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WM in Frankreich : Nur keine Belgierwitze

Vive la France: Auch in Nizza war der Sieg der französischen Nationalmannschaft über Uruguay nichts als Anlass für unbändige Feierlaune. Bild: Imago

Heiliger Hugo und ein Stern für Macron: Frankreichs Medien befreien die Nationalmannschaft, feiern die Freundschaft mit Belgien und träumen von der Mondlandung.

          Auch in Frankreich kann man die Weltmeisterschaft privat vor dem eigenen Fernseher, in der Bar oder im öffentlichen Raum einer Fanmeile verfolgen. Die Leidenschaft ist ungebrochen – und die Stimmung gelassen wie kaum je bei einer Endrunde. Schon vor dem Anpfiff in Russland wurden die Parallelen zur Weltmeisterschaft vor zwanzig Jahren im eigenen Land, die Frankreich erstmals den Titel bescherte, gezogen. „L’Equipe“ hatte 1998 wochenlang auf Coach Aimé Jacquet eingedroschen, der sich nach dem Triumph auch ziemlich rachsüchtig zeigte. Während der Tour de France wurden die Autos der Sportzeitung mit Steinen beworfen. Kurz bevor es in Russland losging, traten die Heroen von 1998 zu einem Erinnerungsspiel gegen eine Weltauswahl – mit Jürgen Klinsmann – an. Auch sonst sind die Altstars ständig im Fernsehen, sie arbeiten als Experten. Zidane erzielte ein traumhaftes Freistoßtor. Nur Didier Deschamps war nicht dabei, er befand sich im Trainingslager.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Er hat das Vertrauen der Presse. Die Auswahl der Spieler, die er zu den Turnieren mitnimmt, muss er jeweils in den Nachrichten von Tf1 verlesen. Tf1 ist noch immer der offiziöse Sender der französischen Nationalmannschaft, hat aber eine Kulturrevolution hinter sich. Mit den chauvinistischen Sprüchen, dem Sexismus und Rassismus seiner Kommentatoren wurde radikal aufgeräumt. Eine neue Generation ist am Mikrofon. Schlimmer als je ist indes die Kommerzialisierung. Nach dem Pausenpfiff geht bis zum Beginn der zweiten Halbzeit eine ununterbrochene Salve von Werbespots über den Bildschirm, es gibt keinerlei Zwischenbetrachtungen. Am Anfang und Ende der Übertragung ist es nicht viel besser und wirklich kaum zum Aushalten. Wer es sich leisten kann, schaut dasselbe Spiel auf BeIN – wo die gesamte WM zu sehen ist. Aber dafür muss man bezahlen.

          Die WM in Brasilien war ein finanzielles Debakel

          Die Einschaltquoten sind für beide Sender erfreulich. Insgesamt siebzehn Millionen Zuschauer haben Frankreich gegen Argentinien gesehen. Gegen Uruguay waren es noch ein bisschen mehr. Am vergangenen Freitag erreichte Tf1 einen Marktanteil von sagenhaften 76 Prozent. In der laufenden Jahresrangliste der höchsten Zuschauerzahlen belegt Europas größter Privatsender mit der Nationalmannschaft die vordersten Plätze, und noch stehen Halbfinale und Endspiel erst an. Vor vier Jahren war die WM in Brasilien ein finanzielles Debakel.

          Würde es auch ein WM-Titel für Macron? Es gibt – noch – keine politische Instrumentalisierung. Die extreme Rechte enthält sich jeglicher Attacken auf schwarze Spieler, denen Le Pen 1998 vorgeworfen hatte, dass sie die Marseillaise nicht singen. Die Mannschaft der „Blauen“ aus Weißen, Schwarzen und Nordafrikanern „Bleu-Black-Blanc“ wurde seinerzeit zum antifaschistischen Stoßtruppunternehmen verklärt und der Sieg gefeiert wie die Befreiung von 1944. Doch das Versprechen eines neuen Gesellschaftsvertrags aus dem Geist des multikulturellen Fußballs erwies sich als Illusion. Vier Jahre danach kam Le Pen 2002 in die Stichwahl, und die Franzosen, die sich für Werbeauftritte den zweiten Stern für die neue Weltmeisterschaft auf die Brust geheftet hatten, scheiterten in der Vorrunde so kläglich wie diesmal „la Mannschaft“ aus Deutschland. Seiner Schadenfreude über deren Ausscheiden ließ nur der Linksradikale Jean-Luc Mélenchon ungehemmt freien Lauf.

          Es gibt keinen Druck auf die Nationalmannschaft

          In Macrons Frankreich scheint auch der Fußball entpolitisiert zu sein. Es gibt keinen Druck auf die Nationalmannschaft, sie muss weder linke noch rechte Heilserwartungen erfüllen. Die Intellektuellen schauen zu – und schweigen. 1998 hatte man auch noch die Zunahme der Geburtenraten hochgespielt. Die Medien berichten intensiv und auf hohem Niveau, aber entspannt. Die Sportseiten werden zu literarischen Veranstaltungen. „Wie in einem Traum“ lautete die Schlagzeile der aggressivsten Boulevardzeitung „Le Parisien“ nach der Qualifikation für das Halbfinale. Der Titel auf Seite zwei: „Den Sternen ein wenig näher“. Das ist mehr Poesie als Chauvinismus und eine leise selbstkritische Anspielung auf 2002.

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