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„Anonymous Kollektiv“ : Wo ist der Chef der rechten Internettrolle?

In rechter Gesellschaft: Screenshot der Seite von „Anonymous Kollektiv“. Bild: Facebook/Anonymous Kollektiv

Die Hass-Seite „Anonymous Kollektiv“ ist offline, ihr mutmaßlicher Betreiber ist untergetaucht und zur Fahndung ausgeschrieben. Der Mann hat sich einiges geleistet.

          Mit fast zwei Millionen Likes war „Anonymous Kollektiv“ eine der größten Facebook-Seiten für rechtsextreme Propaganda im Internet. Nun ist sie offline, und der mutmaßliche Betreiber Mario Rönsch ist laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ untergetaucht. Zwei Jahre lang konnte die „Kollektiv“-Seite ungestört herumtrollen, Werbung für das „Compact“-Magazin des rechten Publizisten Jürgen Elsässer machen, die Vertreter der angeblichen „Lügenpresse“ samt privater Daten an den Pranger stellen, die Vereinigten Staaten verdammen und die tiefe Freundschaft zu Putins Russland bekunden. „Kollektiv“ warnte vor Chemtrails – also der vermeintlichen Berieselung durch Gift, die sich hinter den Kondensstreifen von Flugzeugen verberge – und hetzte gegen Zuwanderer, Flüchtlinge und die „jüdische Weltverschwörung“. Die Seite deckte das gesamte Themenarsenal der neurechten Paranoia und ihrer Verschwörungsableger ab.

          „Anonymous Kollektiv“ lebte auch davon, dass viele Nutzer dachten, sie hätten es mit der Hacker-Untergrundorganisation „Anonymous“ zu tun, die sich für ein offenes Internet und gegen Scientology und die Terrormiliz IS engagiert. Fragt man bei Anonymous nach, so erfährt man, dass die Seite „Anonymous Kollektiv“ tatsächlich bis 2012 von drei Anonymous-Mitgliedern administriert worden sei – und von Rönsch, der damals wohl noch dazugehörte. „Bei einem Streitthema wurden die drei Admins rausgeworfen“, teilt Anonymous auf Anfrage mit. Die drei gründeten eine Gegenseite und protestierten öffentlich gegen den Rausschmiss, daraufhin habe Rönsch sie als V-Männer und verdeckte Scientologen diskreditiert. Seitdem sind Rönsch und Anonymous sich spinnefeind – und man arbeitet persönlich wie inhaltlich gegeneinander.

          Kaum verhohlener Antisemitismus

          Vor zwei Jahren begann die „Kollektiv“- Seite ihre Karriere zunächst als angebliche Friedensbewegung. Zu Zeiten der Ukraine-Krise bekannte man sich zu Russland, verteufelte die Ukraine als faschistischen Staat, die deutschen Medien als kriegstreiberisch und die Regierung als Marionette des internationalen Finanzkapitals. Letzteres ist meist Anlass für kaum verhohlenen Antisemitismus. Man rief zu „Montagsdemonstrationen“ auf, die in vielen Städten großen Zulauf fänden, jedoch von den Medien totgeschwiegen würden, da sie der staatlichen Propaganda zuwiderliefen, die einen dritten Weltkrieg provozieren wolle.

          Im Laufe der Monate taugte die Ukraine immer weniger als Aufreger, da kam die Flüchtlingsthematik gerade recht. Immer offener wurde die Unterstützung für die AfD und die Werbung für das „Compact“-Magazin, immer schärfer die Verachtung der Regierung, immer kruder die Theorien einer angeblich von langer Hand geplanten Abschaffung Deutschlands. Stets neue Katastrophenmeldungen sorgten dafür, dass die Erregungskurve auf der Seite nie abflaute, stets schien der Krieg, die „Umvolkung“, der Weltuntergang geradewegs bevorzustehen. Doch hielt sich der Betreiber der Seite bedeckt.

          Post vom Anwalt kam sofort

          Wer bisher über Mario Rönsch als „Kollektiv“-Administrator berichtete, bekam sofort Unterlassungserklärungen zugeschickt – so auch diese Zeitung vor zwei Jahren. Er stritt immer wieder ab, Betreiber der Seite zu sein, und hatte sogar eine eidesstattliche Erklärung abgegeben. Auf der Seite wurden derweil weiterhin volksverhetzende und holocaustleugnende Meldungen in großer Zahl gepostet, ohne dass Facebook einschritt – trotz zahlreicher Beschwerden von Nutzern.

          Lange passierte nichts. Doch nun ist die Seite verschwunden. Das mag daran liegen, dass sich Facebook dazu verpflichtet hat, Hasskommentare innerhalb von 24 Stunden zu löschen. In Deutschland gibt es die Regelung schon, nun tritt sie auch europaweit in Kraft. Facebook selbst möchte sich dazu nicht äußern. Nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass der Betreiber sie selbst vom Netz genommen hat.

          Das Magazin „Focus“ veröffentlichte eine umfassende Recherche über „Die dunklen Seiten des Mario R.“, so die Überschrift, der demnach einige recht interessante Nebengeschäfte betreibt. Dabei soll es unter anderem um einen Waffenhandel unter dem Namen „Migrantenschreck“ gegangen sein, der auf „Anonymous Kollektiv“ beworben wurde. Außerdem sei Rönsch in seiner Heimatstadt Erfurt AfD-Mitglied der ersten Stunde und „Legida“-Demonstrant gewesen, der der Journalistin Dunja Hayali vor die Kamera lief – die einzigen Fernsehbilder, die es von Rönsch gibt. Davor betrieb er die Firma „Adfanyo“, die mit Facebook-Likes handelte, aber nicht immer lieferte. Inzwischen gibt es einen Strafbefehl wegen Betrugs gegen Rönsch. Laut „Süddeutscher Zeitung“ ist er mehrfach wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Insolvenzverschleppung verurteilt worden.

          „Kriegskasse ist prall gefüllt“

          Dazu kommen jetzt die Anzeigen, die sich gegen die Aktivitäten auf der Facebook-Seite „Anonymous Kollektiv“ richten – eine davon stellte der Grünen-Politiker Volker Beck wegen Beleidigung, Bedrohung und dem Aufruf zu Straftaten. Allerdings ist Rönsch zurzeit nicht auffindbar, weshalb Fahndungsmaßnahmen eingeleitet wurden.

          Lebenszeichen gibt es von Rönsch. Zunächst versuchte er, unter www.anonymousnews.de eine Nachrichtenplattform aufzubauen – die Domain ist nicht mehr registriert, die Seite offline. Aktiv ist noch die „Anonymous Kollektiv“-Seite auf dem russischen Netzwerk „VKontakte“. „Wer meint, dass wir uns durch Sperrung auf Facebook beeindrucken lassen oder gar davon abhalten lassen kritische Inhalte zu veröffentlichen, der irrt sich. (...) Unsere Kriegskasse ist dank zahlloser Unterstützer prall gefüllt. Wir können auch ohne Facebook und zwar sehr, sehr, sehr lange. Ideen und Ideale, liebe Blockwarte und Mietmäuler der Lügenpresse, sind kugelsicher“, heißt es dort in gewohntem Duktus. Von den zwei Millionen Unterstützern, die man auf der Facebook-Seite erreichte, ist man noch weit entfernt. Zurzeit sind es etwa 44000 Follower.

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