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Weihnachts-„Tatort“ : Die Knuffelkommissare wünschen uns allen ein frohes Fest

  • -Aktualisiert am

Die ruhende Kugel rollt: Die Kommissare aus Köln (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) spielen mitunter auch über Bande. Bild: WDR/Guido Engels

Im Kölner „Tatort“ geht es ausnahmsweise mal um einen Wirtschaftsfall. Der ist so kompliziert, dass nicht nur die Kommissare den Überblick verlieren. Als Quasi-Weihnachtsmänner machen sie aber eine gute Figur.

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          Ein weiteres „Tatort“-Jahr neigt sich dem Ende zu, ein insgesamt erfreuliches. Mehrere Ausreißer nach oben haben uns überrascht, auch wenn das flaue Münsteraner Gewitzel nach wie vor die meisten Zuschauer holt. Dass es zwischen diesen beiden Polen auch gemütlich geht, ohne mitzureißen, aber ohne zu nerven, zeigt die Weihnachts-Oldschool-Episode aus Köln. Sonderlich besinnlich wirkt „Benutzt“ freilich nicht, wird vermutlich nur deshalb an den Feiertagen ausgestrahlt, weil Freddy Schenk (Dietmar Bär) der weihnachtsmannähnlichste aller ARD-Kommissare ist.

          So zaubert der Brummbär einer gleich mit der Tür ins Leichenschauhaus fallenden Spusi-Kriminaltechnikerin („Männliche Leiche, Mitte vierzig, Einschuss im Brustbereich“) durch sein freundlich geknurrtes „N’Abend erst mal“ ein festliches Lächeln aufs Gesicht. Aber es hilft ja nichts, Dienst ist Dienst. Just gegenüber dem Dom wurde der Export- und Finanzberater Martin Lessnik aus dem Rhein gefischt. Was im Film aussieht, als wäre ein Betonwerk ausgelaufen, ist übrigens Kölns neuester architektonischer Stolz: eine „Rheinboulevard“ genannte Ufertreppe für knapp 25 Millionen Euro, die nach unendlicher Bauzeit im vergangenen Sommer (und offenbar nach Drehschluss) fertiggestellt wurde. Auch der herausgeputzte Rheinauhafen und der gläserne LVR-Turm dienen als Kulisse: das schicke, neue, teure Köln also, dem bislang aber noch die Seele fehlt. Das passt ganz gut.

          „Ich hab das Gefühl, ich kenn den“, brummt der Weihnachtskommissar plötzlich: ein Altfall wieder einmal. Ähnlich ließe sich der Rezeptionseindruck in Worte fassen, schließlich wirken die meisten Szenen, als seien sie schon ziemlich oft benutzt worden. Weil aber vom Ermittlungs-Klein-Klein („Die Umsatzrendite ist ungewöhnlich hoch“) über schnaufende Verfolgungsjagden bis zu den kollegialen Frotzeleien („Du hast einfach Probleme mit Männern“) alles ordentlich gespielt ist, stört das nur mäßig. Ein wenig führt uns das Drehbuch von Jens Maria Merz sogar an der Nase herum, sagt in den ersten Minuten quasi „N’Abend erst mal“, bevor die Handlung sich zu einem geradezu närrisch komplexen Wirtschaftskrimi auswächst, bei dem man trotz der ständigen Zusammenfassungen von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) getrost den Überblick verlieren darf.

          Trailer : „Tatort: Benutzt“

          Zunächst führt die Spur zu der frisch getrennten Ehefrau des Toten (Dorka Gryllus), die sich - höchst verdächtig - ein Edel-Loft leisten kann und als Well-Ageing-Beraterin auftritt. Ironischerweise altern die Männer um sie herum nicht sonderlich gut. Schon ihr erster Gatte, zugleich der ehemalige Geschäftspartner des Opfers aus dem Rhein, ging unter mysteriösen Umständen hops: Er verschwand vier Jahre zuvor bei einem Wüstentrip und wurde schließlich für tot erklärt. Beim Aufrollen dieses Altfalls, der mit dem aktuellen Mord in Verbindung zu stehen scheint, kommen weitere ehemalige Geschäftspartner und auffällige Unstimmigkeiten in den Blick. Bald sitzt das Zollkriminalamt mit im Boot. Niemand aber scheint mit offenen Karten zu spielen. So wachsen die Zweifel, ob sich in der Wüste wirklich alles so abgespielt hat, wie bislang angenommen.

          Unter Druck: Der Geschäftsmann Christian Winter (Thomas Dannemann) erwartet von seinem bevorstehenden Treffen nichts Gutes.
          Unter Druck: Der Geschäftsmann Christian Winter (Thomas Dannemann) erwartet von seinem bevorstehenden Treffen nichts Gutes. : Bild: WDR/Thomas Kost

          Die beiden zwar auf Fast Food schwörenden, aber sonst grundentschleunigten Kölner Knuffelpolizisten, die mit ihrem Rappel-Opel (Modell Diplomat, Baujahr 1972) durch die verwirrende Handlung gurken, müssen sich bald mit Exportgenehmigungsverstößen, Falschdeklarationen auf Containern und dubiosen Investmentmachenschaften herumschlagen, außerdem mit Behördenkorruption, einer Steuer-CD aus der Schweiz, dem Erbschaftsrecht, dem UN-Embargo gegen Iran und einem gerüttelt Maß an Erpressungen. Wer dabei wen benutzt, ist nur zu erahnen, auch wenn am Ende resolut vereinfacht wird. Da ist man beinahe froh über die harmlosen Scharmützel mit dem immer noch recht neuen Bürolakaien Tobias (Patrick Abozen), in den sich eine niedliche Hilfskraft vom Zoll (Anna von Haebler) verguckt, aber enttäuscht wird: „Darf ich meinen Freund mitbringen?“ Zum Schluss überrascht uns das Drehbuch doch noch. In der manierlichen Regie von Dagmar Seume geht dieser Durchschnittskrimi runter wie übrig gebliebener Lebkuchen, von dem man längst genug hat, und den man doch hineinstopft. Einfach aus Gewohnheit, freundlicher gesagt: aus Nostalgie.

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