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WM in Frankreich : Nur keine Belgierwitze

Das Stadion wird nicht mehr zum Schauplatz für das Rückspiel historischer Schlachten und vergangener Kriege hochgeschrieben. Die Historisierung in der Berichterstattung bleibt auf den Fußball beschränkt. „Es war die Stunde der Revanche für Maracanã“, lautet der erste Satz im der Spielanalyse von Vincent Duluc. Er ist Fußballchef von „L’Equipe“ und Verfasser des Kultbuchs „Der fünfte Beatle“ über George Best. Im Frühjahr hat Duluc ein hochgelobtes Werk über die DDR-Schwimmerin Kornelia Ender veröffentlicht, um deren Haus in Bayern war er herumgestrichen, um schließlich unverrichteter Dinge wieder abzuhauen. Die Auflagen für ein Gespräch waren zu einengend. Kornelia Ender holte 1976 in Montreal viermal Gold. Innerhalb von 25 Minuten gewann sie zweimal und hatte zwischen den Rennen, so die Legende, nicht einmal Zeit, um sich abzutrocknen. Duluc wollte ihr Geheimnis knacken und stimmt ein Hohelied auf die Verheimlichung an.

Die „Stunde der Auferstehung“ von Raphaël Varane

Das Spiel der Franzosen gegen Uruguay beendete nach Dulucs Ansicht eine „frühere Tristesse“. Er preist die „blaue Kunst“, die darin bestehe, „die glücklichen Tage der geraden Jahre“ aufleben zu lassen. Er spricht von der „Revanche von Maracanã“ und meint damit nicht das französische Deutschland-Trauma von 1940 oder die Halbfinal-Niederlage bei der WM 1982 in Sevilla (mit Schumacher gegen Battiston). Es geht um die „Stunde der Auferstehung“ von Raphaël Varane. Sein Tor – mit dem Kopf, der „Spitze des Schädels“, das Duluc detailliert und unübersetzbar beschreibt, habe den Spieler von einem Fluch erlöst: Er hatte bei der Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien den Treffer von Mats Hummels verschuldet. Duluc sinniert über die „Abspaltung von Spektakel und Resultat“ und beschreibt die Dramaturgie des Uruguay-Spiels in emotionalen Phasen: von der Spannung bis zur Befreiung. Und was die „Abspaltung“ betrifft: „Das Resultat ist ein Triumph für Didier Deschamps.“ Das Spektakel war nicht besonders attraktiv. Die geringe Zahl der Chancen gibt dem Autor zu denken: „Aber wenn die Treffer fallen...“

Stets hatte Duluc die Theorie vertreten, Frankreich könne das Halbfinale einer WM nur mit einem überragenden Spieler erreichen. Aber diesmal ist es die Mannschaft, in jeder Begegnung sticht ein anderer Spieler hervor. Das Achtelfinale prägte Mbappé. Gegen Uruguay dominierten Varane und Lloris. Ihn, den Torhüter, verklärt Duluc zum „heiligen Hugo“. Am Sonntag berichtete das „Journal du Dimanche“, dass die Spieler einen Teil ihrer Prämien für wohltätige Zwecke spenden.

Die Parallelen zu 1998 werden enger. Abermals steht Kroatien eher überraschend im Halbfinale. Vor zwei Jahrzehnten verloren es die Kroaten gegen Frankreich. Die Belgier hätten die Affiche für eine Neuauflage des Endspiels von 1998 „zerrissen“, schreibt Vincent Duluc. So wird das Halbfinale zu einem Duell zweier früherer Weltmeister: Didier Deschamps gegen Thierry Henry, der im belgischen Trainerstab arbeitet. Am Montag beschrieb „L’Equipe“ mit dem Titel eines Filmklassikers: „Wir hatten uns so geliebt.“

Die Zeitungen beschwören die Beziehungen zu Belgien, als wären es die besten der Welt. Keiner macht einen Belgierwitz, die einst so populär waren wie in Deutschland der Ostfriesen-Witz. Man ist bestrebt, kulturelle Arroganz auf dem Feld des Fußballs zu vermeiden, und zollt den „roten Teufeln“ gebührenden Respekt. „Mehr als ein Spiel“ titelte „Le Parisien“ und brachte auf der ganzen Titelseite Hergés Comicfigur Tintin. Am Sonntag war der französischen Kultfigur belgischer Herkunft auch die Seite eins von „L’Equipe“ gewidmet: mit ironischen Anspielungen aufs Ausscheiden der Russen, denn auch das „Land der Sowjets“ hat Tintin bekanntlich besucht. Die Schlagzeile zur Zeichnung: „Objectif Lune“ – jetzt geht es auf den Mond. In bester Comic-Laune freut sich Frankreich mit dem „Parisien“ auf ein „Duell der Freunde“. „L’Equipe“ lädt ein zum „Fest von Nachbarn“.

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