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Komödie bei Arte : Er macht sich zum Affen

  • -Aktualisiert am

Dreht voll auf: Juergen Maurer als Harri Pinter. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Kerniges aus Kärnten: Die liebevoll derbe Komödie „Harri Pinter, Drecksau“ zeigt, was sich mit guten Dialogen, starken Darstellern und punktgenauer Inszenierung aus einem Standardplot rausholen lässt.

          Im ungebeugten Kärnten, dem Gallien der Gegenwart, wird die Drecksau noch geehrt, der Zupacker, der seinem Gegner auch mal ein Ohr abbeißt: „schmeckt a bisserle wie a Gummibärle. A rotes.“ Auf die Barrikaden gehen Kärntner allenfalls, wenn, wie vor zwei Jahren, ein Österreicher mit iranischen Wurzeln zum „Mister Kärnten“ gekürt wird. Hier also, wo die achtziger Jahre nie geendet haben, hockt Harri Pinter, die legendäre „Drecksau“ des Klagenfurter Eishockeyclubs KAC, der inzwischen die Jugendmannschaft trainiert und als Fahrlehrer arme Mädel mit Heldenanekdoten nervt, allabendlich mit den alten Kämpen in einer Pinte beisammen. Beneidenswerterweise hat er noch nie einen Gedanken daran verschwendet, ob seine pubertäre Attitüde einem Endvierziger angemessen ist.

          So sehr von sich überzeugt ist dieser Pinter, den Stefan Hafner und Thomas Weingartner (Buch) dem physischen Vollkontaktschauspieler Juergen Maurer auf den Leib geschneidert haben, dass es ein Genuss ist, seinen Prahlereien in wörtherseebreiter Mundart zu lauschen, aber sicherlich die Hölle, ihn abseits des Stadions zu beziehungstechnischer „Quality Time“ („Reden und so“) zu bewegen. So verpasst er erwartungsgemäß und angesoffen den entsprechenden Termin mit seiner Liebsten.

          Was soll er machen, so hat die Natur ihn hingewuchtet. Beschwere man sich bei der Evolution. Aber natürlich ist er ein Hinkelstein mit Herz und eigentlich viel sensibler als sein Kontrahent, der adrette Professor (Dominik Warta), der aus dem Nachbeten der Kommunikationstheoreme des Kärntners Paul Watzlawick eine Universitätskarriere gebaut hat, sich neuerdings aber vor allem auf die kommunikative Verführung seiner spätberufenen Studentin Ines (Julia Cencig) verlegt, just Harris Partnerin. Von ihrem Kindskopf versetzt und intellektuelle „Quality Time“ witternd, fackelt diese nicht lange, trauert jedoch schon einige Zeit später, abgespeist mit drögen Koriander-Dialogen, ihrem fröhlichen Eishockey-Proleten hinterher: „Man kann echt oa a volle Gaudi mit ihm ham.“

          Den bis dahin so lebenslustigen Protagonisten, der eisern versucht, sich nichts anmerken zu lassen, wirft der Bruch mit Ines allerdings brutal aus der Bahn, zumal auch noch ein Unfall geschieht und der beste Kumpel (Andreas Lust) sich als falscher Freund erweist. Zum Glück ist ein echter zugegen, Milchgesicht Dörki (Hosea Ratschiller). Als die Tochter eines Freunds ihm einen gehörigen Einlauf verpasst, schwant Harri allmählich, dass selbst in Klagenfurt die Heldendämmerung eingesetzt hat. Erwachsenwerden ist also angesagt, leicht verspätet, außerdem die Rückeroberung der Liebe des Lebens – und da zahlen sich die Nehmerqualitäten einer Drecksau durchaus aus. Es lässt sich nicht behaupten, dass dieser Plot gänzlich originell wäre, aber was die stilsicher die Achtziger plündernde, in Tempo und Timing perfekte Regie von Andreas Schmied daraus macht, ist zugleich schwerelos romantisch wie krachlustig. Maurer, der selbst pofreie Unterwäsche mit Würde tragen kann, spielt seine in Gefühlsdingen begriffsstutzige, sich unablässig zum Affen machende Figur so echt, sympathisch und tragikomisch, dass die leicht holprig erzählten Nebenstränge kaum weiter stören.

          Wenn der Gehörnte plötzlich im Wohnzimmer der Angebeteten sitzt und sein Verständnisversuch in Sportmetaphern untergeht – „I verzeih dir. Sog’n wa: ans ans“ – dann weiß man wie die staunende Ines, dass daran alles richtig und alles falsch zugleich ist. Das großartige Telefonat der hinter dem Wagen sitzenden Ines mit Harri, der das Autoradio aufdreht und vorgibt, in der Disco Spaß zu haben, ist von bedrückender Intensität, weil jedes mimisch-gestische Detail und jeder Ton stimmen. Das Drehbuch besitzt zudem die Größe, sich über niemanden schäbig lustig zu machen, nicht einmal über „Runzlpimpl“ Herwig, den watzlawickenden Geisteswissenschaftler.

          Dass das Subtilitätsniveau in etwa dem des Bollywood-Kinos entspricht, geht in Ordnung. Alles andere würde nicht zum derben Charme der Charaktere und Dialoge passen. Eher schon beginnt man sich zu fürchten, wenn der Protagonist auf der Zielgeraden über Geschlechterbilder zu sinnieren beginnt: „I hob mir g’dacht, I muss hort sein, a Mann.“ Aber Buch, Regie und der prächtig energiegeladene Hauptdarsteller bekommen abermals die Kurve. Sie navigieren ihr Märchen vom zu großen, aber großherzigen Kind zuverlässig über das wild Heroische – Missachtung des Stadionverbots! – in köstlichen Eisdisco-Retrokitsch: Survivors „Eye of the Tiger“ und Bryan Adams‘ „Heaven“ in einem einzigen Finale, mehr Achtziger geht kaum. Der dritte Film aus der ORF-Reihe Stadtkomödie war in Österreich sogar im Kino erfolgreich: Wie sich aus dem Macho das Gummibärle schält, ohne zum Pupperl zu werden, das interessiert offenbar immer noch.

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