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ARD-Serie „Die Glückspieler“ : Das wächst sich aus

  • -Aktualisiert am

Und hier wird es kompliziert: Herr Herzinger (Branko Samarovski, vorne rechts) und Herr Wagner (Ovidiu Schumacher, vorne links) müssen Ines (Katharina Schüttler), Firat (Eko Fresh, Mitte) und Jasper (Manuel Rubey) die Wahrheit darüber sagen, warum sie die drei zu sich bestellt haben. Bild: dpa

Kinder und Liebe als Lotterie: Die gelungene ARD-Serie „Die Glücksspieler“ forscht lebensnah nach Bewältigungsstrategien im Familienalltag.

          3 Min.

          Dass Glück, Geld und Fortpflanzung sich in der „Rush Hour“ des Lebens gegenseitig befördern, hält sich als Gerücht hartnäckig, trotz zahlreicher Gegenbeweise, die jeder kennt. Zum Scheitern vieler erschöpfter Paare in der Zeit, in der Karriere und Kinderkriegen anscheinend gleichzeitig passieren müssen, gesellt sich die so falsche wie bedrückende Vorstellung, häusliches Unglück läge nur an mangelnder Anstrengung der Gegenpartei. Aus der glücklichen Beziehung, so sagt es der Regisseur und Ko-Autor der ziemlich wahren und erhellend überzeichneten ARD-Miniserie „Die Glücksspieler“, Michael Hofmann, wird mit der Reproduktion nach und nach eine „Aufzuchtgemeinschaft, in der man einander aushält oder sich trennt“. Kita-Besprechung und Grundschulelternabend statt Romantik, Verdauungsgespräche statt Sex. Die Verteilung des „Mental Load“, all der eher unproduktiven Aufgaben, die das System Familie am Laufen halten, will ausgehandelt werden. Wo verhandelt wird, wird freilich immerhin noch ernsthaft geredet. Viel öfter existiert die Maxime „Einmal verteilt, für immer verurteilt“.

          Unter solch deprimierenden Umständen hilft vielen Humor. Es sei denn, sie geben das Kinderkriegen von vornherein auf. Aber das tut auch „Die Glücksspieler“ nicht, im Gegenteil. Man setzt auf Nachwuchs und verbindet alltagsgesättigten Realismus, dialogische Scharfsinnigkeit und die Unausrechenbarkeit persönlicher Glücksvorstellungen zu einer gewitzten Angelegenheit, die sich vom Klischee der ersten Folgen durch die Mühen der Ebene im Mittelteil zu letzten Einsichten kurzweilig durcharbeitet. Am Anfang steht ein Wunschzettel an den Weihnachtsmann, auf dem Kind Sammy (Milo Mahir) sich eine Vase, eine Drohne und das Ende der Streitereien zwischen Mama und Papa wünscht. Per Luftballon landet das Blatt bei Multimillionär Herzinger (Branko Samarovski) und seinem Faktotum Wagner (Ovidiu Schumacher).

          Mit vier gescheiterten Ehen und einer entfremdeten Tochter versteht Herzinger etwas vom Streiten, aber nach eigenem Bekunden nichts vom Glücklichwerden. Da ein Mensch ein Hobby haben muss, beobachtet er inzwischen bloß noch Vögel. Also macht sich, das Märchen nimmt seinen Lauf, der früher törichte Reiche an seine zukünftigen Beobachtungsobjekte heran. Natascha (Karolina Lodyga), Hausfrau, drei Kinder, dem Shoppen zugeneigt, Max (Sergej Moya), Pianist, Hausmann und Vater von Sammy, und Simone (Lena Dörrie), Hausfrau, eigentlich Klinikärztin, die sich um den Sohn kümmert, der nicht spricht. Wie gefangen sitzen alle drei auf der Kinderspielplatz-Parkbank, tagein, tagaus, „nachts gehen wir auch mal nach Hause“, während der Nachwuchs sich um Schaukel oder Rutsche zofft.

          Glück und Ego sind hier unverträglich

          Nicht ihnen verspricht der Magnat eine Million Euro pro Haushalt, sondern ihren Partnern. Firat (Eko Fresh), „der Türke, der den Deutschen den Dreck wegräumt“, nämlich als Straßenreinigungs-Unternehmer, Mann von Natascha, Ines (Katharina Schüttler), Anwältin in einer Münchner Kanzlei, die ihre Kinder kaum sieht, Frau von Max, und Jasper (Manuel Rubey), in der Firma gemobbter Versicherungsmathematiker mit Zärtlichkeit nur für Zahlen, Mann von Simone.

          Allen dreien macht Herzinger ein unsittliches Angebot: Wenn sie ein Jahr lang versuchen, glücklicher zu werden (Scheitern ist okay), freitäglich in einer Kanzlei zusammentreffen und reden (ein Satz pro Nase genügt), während er sie per Videokamera beobachtet, ferner absolutes Stillschweigen bewahren, bekommt jede Familie am Ende der Zeit die Million.

          „Die Glücksspieler“ (neben Hofmann zeichnet Bert Koß für das Drehbuch verantwortlich, Kamera Christian Marohl) setzt nach dieser vorhersehbaren Versuchsanordnung mehr und mehr auf eher Unvorhersehbares. Die drei Spielerfamilien leben nicht im luftleeren Raum, und Glück und Ego sind hier unverträglich. Es gibt rabiate Kita-Erzieherinnen, heimliche Geliebte, verborgene Sehnsüchte und allerlei Chaos. Statt Glück gibt es Lebensnähe. Kleine Einsichten, große Veränderungen und die Frage, ob allein die Vorstellung einer Million reicht, eingefahrene Beziehungen in Bewegung zu bringen. Statt immer naiver zu werden, wie es in Familienserien zum Thema Glück üblich ist, fängt „Die Glücksspieler“ am naiven Ende des Problems an und mehrt den Zweifel. Manche der Dialoge könnten sich im Streit verkantete Paare überdies mit Goldrand einrahmen. Um bisweilen ohne ihre Kinder – und mit ihnen – einmal wieder happy zu sein.

          Jeweils zwei Folgen der sechsteiligen Serie Die Glücksspieler laufen heute, am 4. und am 11. Mai ab 20.15 Uhr im Ersten.

          Trailer : Die Glücksspieler

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