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„Tatort: Narben“ aus Köln : Diese Wunden verheilen nicht

Was ihr angetan wurde, kann Cecile Mulolo (Thelma Buabeng, rechts) niemandem sagen. Sie schreibt Briefe. Könnten die Kommissare sie lesen, wüssten sie, was los ist. Bild: WDR/Uwe Stratmann

Ein Flüchtling wird ermordet. Die Verdachtsmomente führen in viele Richtungen und den Kölner „Tatort“ mit den Kommissaren Ballauf und Schenk mitten in unsere Gegenwart.

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          Wir sehen sie gleich zu Beginn, die Narben. Doch sie sind nicht sofort zu erkennen. Die Kamera bildet sie in Großaufnahme ab und macht erst langsam die Menschen kenntlich, die mit diesen Narben gezeichnet sind. Um ihren Schmerz, um ihre körperlichen und seelischen Verwundungen geht es im „Tatort“ aus Köln, und um die Täter, die - ebenso wie die Opfer -, nach Deutschland geflohen sind.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zu welcher Gruppe der Arzt Patrick Wangila zählt, scheint zunächst eindeutig. Er floh gemeinsam mit seinem Bruder Théo (Jerry Kwarteng) vor dem Bürgerkrieg im Kongo nach Köln. Bei den Kollegen beliebt, fachlich bestens ausgewiesen, so soll dieser Arzt den Kommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) erscheinen, die es allerdings verwunderlich finden, dass Wangila offenbar keinerlei soziale Kontakte in seiner neuen Heimat hatte. „Wir hatten uns, brauchten niemanden“, sagt Vivien Wangila (Anne Ratte-Polle), die im Garten Bogenschießen übt, von ihrem Mann aber so gut wie gar nichts weiß.

          Wurde er Opfer eines rassistischen Überfalls? Hat die Tat etwas mit einem Polizeieinsatz zu tun, der kurz zuvor in einem Flüchtlingsheim stattfand und bei dem eine junge Frau aus dem Kongo ums Leben kam? Wangila war als Notarzt zur Stelle. Oder ist es doch der „Klassiker“, den Kommissar Schenk in Erwägung zieht: „Attraktiver Weißkittel bringt sich mit Frauengeschichten in Schwierigkeiten“?

          War die Razzia der Auslöser?

          Wangila verfügte offenbar auch über erhebliches Ansehen beim anderen Geschlecht. Von derlei Aktivitäten kurz vor dem Mord weiß auch der Gerichtsmediziner zu berichten. Wangilas Frau hingegen hält es für ausgeschlossen, dass der Ermordete eine Affäre hatte. Bei der Befragung der Ärztin Sabine Schmuck (Julia Jäger) und der Stationsschwester Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) drängt sich den Kommissaren ein anderer Eindruck auf. Aber warum ist bei der Razzia im Flüchtlingsheim Cecile Mulolo (Thelma Buabeng), die ebenfalls aus dem Kongo stammt, geflohen?

          Das Drehbuch von Rainer Butt fächert sämtliche Möglichkeiten auf. Ein Mord aus rassistischen Motiven, Polizeigewalt, eine Beziehungstat - alles ist drin und gibt dem Regisseur Torsten C. Fischer die Möglichkeit, alle damit verbundenen Handlungsstränge zu verfolgen und Lebenslagen zu schildern, die das aktuelle Bild unseres Landes prägen. Über Flüchtlinge wird viel gesprochen, mit ihnen weniger. Was sie mitbringen und zu bewältigen haben, dass sich ihre Geschichten im Exil fortsetzen und nicht jeder Flüchtling ein Verfolgter ist, sondern im Gegenteil eine Bedrohung darstellen kann - all das macht dieser „Tatort“ zum Thema, ohne dass daraus ein gutgemeinter Vortragsfilm in Sachen Integration würde. Er zeigt vielmehr, dass die Polizei - sowohl das Kommando, das die Razzia durchführt, als auch die beiden Kommissare -, in Lagen gerät, in denen sie nur mehr oder weniger falsch liegen, aber niemals so handeln kann, dass es einem jeden gerechtfertigt erscheint. Es geht in diesem Film um Rassismus, Hass und Angst. Klischees werden aufgerufen und verworfen, stehen bleibt nur Schenks Vorurteil gegenüber „Weißkitteln“.

          Eine spannende Geschichte ist dieser „Tatort“ obendrein, sie läuft auf einen quälenden Showdown zu, den man als Zuschauer, wie stets bei den Kölnern, sehr viel eher als die Kommissare kommen sieht. Abgeklärt sind Ballauf und Schenk ja, ähnlich wie die Münchner Kollegen erscheinen sie wie ein altes Ehepaar. Bei der nächtlichen Oberservierung eines Verdächtigen dürfen sie das selbst notieren. „Du und ich, wir beide, wie in alten Tagen“, sagt Ballauf. „Und du hast nichts dabei, und ich gebe dir was ab, wie in alten Tagen“, antwortet Schenk und packt die Pausenbrote aus.

          Da ist es passiert: Der Leiter des Flüchtlingsheims (Volker Muthmann, links) schildert den Kommissaren Schenk (Dietmar Bär, Mitte) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) den Hergang der Razzia.
          Da ist es passiert: Der Leiter des Flüchtlingsheims (Volker Muthmann, links) schildert den Kommissaren Schenk (Dietmar Bär, Mitte) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) den Hergang der Razzia. : Bild: WDR/Uwe Stratmann

          Leider sind die beiden nicht nur routiniert, sondern auch ein wenig behäbig im Denken. Es dauert, bis sie die richtigen Schlüsse gezogen haben, was selbstverständlich entscheidend zu der sich steigernden Gefahr beiträgt, die der Regisseur Torsten C. Fischer, der ebenfalls ein „Tatort“-Routinier ist und zum sechsten Mal einen Kölner Fall inszeniert, gekonnt ausspielt. Dabei kann er sich auf das Ensemble verlassen, vor allem auf Julia Jäger, Juliane Köhler und Anne Ratte-Polle. Ihre drei Figuren machen es den Kommissaren ganz schön schwer, hinter die wahre Geschichte zu kommen, die, wie nicht anders zu erwarten, mit den Narben zu tun hat, auf die wir zu Beginn sehen.

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