilfe mehr: Gawker hat gestern als Gesamtkonzern Gläubigerschutz beantragt, und steht nun zum Verkauf – ein erstes Gebot des amerikanischen Medienkonzerns Ziff Davis liegt bei 90 Millionen Dollar. Allerdings will der Käufer das Projekt, aber nicht die Verpflichtungen gegenüber Hulk Hogan und anderen Klägern übernehmen. Um weitere Niederlagen vor Gericht zu verhindern, wird sich das Projekt deutlich ändern müssen – und das betrifft vermutlich auch die Arbeitsweise von Gizmodo-Redakteur William Turton. Seine Person wirft ein Schlaglicht auf die Gründe des Niedergangs: Gawker hat hier einen 18-Jährigen an ein riskantes Thema gelassen, für das man aufgrund der Tragweite Erfahrung und Fingerspitzengefühl gebraucht hätte. Turtons Einstellung bei Gawker wurde im April noch mit diesen Worten gefeiert: „we share the same enthusiasm for conversational, accessible, honest reporting about the companies, people, technologies, and trends that are shaping our future.“

          Zwei Monate später sollte das “honest reporting“ von Gawker und Turton angesichts der Pleite kein Trend mehr sein, der die Zukunft formt.

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