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„Mank“ bei Netflix : Die Legende der Traumfabrik

Gary Oldman als Herman Mankiewicz und Amanda Seyfried als Marion Davies. Bild: Netflix

In seinem Film „Mank“ setzt David Fincher dem Klassiker „Citizen Kane“ und dem Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz ein Denkmal. Vom alten Hollywood erfahren wir wenig. Aber wir sehen, wie Netflix Kinogeschichte schreibt.

          3 Min.

          Man brauche, so heißt es einmal über die Geschichte, um deren Erfindung es in „Mank“ geht, eine Landkarte, um sich darin zurechtzufinden. Oder auch: „Die Fragmente hüpfen herum wie Bohnen in der Pfanne.“ Das bezieht sich auf „Citizen Kane“, und so kann man das sehen. Vor allem aber gilt es für „Mank“ selbst, und das, obwohl der wesentliche Schauplatz des Films ein Bett ist, in dem gearbeitet, geraucht und sehr viel getrunken wird.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Der Titelheld dieses Films ist ein Drehbuchautor in den dreißiger und vierziger Jahren – und damit eigentlich gänzlich ungeeignet für eine Hauptrolle. Autoren galten wenig bis gar nichts in Hollywood in seiner glänzendsten Zeit. Andererseits enthält dieser Satz bereits den Widerspruch, ohne den eine gute Geschichte nicht zu haben ist. Denn wie kann eine Industrie, die vornehmlich vom Erzählen lebt, eine goldene Ära durchlaufen, und zwar für einige Jahrzehnte, von denen ihr Ruf und Einfluss bis heute zehren, wenn doch diejenigen, die erzählen können, so wenig angesehen sind?

          Mank ist die Kurzform für Herman J. Mankiewicz, der 1942 einen Oscar fürs beste Drehbuch gewann. Der Film, dem es zugrunde lag, war „Citizen Kane“ und der Oscar nur ein halber. Die andere Hälfte ging an Orson Welles, damals als Wunderkind gehandelt (er war 24) und Regisseur des Films mit dem Recht auf die endgültige Schnittfassung. Seitdem wurde darüber gestritten, welchen Anteil Welles eigentlich tatsächlich am Drehbuch hatte. Mankiewicz sagt, und „Mank“ vertritt ebenfalls diese Seite des Streits: eher keinen. Pauline Kael, die legendäre Kritikerin des „New Yorker“, ist der Sache in einem zweiteiligen Magazinartikel im Jahr 1971 nachgegangen (aus dem erwartungsgemäß ein Buch wurde: „Raising Kane“) und gab dem Drehbuchautor gegenüber dem Regisseur ebenfalls deutlich mehr Anteil, als ein halber Oscar vermuten lässt. Vierzehn Jahre später war es Robert Carringer, der in seinem Buch „The Making of ,Citizen Kane‘“ seinerseits Pauline Kael zu widerlegen suchte. Und so ging das eine Weile, bis es irgendwann aufhörte, die Leute zu interessieren. „Citizen Kane“ belegte zwar bis kürzlich auf allen Bestenlisten der Filmgeschichte den ersten Platz, aber über die Frage, wer den Film denn nun in erster Linie geschrieben habe, senkte sich außerhalb der Seminarräume langsam der Staub. Wenn „Mank“ ihn aufwirbeln sollte, dann einzig dort, in den Seminarräumen. Unwahrscheinlich, dass sich auch nach diesem Film jenseits des Akademischen irgendjemand wieder für die Frage Welles oder Mankiewicz besonders interessieren wird. Vielleicht geht es darum auch gar nicht.

          Vor „Citizen Kane“, dem Film, verneigt sich „Mank“

          David Fincher hat ein Drehbuch seines verstorbenen Vaters verfilmt, und er hat dem Drehbuchschreiben insgesamt ein Denkmal geschaffen, indem er die durcheinandergeschnittene Chronologie seines Films (als Hommage an die Struktur von „Citizen Kane“ zu verstehen) mit Einschüben von Drehbuchseiten markiert. Vor „Citizen Kane“, dem Film, verneigt sich „Mank“ außerdem durch allerlei visuelle Anspielungen, gekippte Kamerawinkel, sein brillantes Schwarzweiß, die Pyramide aus Champagnerschalen und Ähnliches, alles nette Gesten für die, die Spaß daran haben, Verweise zu finden, selbst wenn sie nicht zu deuten sind.

          Was zeigt der Film vom alten Hollywood? Angeblich treten Bette Davis und Clark Gable auf, vermutlich in der Tischgesellschaft, über die der sturzbetrunkene Mank seinen Magen entleert („Was wollen Sie, der Weißwein kam mit dem Fisch“ ist der Spruch dazu). Manks meistens amüsante Äußerungen sind übrigens belegt, die Rollen der handelnden Personen auch, darunter William Hearst (Charles Dance), den Mankiewicz in Kane verwandelt, Hearsts Geliebte Marion Davies (Amanda Seyfried), Louis B. Mayer (Arliss Howard) und viele andere mehr. Aber worum es damals in Hollywood ging, in welche Kultur „Citizen Kane“ einbrach, womit Geld verdient wurde und warum jemand wie Orson Welles überhaupt einen Fuß in die Türen dort bekam, all das erzählt „Mank“ nicht. Auch die historischen und politischen Markierungen sind ungenau bis unverständlich, ein Wahlkampf findet statt, der das Publikum vermutlich an den gerade zurückliegenden erinnern soll, jedenfalls kommen „Fake News“-Clips zum Einsatz, was wiederum mit „Citizen Kane“ nicht kurzzuschließen ist.

          Was also wird hier eigentlich verhandelt? War „Mank“, mit Gary Oldman in der Titelrolle und einer kargen Hütte in der Wüste als wesentlichem Drehort, wirklich so teuer, dass keines der traditionellen Studios ihn finanzieren konnte? David Fincher hat der Industrie einiges Geld eingebracht („Gone Girl“, „The Social Network“, „Fight Club“ und viele andere), allerdings auch immer wieder im kleinen Format gearbeitet (zuletzt „Mindhunter“). Aber „Mank“ ist eine Geschichte, die sich vom Kino und seiner Geschichte speist, gehörte der Film also nicht eigentlich dorthin?

          Nein, es hat seine Logik, dass „Mank“ Netflix gehört. Der Streamingdienst ist dabei, sich einen eigenen Kanon zu schaffen. Er bedient sich großzügig an der Kinogeschichte – zuletzt gab es ein Remake von „Rebecca“ (F.A.Z. vom 21. Oktober), zuvor eine Neuinterpretation von „Bonnie und Clyde“ („Highwaymen“, F.A.Z. vom 28.März 2019), und es spricht einiges dafür, dass „Mank“ über die Zeit so etwas wie die Netflix-Fassung von „Citizen Kane“ werden wird. Während andere Streamer den Kanon durch die Auswahl ihres Angebots neu definieren, dreht Netflix sich seine Version der Kinogeschichte und damit einen neuen Kanon selbst.

          Magie wie Genialität des Filmgeschäfts, sagt Louis B. Mayer in „Mank“ einmal, lägen darin, dass der Käufer für einzig die Erinnerung an etwas bezahle, das im Besitz des Verkäufers bliebe. Die Arbeit am Kanon, die Netflix leistet, hat das verstanden und dreht an der Schraube von schwindender Erinnerung und erneuertem Geschäft noch eine Windung weiter.

          Mank ist von Freitag an auf Netflix verfügbar.

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