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„Neid ist auch keine Lösung“ : Nicht ohne ihre beste Freundin

  • -Aktualisiert am

Marie (Stefanie Stappenbeck, links) und Heike (Christina Hecke) lassen es sich gutgehen. Ihre Männer bleiben im Hintergrund. Bild: ZDF und Michael Marhoffer

Marie besucht ihre Schulkameradin Heike. Bei der läuft alles viel besser als bei ihr: steile Karriere, toller Mann, große Villa. Was daraus folgt, zeigt die kluge Komödie „Neid ist auch keine Lösung“.

          So beginnt ein weiterer schöner Morgen im Leben von Durchschnittsfamilie Baumgartner im teilabbezahlten Dutzendeigenheim in Siegen, Nordrhein-Westfalen: „Guten Morgen, Murmeltier.“ Markus (Matthias Koeberlin) küsst seine Frau Marie (Stefanie Stappenbeck) zärtlich, sie wehrt sich gespielt, der Bartwuchs kratzt ein bisschen. Aufgeräumt geht es weiter. „Findest du meinen Hintern noch hübsch?“ „Ist ein Ausstellungsstück.“ Über was man sich halt so unterhält im Bad.

          Tochter Jana (Hannah Schiller), klassisch kratzbürstige Pubertierende mit Berufswunsch „Promi“, tut der Mutter den Stand im Abnabelungsprozess kund: „Ich hasse dich voll“ und jammert nach dem neuesten Smartphone, das „alle schon haben“. Sohnemann Jakob (Leopold Schmidt) kämpft mit Papa in der Küche mit dem Star-Wars-Laserschwert und haut die Cornflakes-Packung vom Tresen. Cerealienmeer am Boden, man schaut betroffen. Die Mutter, immer noch im unverwüstlichen Gute-Laune-Modus: „Aschenputtel macht es schon.“ Von „Regretting Motherhood“ keine Spur. Stattdessen Friede-Freude-Pfannekuchen. Wenig später bricht die Familie gemeinsam zum Tagwerk auf. Die Kinder werden vor der Schule abgesetzt, der Papa nimmt im Zwei-Mann-IT-Büro seines Vaters (Peter Prager) Fahrt auf, die Mama stiehlt in der kardiologischen Praxis der verkniffenen Ärztin als Liebling der Patienten und Kompetenzgarant die Schau.

          Familie aus dem Ikea-Katalog?

          Was soll das sein, die deutsche Durchschnittsfamilie aus dem aktuellen Ikea-Bilderbuch in Regenbogenbunt und krampfherzig? Lustiges der eher schlichten Sorte verspricht auch ein Blick auf die Stabsliste. Regisseur der Komödie „Neid ist auch keine Lösung“ ist Tobi Baumann, mehrfacher Comedy-Preisträger und verantwortlich für so unsterbliche Werke wie „Der Wixxer“ oder „Vollidiot“.

          Oje, das sieht aber gut aus: Marie (Stefanie Stappenbeck) und ihr Mann Markus (Matthias Koeberlin) erreichen das Haus am See ihrer Schulfreundin Heike.

          Und dann entwickelt sich das alles ganz anders, als zu erwarten war, wird berührend, hat seine mal komischen, mal humoristischen Momente und entwickelt seine Figuren im Rahmen des Fernsehfilmtauglichen mit ihren (verpassten) Möglichkeiten und einer gelegentlich schmerzlich genau beobachteten Bilanzierung der Realität einer Mittelstandsfamilie, deren Vorstände sich unaufhaltsam der vierzig nähern (Buch Martin Dolejs und Johann A. Bunners). War es gut bislang, das Leben? Hätte es nicht viel besser, zumindest ganz anders sein können? Was ist aus den Schulabgangs-Träumen geworden? Wo war die falsche Abzweigung? Und wo ist bitteschön die „Reset“-Taste“? Doch von wegen: Die puppenlustige Exposition erzeugt erst die Fallhöhe. Es wird ernst, bleibt aber lustig.

          Denn Marie und Markus sind eingeladen zum Vierzigsten von Heike (Christina Hecke), Maries ehemaliger „BFF“ („Best Friend Forever“). Das Feierwochenende wird für Marie zum Lebensbilanzanlass: mein Mann, mein Haus, mein Beruf, meine Sexyness, mein Coolnessfaktor. Markus bleibt zunächst lässig und genießt. Da ist die großzügige moderne Villa direkt am Starnberger See (Kamera Michael Boxrucker) und das Freundschaftsangebot von Bestsellerautor Hans (Götz Otto), Heikes Bilderbuchmann. Heike, warmherzig und von Natur aus neidlos, sieht phantastisch aus und reüssiert als Kunstfotografin. Geld ohne Ende, Großzügigkeit ohne Ende. Dem nächtlichen Geräuschpegel nach zu schließen, gibt es wohl auch Sex ohne Ende. Wo ist der Haken?

          Der Haken ist, dass es keinen Haken gibt. Heike und Hans sind einfach toll. Ihr Leben ist einfach toll. Aus den Gelegenheiten und Glücksfällen des Schicksals haben sie immer das Beste gemacht - mit einem Wermutstropfen. Christina Hecke spielt diese Rolle ganz wunderbar. Man möchte ihre Figur nicht mögen, man möchte sie sehr unsympathisch finden, wenn der Neid schon keine Chance haben soll, aber mit jedem Erscheinen auf der Szene kommt man ihr näher, bis zum heftigen Wunsch gegen Ende des Films, ihre „BFF“ zu werden.

          Denn die Frauen, auch das wird gegen das Klischee gebürstet, verzicken sich nicht im Kampf darum, wer das bessere Leben erwischt hat. Sie kommen, trotz heftiger Sinnkrise und Ehe-in-Frage-stellen bei Marie, die Stefanie Stappenbeck warmherzig, attraktiv und klug spielt, einander näher, ihre Freundschaft steht trotz Midlife-Crisis-Sturmgebraus wie eine Eins. Auch Koeberlin und Otto geben ihren Mannsbildern trotz maximaler Unterschiedlichkeit einen unerwarteten Respekt.

          Die Details der Komödienhandlung sind nicht überraschend und zum Teil doch überraschend lebensnah aus dem Alltag übersetzt. Dass Matthias im Sternelokal Topinambur falsch ausspricht und mit Berberitze nichts anfangen kann - geschenkt. Nirgendwo aber gibt „Neid ist auch keine Lösung“ seine Figuren dem Spott preis. Humor, der behutsam entlarvt, aber nicht ätzt oder verrät - das ist im deutschen Fernsehen eine Rarität. Den Höhenflug bremst nur der konventionelle Schluss. Aber das fällt kaum ins Gewicht.

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