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„Die Kinder von der Front“ bei Arte : Und Vater baut die Bomben

  • -Aktualisiert am

Szene aus einem Flüchtlingscamp im Nordwesten von Syrien Bild: NDR/october films

Eine eindringliche Reportage auf Arte zeigt, was der Krieg in Syrien schon aus den Jüngsten macht: „Die Kinder von der Front“ haben keine Hoffnung, sie kennen nichts anderes als Gewalt. Und ziehen in den Kampf.

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          Saras Traum ist ein schöner Traum. Auf einem Pferd sitze sie, erzählt das fünf Jahre alte Mädchen ihrer älteren Schwester, und überall um sie herum liefen glückliche, lachende Menschen, die ihr Lieblingslied sängen. Und sie selbst singe ihr Lieblingslied, erzählt sie ihrer älteren Schwester. Die beiden sitzen auf dem Balkon der Familienwohnung im nordsyrischen Aleppo, das seit fast drei Jahren zwischen Regime- und Oppositionstruppen umkämpft ist. Weil ihr Vater einen wichtigen Frontabschnitt kontrolliert, liegt das Haus direkt gegenüber den Stellungen der Regierungseinheiten. Die Familie will zusammenbleiben, und so ist der Kampf Abu Alis auch der Kampf seiner Kinder geworden

          „Wann ist es vorbei?“, fragt Sara in Marcel Mettelsiefens und Anthony Wonks Reportage „Die Kinder von der Front“, die heute bei Arte läuft. Sie hebt beide Hände in die Höhe und wiegt fragend ihre zehn Finger über dem Kopf. Durch den Krieg ist ihr Alltag und der ihrer drei Geschwister zu einem nicht enden wollenden Albtraum geworden. Nur nachts in Saras Träumen keimt Hoffnung auf – dann sieht sie fröhliche Menschen in langen Schlangen vor Eisdielen, aber auch den rettenden Piloten, der sie aus der Umzingelung zwischen Heckenschützen und Soldaten befreit.

          Gefangene werden gefoltert

          „Ich bin gestorben und dann habe ich wieder gelebt“, sagt Sara, als sie von einem Angriff auf das Nachbarhaus erzählt, und drückt ihren Kopf in ein Kissen. Am Geräusch Granaten von Raketen zu unterscheiden, hat sie in mehr als zwei Kriegsjahren gelernt, und ihre ältere Schwester Farah erzählt, dass das, was sie am liebsten tue, sei, ihrem Vater beim Bombenbauen zu helfen. Eine neue Revolution müsse gefochten werden, wenn der Krieg vorbei ist, sagt die Mutter – nicht gegen das Regime, sondern zum Wiederaufbau all der zerstörten kleinen  Gemeinschaften wie der ihrer Familie.

          Wonk und Mettelsiefen ist es im Sommer 2013 gelungen, für ein paar Tage Zugang zu finden zur Familie des Kommandeurs Abu Ali, seiner Frau Hala und den vier Kindern. Ein eindringlicher Film darüber, wie Kriegskinder viel zu jung zu Erwachsenen werden, ist in Aleppo entstanden. Der einzige Sohn der Familie erzählt, wie er seit Ausbruch der Kämpfe mit seinen Freunden aus der Schule Krieg spiele. Nicht so, wie Kinder das überall auf der Welt tun, sondern so, wie sie ihn Tag für Tag in Syrien selbst erleben: „Wenn wir Gefangene nehmen, foltern wir sie, um ihre Pläne zu erfahren“, sagt er. „Wenn ich Baschar al Assad in die Hände bekäme, will ich werden wie Hitler“, sagt ein anderer Junge, „ich will ihn foltern.“

          Unter die Haut geht, wie die Kinder ihre eigene Verrohung reflektieren, der Film kommt fast ohne Kommentare aus. Auf die Spuren des dreizehn Jahre alten Abude begeben sich die ausländischen Reporter auch, einem Aktivisten der ersten Stunde, der durch seine Revolutionslieder früh berühmt geworden ist in Aleppo – und deshalb umso gefährdeter. „Die friedlichen Demonstrationen begannen lange, bevor die Freie Syrische Armee ihren Kampf aufnahm“, sagt Abudes großer Bruder. „Und sie gehen weiter.“

          Wenige Tage später wird er entführt, Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) brachten ihn in ihre Gewalt. Vom Tugendterror der Dschihadisten erzählt auch Saras Vater, davon, wie sie ein Mädchen in kurzem Rock erschossen hätten. Als er sich von seinen Kindern verabschiedet, sagen sie ihm, dass er mit seinen Kämpfern nie in ihrer Nähe kommen dürfe. Zu groß ist die Angst, dann selbst zum Opfer zu werden.

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