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„Die Heimkehr“ im Ersten : Der Weltfahrer und die Witwe

Staudenmeyer (August Zirner) und die Witwe Entriß (Heike Makatsch) kommen sich nahe Bild: SWR

Hermann Hesse hielt Roman-Verfilmungen für eine „Barbarei“. Jo Baier hat die Erzählung „Die Heimkehr“ trotzdem adaptiert. Vieles gelingt gut. Trotzdem wird Hesse ausgebeutet.

          Die Messlatte liegt sehr hoch. Denn wer sich vornimmt, ein Werk von Hermann Hesse zu verfilmen, handelt noch immer gegen die Überzeugung und den Willen dieses Autors.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Mai 1950, er ist zweiundsiebzig Jahre, schreibt der alte Herr aus der Casa Rossa in Montagnola einen geharnischten Brief an den Drehbuchautor Felix Lützkendorf. Der war mit der Idee an ihn herangetreten, den Roman „Der Steppenwolf“ ins Kino zu bringen. Nein, so beginnt Hesses ganz allmählich, dann aber desto entschiedener in Rage geratende Replik, er halte Filme an sich durchaus nicht für „Teufelswerk“, ja, es gebe sogar einige, die er wegen ihres „hohen künstlerischen Geschmacks“ und ihrer „wertvollen Gesinnung“ schätze und bewundere. Dabei handele es sich aber ausschließlich um solche, die ihrerseits „von einem Dichter erdacht“ worden seien - nach heutigem Begriff also um Autorenfilme.

          Erster Gang durchs fremd gewordene Heimatstädtchen: August Staudenmeyer (August Zirner) im besonnten Gerbersau

          Etwas ganz anderes aber sei es, wenn der Film „ein schon vorhandenes Werk der Dichtung sich aneignet und für seine Zwecke benützt“. In diesem Fall müsse man von „Diebstahl“ reden „oder, hübscher gesagt“, von einer „Anleihe“. Es folgt das Verdikt: „Eine Dichtung, die rein mit den Mitteln der Dichtung arbeitet, rein mit der Sprache also, darf nach meiner Auffassung nicht als Stoff verwendet werden und von einer anderen Kunst mit deren Mitteln ausgebeutet werden. Das ist in jedem Falle Degradierung und Barbarei.“

          Der Verfilmung widersetzen

          Damit keineswegs genug. In der melancholischen Schlusswendung des Briefes sieht Hesse eine „nächste Zukunft“ voraus, in der die bewegten Bilder so mächtig und überwältigend geraten könnten, dass „kaum noch jemand imstande sein wird ein Buch zu lesen“. Aber, fährt er fort, „ich würde, was mich betrifft, auch dann noch mich der Verfilmung meiner Bücher widersetzen, und es würde mich keine Anstrengung kosten, der Verlockung des Weltruhms oder des Geldes standzuhalten“.

          Für ihn war und blieb die Sache klar. Für die Erben und den Verleger ließ er jedoch eine Hintertür offen. An Peter Suhrkamp im Februar 1952: Eine Ausnahme von Verfilmungsverbot gäbe es, „wenn es einmal gelte, den Verlag zu retten“. Und sehr ähnlich im Brief an die Söhne von 1961, wenige Monate vor seinem Tod: „Wenn z.B. einmal ein Film-Angebot kommen sollte zu einer Zeit, wo ihr in Geldnot seid, dann besteht von meiner Seite keinerlei Verbot. Tut dann, was Euch gut scheint.“

          Angesichts der enormen Fülle und der dauerhaften Popularität von Hesses Werk ist es schon staunenswert, dass filmisch seither in der Tat recht wenig passierte. Dank der amerikanischen Hippies und ihres Gurus Timothy Leary wurde Hesse in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zur Ikone der Subkultur. Zu deren heiligen Texten zählten sein indisches Prosaepos „Siddhartha“ von 1922 und eben der Revolte-Roman „Der Steppenwolf“, der 1927 erstmals erschien.

          Brechen jetzt die Dämme?

          Beide Bücher wurden deshalb auch durch amerikanische Regisseure adaptiert, „Siddhartha“ 1972 von Conrad Rooks mit Shashi Kapoor in der Hauptrolle, „Der Steppenwolf“ zwei Jahre danach von Fred Haines, der Hesses Helden Harry Haller mit Max von Sydow besetzte. Aber das war es dann auch.

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