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„Die letzte Instanz“ im ZDF : Wölfe, wollt ihr ewig heulen?

  • -Aktualisiert am

Prost: Jan Josef Liefers (rechts) und Rolf Hoppe spielen Anwalt und Zeuge Bild: ZDF/Stefan Erhard

Zwischen Treuhand und treudoof: In „Die letzte Instanz“ tanzt Jan Josef Liefers als Rechtsanwalt Vernau am Abgrund, fällt aber nicht hinunter. Das Ganze ist mal knufflig und mal wild, mal charmant und mal auch nur betulich.

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          Thiel heißt jetzt Marie-Luise, sonst ändert sich nicht viel, und das wird das Publikum freuen, zumal die an schütteren Haaren herbeigezogene, aber knuffige Krimigroteske mit Seniorenaroma - „Alterskriminalität, das wird maßlos unterschätzt“, heißt es gleich zu Beginn - mit vielen erfahrenen Hasen besetzt ist und immer wieder erstaunliche Haken schlägt, obwohl eigentlich schon vom Titel her klar ist, dass es um höhere Gerechtigkeit im Diesseits geht, also um das Begleichen alter Rechnungen.

          Allenfalls durch ein, zwei grausame Schockmomente unterscheidet sich „Die letzte Instanz“ von einem überdrehten Münster-„Tatort“, in dem eher selten Mütter ihren von einem Lastwagen überrollten kleinen Töchtern während des Sterbens die einzig verbliebene Hand halten. Die - freilich nur angedeutete - Szene wirkt allerdings auch ziemlich befremdlich in einem ansonsten vor allem kurzweiligen Film von Carlo Rola (nach einem Drehbuch von Elisabeth Herrmann), in dem Jan Josef Liefers den gutherzigen, selbstverliebten, nicht sonderlich erfolgreichen, aber gern auf eigene Faust ermittelnden Anwalt Joachim Vernau spielt, der sich eine sympathisch rumpelige Kanzlei mit der heimlich in ihn verschossenen, schnippischen Marie-Luise Hoffmann (Stefanie Stappenbeck) teilt.

          Die große Leidenszeit begann erst nach der Wende

          Wir sinken in die Geschichte hinein wie in einen alten, bequemen Sessel. Joachim Vernau hat soeben einen beim Schnapsklau erwischten Obdachlosen verteidigt, als eine ältere Dame vor dem Berliner Landgericht auftaucht, erfolglos auf ebendiesen Obdachlosen schießt und dann zusammenbricht.

          Schon hat Vernau seine nächste Mandantin, die ihm aber wegstirbt, während er noch auf ihre Bitte hin Utensilien aus ihrer Wohnung in Görlitz herbeischafft. Allerdings macht der adrette Anwalt dabei seltsame Erfahrungen, trinkt etwa Wein in einem Lokal, das, wie sich am nächsten Tag herausstellt, seit Jahren geschlossen ist. Auch hört er, wie „dank dieser Treuhand-Verbrecher, dieser Lumpen, diesem Geschmeiß“ die große Leidenszeit von Görlitz erst nach der Wende begonnen habe und keineswegs in den Jahren davor. Der Sohn der Schützin vom Landgericht etwa, der keine Leuchte und im schnell abgewickelten DDR-Betrieb „Spinne“ untergekommen war, nahm sich 1991 das Leben.

          Wollte die Verstorbene ein Zeichen gegen den Geschichtsverlauf setzen? Durch Schüsse auf einen Obdachlosen? Und wie sehr war sie beeinflusst durch ihren Freundeskreis aus grauen Wölfen, bibeltreuen Görlitzern von alttestamentarischer, die Bergpredigt verachtender Statur? Als ein weiterer, vermeintlich natürlicher, aber doch reichlich verdächtiger Todesfall hinzukommt, schalten Vernau und seine Kollegin per Flirttaktik Verstärkung ein: mehrere Journalisten, einen Polizisten sowie die attraktive, männerverschlingende Staatsanwältin Salome Noack (Katharina Müller-Elmau).

          An dieser Stelle fällt, ganz nebenbei, der lustigste Satz des Films. Als die Staatsanwältin das zwischen ihr und Vernau Vorgefallene als „einmaligen Ausrutscher“ qualifiziert, fragt dieser so empört wie treudoof: „So wie man auf Hundekacke ausrutscht, die man dann am Schuh kleben hat?“ Unklar ist freilich, wer sich hier in welches Netz verstrickt. Auch die Staatsanwältin scheint mehr zu wissen, als sie zugibt.

          „Die letzte Instanz“ ist eine Art Mischung aus „Taxi Driver“ und „Marianne und Michael“, aus wild neuem und betulich altem ZDF, was sich tatsächlich bis in die - explosive - Auflösung hinein fortsetzt. Wenn auch formal ein wenig altbacken, ist der Film dank üppiger, oft wortloser Situationskomik (Mimik wird sonst maßlos unterschätzt im deutschen Fernsehen) ein charmanter Einstieg in die Woche.

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