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Deutsche Horrorserie „Hausen“ : Im Keller öffnet sich das Höllentor

  • -Aktualisiert am

Charly Hübner spielt den übellaunigen Hausmeister im Geisterbau. Bild: Sky Deutschland

Das Grauen wohnt im Plattenbau: Mit „Hausen“ zeigt Sky Horror made in Germany. Die Besetzung ist vom Feinsten, die düstere Optik auch.

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          Am Rande Ost-Berlins wohnt das Grauen in einer heruntergekommenen Platte, deren oberste Stockwerke sich in winterlich drückenden Nebelschwaden verlieren. Ein Ort zwischen hier und nichts, wie ein erfrorenes Fegefeuer, ausgefranster Rand der Zivilisation. Ein denkbar schlechter Platz, um seinem ramponierten Leben einen Neuanfang zu geben, schon gar nicht, wenn man bei Nacht in einem Auto vorfährt, das an einen Leichenwagen erinnert, und am Müllcontainer gleich einen unheimlich geschminkten Tippelbruder trifft, der auf Godot zu warten scheint und dem sechzehnjährigen Juri (Tristan Göbel) als Willkommensgeschenk ein verfluchtes Amulett, halb Ammonit, halb Auge, aufdrängt.

          Das Innere des Hochhauses mit den unzähligen Briefkästen, unzählbaren Namen, ist genau so unwirtlich, wie es der reifbedeckte Platz draußen verspricht. Abblätternde Farbe in langen Gängen mit Hunderten von Türen, bröselnder Putz, Eiseskälte, monochrome Farben. Schlechte Omen, wohin man schaut (Kamera Peter Matjasko, Produktionsdesign Jenny Roesler). Karge Dialoge, dauerdräuendes Sounddesign (Bryce Dessner und David Chalmin). Fahl flackerndes Licht, schwarzer Schleim aus der Heizung, Aufhebung der Schwerkraft, verfluchte Dunstabzugshauben und entsetzliche Backöfen – willkommen in der achtteiligen Sky-Horrorserie „Hausen“, der ersten „Haunted House“-Genreproduktion des Senders, ausgestrahlt pünktlich zu Halloween. Eine Serie, die neben dem eindrucksvoll digital verfremdeten Plattenbau und den horrorklassischen „Poltergeist“-Schauwerten eine beeindruckende Besetzung hiesiger Charakterschauspieler aufbietet (Regie Thomas Stuber, Idee und Buch Till Kleinert und Anna Stoeva, zusätzlicher Autor Erol Yesilkaya).

          Im abgerockten Gemeinschaftsraum steht eine einzelne, bodenlose Tiefkühltruhe. Hausgeräte sind Einfallstore zur Hölle, zum bösen Wesen, welches das Haus besetzt hält und nur existieren kann, wenn es Leid als Nahrung bekommt. Die Story allein ist zwar altbacken und mag für sich keinen Horrorfan hinterm Ofen hervorlocken, für die Schauspieler aber scheint sie mehr als Theaterprospekt zu wirken, vor dem sich persönliche menschliche Dramen berührend darstellen lassen.

          Die Bewohner als Menschenmasse inszeniert indes sind ein Quer- und Durchschnitt aller Abgehängten:. Drogensüchtige, Berber, Loser, starrköpfige Alte, Verwirrte mit strähnigen Haaren, dazwischen vernachlässigte Kinder und jugendliche Gangmitglieder. Es gibt eine gestriegelte Bürgerwehr mit faschistischer Anmutung, die später die „Unwerten“ zusammenzutreiben sucht, um sie dem widerlichen Hausbesetzer zum Fraß vorzuwerfen.

          Die Wohnungen sind so verwahrlost wie die meisten, die hier vergeblich ein Heim suchen. Ein junges, bitterarmes Paar (Alexander Scheer und Lilith Stangenberg) versucht sein noch namenloses Baby vor der beißenden Kälte und dem Hunger zu schützen. Die Heizung ist defekt. Nur einen Tag noch, dann werden sie, wie eine kleine Heilige Familie auf der Flucht, den Spukplattenbau verlassen können, hoffen sie. Bis dahin sollte der Vater gut auf das Neugeborene aufpassen und besser nichts von der Droge nehmen, die das Haus als Belohnung für Dienste erscheinen lässt. Die Lüftungsschächte sind seine Lebens- und Überwachungsadern, das tief stürzende Müllschluckersystem ist eine Pforte in den Untergrund, in den gespenstischen Keller mit seinen kilometerweiten Röhren, in dem Juris Vater Jaschek (Charly Hübner), als neuer Hausmeister angetreten, um nicht nur Ordnung in das Haus, sondern auch in sein eigenes Leben zu bringen, den Wartungskampf mit dem irrlichternden Brenner aufnimmt.

          Bald wird Jaschek von der herrschsüchtigen Energie der Gruselplatte angezogen. Verbarrikadiert in der Untergrund-Hausmeisterwerkstatt, initiiert er eine Art Terrorregime über die Bewohner, die irgendwann, warum auch immer zur hypnotischen Musik des Arabischen Tanzes aus Tschaikowskys „Nussknackersuite“, zu einem „Sammelplatz“ „evakuiert“ werden. Horrorgenre hin oder her: In diesem Zusammenhang präsentiert „Hausen“ Bilder, die man als visuelle Unterhaltungsreminiszenz an „Säuberungsaktionen“ der nationalsozialistischen Terrorherrschaft als deplaziert empfinden kann. Sky empfiehlt die schaurige Serie für Zuschauer ab sechzehn Jahren.

          Hausen startet heute um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic.

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