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Die Kunst des „Mansplaining“ : Wenn Männer meinen, Frauen hätten ihren Witz nicht kapiert

Was sie sonst noch zu sagen hätten: ein Beispiel aus Nicole Tersignis Sammlung. Bild: Abrams & Chronicle Books

Mit einem Tweet ging es los: Die amerikanische Autorin Nicole Tersigni illustriert an klassischen Motiven der Kunst, was „Mansplaining“ bedeutet. Das ist ziemlich treffend.

          2 Min.

          „Mansplaining“, das ist wie „Manspreading“– die Vokabel für männliches Sich-breitmachen zwecks sozialen Territorialgewinns –, eine dieser schönen englischen Sprachschöpfungen, die etwas derart elegant zugespitzt auf den Punkt bringen, dass es für sie kein adäquates deutsches Pendant gibt. Mansplaining fasst in ein Wort, wie sich zurück in überkommene Machtgefälle hineinschwafelnde Männer Frauen die Welt erklären: als hätten sie es mit dankbar ob solch vermeintlichem Wissensvorsprung aufschauenden Hascherln zu tun. Natürlich mansplainen nicht alle Männer. Aber vermutlich jede Frau hat schon einen Mansplainer getroffen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die amerikanische Comedy-Autorin Nicole Tersigni kennt derer offenbar so viele, dass es ihr am 6. Mai vergangenen Jahres wohl gereicht hat. Zuvor hatte sie auf Twitter mitbekommen, wie ein Mann einer ihrer Freundinnen deren eigenen Witz erklären wollte. Tersigni suchte nach einem klugen Konter auf das Phänomen, das sie auch selbst erfahren hatte, und gab in der mit Daten von Hunderten Museen gefütterten Google-Bildersuche die Phrase „Frauen umgeben von Männern“ ein.

          Unter den Ergebnissen war ein Gemälde des deutschen Barockmalers Jobst Harrich von 1617, auf dem eine Frau, dicht umdrängt von neun Männern, eine ihrer Brüste entblößt. Dass Harrich ausgerechnet diese Darstellungsform wählte, um ins Bild zu setzen, wie Jesus die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrte, ist das eine, tut für Nicole Tersignis Zwecke aber nur am Rande zur Sache. Eher, dass die Abbildung unter „public domain“ fiel und versehen mit einer frechen Textzeile getwittert plötzlich etwas ganz anderes zeigte: „Maybe if I take my tit out they will stop explaining my own joke back to me.“ Sich freimachen, um als Komikerin ernst genommen zu werden? Ein Scherz, nun altmeisterlich illustriert.

          Es kann schon schwierig sein: „Mansplaining“, von Nicole Tersigni ediert.
          Es kann schon schwierig sein: „Mansplaining“, von Nicole Tersigni ediert. : Bild: Abrams & Chronicle Books

          Der Tweet verbreitete sich massenweise. Tersigni legte vor immer größerem Online-Publikum stetig nach in ihrem kunsthistorischen Jeopardy-Spiel, das jahrhundertealte Gemälde Antworten auf nie an sie gestellte Fragen geben lässt. Die Technik, vorgefundene Bilder mit Textzusätzen provokant zu verfremden, ist als Mittel der Collage alles andere als neu, trotzdem haben die Palimpseste Tersignis ihren ganz eigenen Witz.

          Auf einem Bild von Jean Henri de Coenes, das eine mit einem Korb auf dem Kopf beladene junge Frau gegenüber einem eleganten Mann zeigt, entspinnt sich nun folgender Männermonolog: „Ich weiß, dass du sehr beschäftigt bist, aber ich musste dir einfach sagen, dass du so viel hübscher wärst, wenn du lächeln würdest“. Und wirklich, so betrachtet sieht der süß-säuerliche Gesichtsausdruck des weiblichen Gegenüber aus wie „dieser dumme Spruch hat mir heute gerade noch gefehlt“. Ein Paar in einer Genre-szene wird zur männlichen Ansage: „Hör mal, ich hätte dich wirklich gern befördert, aber ich war zu besorgt, dass die zusätzliche Verantwortung dich zu sehr belasten würde.“ So geht es fort und fort.

          Der Witz muss unbedingt noch erklärt werden.
          Der Witz muss unbedingt noch erklärt werden. : Bild: Abrams & Chronicle Books

          Rasch wurde eine Literaturagentin auf Nicole Tersignis erfolgreichen Twitter-Thread aufmerksam. Deshalb gibt es „Men to Avoid in Art and Life“, Männer, denen man in der Kunst wie im Leben besser aus dem Weg gehen sollte, jetzt auch als Buch im Verlag Chronicle Books. Der Druck ist ja immer noch die rührend altmodische Adelung für Online-Phänomene. In Buchform macht die Autorin eine ganze Typologie der Mansplainer auf, vom „Concern Troll“, der Besorgnis heuchelt, bis zum „Patronizer“.

          Beim Durchblättern verblüfft und amüsiert, wie viele offenbar schlecht gelaunte Frauen es in der Kunstgeschichte neben fideler wirkenden Männern gibt. Ob ihr Projekt eine Form der Kunstkritik sei, wollte der britische „Guardian“ von Tersigni wissen. Nein, eher Lebenskritik, antwortete sie. Und ergänzte: Vor allem sollen die humoristischen Versionen unangenehmer, seltsamer oder frustrierender Situationen Spaß machen. „Men to Avoid in Art and Life“ feiert die befreiende Wirkung des Lachens.

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