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Prähistorie auf Arte : Vom Antlitz des Menschen

Was Knochen alles erzählen können: Funde wie dieser Schädel stellen die Wissenschaft auf den Kopf. Bild: © Bellota Films

Was Forscher im marokkanischen Jebel Irhoud fanden, war nicht weniger als eine Sensation: 300.000 Jahre alte menschliche Überreste. Eine Dokumentation auf Arte zeichnet die Geschichte dieser Entdeckungen nach – und erklärt, was sie bedeuten.

          2 Min.

          Dass Smartphones nur die neuesten Versionen der Faustkeile sind, mit denen in der Hand frühe Homines begannen, sich die Erde untertan zu machen, kann man leicht denken. Dass dagegen das Antlitz, welches uns im Selfie entgegenblickt, mit das Älteste am modernen Menschen ist – wer hätte das gedacht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Herausgefunden hat es ein internationales Forscherteam mit französischer, marokkanischer und deutscher Beteiligung, das prähistorische Funde aus einem kleinen Bergmassiv bei Casablanca geborgen, vermessen, datiert und in Beziehungen zu früheren Überresten am selben Ort gesetzt hat. Denn in Jebel Irhoud war schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein frühmenschlicher Schädel aufgetaucht, der auf eigentümliche Weise archaische und moderne Merkmale vereinte: längliche Kopfform, flaches Gesicht, dazu dicke Augenbrauenwülste. Was war das?

          Rätsel unseres Ursprungs

          Ein afrikanischer Neandertaler, wohl 40.000 Jahre alt, lautete damals die Diagnose der Wissenschaft, der mit der Radiokarbonmethode ein nach heutigen Maßstäben recht unscharfes Datierungsinstrument zur Verfügung stand. Mehr als vierzig Jahre später rollten Jean-Jacques Hublin, heute Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und sein Kollege Abdelouahed Ben-Ncer aus Rabat den Fall des Manns von Jebel Irhoud neu auf. In einer anderthalbstündigen Dokumentation von Olivier Julien lassen sie Revue passieren, was ihr Berufsleben prägte, ihre Geduld immer wieder auf die Probe stellte und in, wie Ben-Ncer es ausdrückt, „Ekstase“ mündete: die 2017 publizierte Lösung eines der entscheidenden Rätsel vom Ursprung der Menschheit.

          Baum mit Aussicht: Jagten so frühe Menschen im Gebiet der heutigen Sahara, auf dem sich vor Urzeiten eine Savanne erstreckte?
          Baum mit Aussicht: Jagten so frühe Menschen im Gebiet der heutigen Sahara, auf dem sich vor Urzeiten eine Savanne erstreckte? : Bild: © Bellota Films

          Hublin, Ben-Ncer und ihre Kollegen konnten belegen, dass sie Überreste von Homines sapientes gefunden hatten, die 300.000 Jahre alt waren, 100.000 Jahre älter als man bisher für möglich gehalten hatte. Die Menschen von Jebel Irhoud hatten Gesichter, deren Parameter sich innerhalb des Ethnien übergreifenden Spektrums der Antlitze heutiger Menschen bewegen (anders als bei archaischen Menschenarten und Neandertalern), und sie schlugen Flintstein zu delikaten Klingen, wie man sie an vielen Orten in Afrika gefunden hat. Was nahelegt: Der moderne Mensch war viel früher über den Kontinent verbreitet, als angenommen. Aber was ist mit dem länglichen Schädel? Wurde von der Evolution später zum runden Kopf geformt, wie wir ihn tragen. Eine klare Grenze zwischen Mensch und Vormensch, die gebe es eben nicht, schließt Hublin daraus philosophisch triumphierend.

          Was zunächst abstrakt und fernliegend klingt, wird in Juliens Film trotz nur sparsamen Einsatzes von Animationen zum visuellen Ereignis. Methoden der virtuellen Archäologie lassen steinzeitliche Funde auf dem Computerbildschirm dreidimensional aufscheinen. Es geht zur Grabung in die Höhle, ins Labor zur Thermoluminiszenzdatierung und immer wieder ins Gespräch mit den Forschern, deren Begeisterung für die Materie ansteckend wirkt. So lehrreich und unterhaltsam kann Paläoanthropologie im Fernsehen sein – und nebenbei ein Lehrstück über den Wert internationaler Zusammenarbeit.

          „Jebel Irhoud: Vom wahren Ursprung des Menschen“, Samstag, 10. Oktober, um 20.15 Uhr auf Arte.

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