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Corona in Italien : Mutter, siehst du mich?

Stunde um Stunde wartet die junge Frau vor der Klinik in Como, um einen Blick zu erhaschen. Bild: Foto Salvatore Amura/Facebook/Screenshot F.A.Z.

Getrennt durch die Corona-Pandemie: Das Bild einer jungen Frau, die vor einem Krankenhaus auf ihr Auto geklettert ist, bewegt Italien.

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          Das Foto zeigt eine junge Frau, die auf das Dach eines weißen Rovers geklettert ist. Die Sonne steht an diesem herbstkalten Nachmittag schon tief über der leicht abschüssigen Straße, die Laternen sind bereits eingeschaltet. Aufrecht und regungslos steht die junge Frau da, als existiere die Welt um sie herum nicht. Ihr Blick ist auf die Fenster im ersten Stockwerk des Gebäudes gerichtet, vor dem ihr Auto parkt. Es ist das Valduce-Krankenhaus im norditalienischen Como, in das Covid-19-Patienten aus der gesamten Region Lombardei eingeliefert werden. Auch die Mutter der jungen Frau wurde dort aufgenommen. Sie liegt hinter einem der Fenster, zu denen dieTochter schaut. Ihre Mutter soll sie sehen. Sie will ihren Blick auffangen, um Abschied zu nehmen und um zu sagen: Du bist nicht allein.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von den vielen Bildern, die diese Pandemie schon hervorgebracht hat, wird dieses Foto im Gedächtnis bleiben. Es hat universellen, ikonographischen Charakter, weil es auf eine leise und zurückhaltende Art etwas zum Ausdruck bringt, was Menschen auf der ganzen Welt in dieser Pandemie teilen: die Verzweiflung darüber, einen an Covid-19 erkrankten geliebten Menschen ohne Beistand lassen zu müssen; nicht mehr zu ihm zu dürfen, sobald sie oder er in der Obhut eines Krankenhauses ist. Die junge Frau könnte jeder von uns sein. Zugleich erzählt das Bild von der Einsamkeit der Sterbenden, obwohl man nur ahnt, was hinter den Fenstern geschieht. Covid-19 hat den einsamen Tod, von dem früher vor allem Menschen am Rande der Gesellschaft betroffen waren, universell gemacht.

          Der „Corriere della Sera“ hat die Entstehungsgeschichte des Bildes und dessen Hintergrund recherchiert. Der Mann, der die junge Frau bemerkte, mit dem Smartphone fotografierte und das Bild auf Facebook postete, heißt Salvatore Amura. Er wohnt in Como direkt neben dem Krankenhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Drama, das sich dort abspielt, hat er täglich im Blick. Seit März kümmere sich das Krankenhauspersonal unermüdlich um die Covid-19-Patienten, versuche Trost zu spenden und alles zu tun, um Menschenleben zu retten, schildert Amura auf Facebook die Situation: „Es kommt oft vor, dass Familien und Freunde versuchen, ihren Angehörigen einen Gruß zuzurufen und das Gefühl von Nähe und Zuneigung zu geben.“ So auch die junge Frau auf dem Foto. Es entstand am vergangenen Sonntag gegen siebzehn Uhr. Sie habe sich stundenlang darum bemüht, Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen. Schon morgens um zehn Uhr sei sie da gewesen und habe den ganzen Tag in der Kälte ausgeharrt, schreibt Amura.

          Das Valduce-Krankenhaus ist eine der Einrichtungen, in denen sich das Versagen des norditalienischen Gesundheitssystems besonders dramatisch offenbart. Die Regierung der Lombardei, in der Como liegt, hat keinerlei Lehren aus der Katastrophe des Frühlings gezogen und kaum etwas getan, um die Region auf die zweite Welle vorzubereiten. Zu Beginn dieser Woche zählte sie 149.918 Corona-Infizierte, seit Ausbruch der Pandemie sind dort 20.664 Menschen Covid-19 zum Opfer gefallen. Allein am Montag starben 140 Menschen. Erst vor wenigen Tagen haben Ärzte des Valduce-Krankenhauses einen Hilferuf ausgesandt, da die 31 Intensivbetten der Station alle belegt sind und zwölf Covid-Patienten in der Notaufnahme betreut werden müssen. Pflegekräfte haben sich infiziert und befinden sich in Quarantäne. Da auch die übrigen Krankenhäuser der Region schon ausgelastet sind, treffen Tag für Tag Krankentransporte mit Corona-Patienten ein. Viele werden, da die Wartezeiten mittlerweile lang sind, wenn man den Notruf wählt, von ihren Angehörigen selbst ins Krankenhaus gebracht. Schon heißt es, Como, aber auch die Kleinstädte Monza und Varese seien das neue Bergamo.

          Im Gespräch mit der Zeitung bestätigten die Ärzte des Krankenhauses, dass Angehörige immer wieder versuchten, von der Straße aus Kontakt zu Covid-19-Patienten aufzunehmen. In anderen Städten Italiens sind schon Transparente mit Grüßen und Durchhalteparolen für stationär behandelte Großeltern auf Sichthöhe der Intensivstationen entrollt worden.

          Ob es der jungen Frau auf dem Autodach gelungen ist, Blickkontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen, ist nicht bekannt. Die Covid-19-Station, schreibt der „Corriere“, sei in zwei Bereiche aufgeteilt. Im inneren, direkt am Schwesternzimmer liegenden Trakt sind die Schwerstkranken untergebracht. In den Betten an der Fensterseite liegen Patienten, deren Zustand momentan weniger kritisch ist. Die Mutter der jungen Frau befinde sich dort, hat der „Corriere“ herausgefunden. Sie sei zwischen sechzig und siebzig Jahre alt und in der Lage, für kurze Momente aus dem Bett aufzustehen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sie ihre Tochter gesehen hat.

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