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Die „Gelbwesten“ und die Medien : Teuflische Verbindung

„Gelbwesten“ stehen bei Protesten in Angers am 19. Januar vor einer Wolke aus Tränengas. Bild: AFP

Feindbilder und Komplizen: Frankreichs Medien hinterfragen nach langen Wochen des Aufruhrs, wie sie über die „Gilets Jaunes“ berichten. Hat die Berichterstattung die Proteste befeuert?

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          Der Reporter befindet sich in unmittelbarer Nähe des Triumphbogens, über die Kopfhörer im Ohr steht er in Kontakt mit seiner Redaktion, neben ihm schreien die Gelbwesten „Macron Démission“. Seit sechs Uhr in der Früh ist er im Einsatz. Ein Schutzhelm baumelt an seinem Rucksack, in den der 37 Jahre alte Fabien Crombé eine Atemschutzmaske, eine Taucherbrille und Augentropfen – die bei Tränengas die Schmerzen lindern – gepackt hat. Er arbeitet für den Infokanal BFMTV, aber das Erkennungszeichen des Senders an seinem Mikrophon hat er entfernt. So halten es auch die Kollegen von den drei anderen Newssendern LCI, CNews und France Info. Es ist gefährlich geworden, in Frankreich Reporter zu sein. Sie berichten von bürgerkriegsähnlichen Szenen und sind selbst zu Zielscheiben der „Gilets Jaunes“ geworden. Sie werden angepöbelt und auch tätlich angegriffen. Das Aufnahmematerial wird beschädigt oder gestohlen. Besonders brutal waren die Attacken zu Beginn des Jahres. Die Redaktion von BFMTV reagierte mit einem Boykott und hat einen Tag lang nicht über die „Gelbwesten“ berichtet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mindestens siebzig Fernsehteams streifen an den Demo-Tagen durch Paris. Auch aus den Provinzen werden permanent Bilder eingeblendet – auf der „Canebière“ in Marseille waren Panzer zu sehen. Meist schicken die Sender junge Journalisten an die Front. Inzwischen werden sie von Leibwächtern begleitet. Man hat in den vergangenen Wochen viele neue Gesichter auf dem Bildschirm gesehen: Unbekannte Reporter, die Leute interviewen, die es sich nicht gewohnt sind, Statements abzugeben. Sie erzählen von einer Wirklichkeit, die von den Medien bislang kaum abgebildet worden ist. Wie Außerirdische waren im November die „Gelbwesten“ in Frankreich auf dem Fernsehschirm aufgetaucht. Sie demonstrieren, um gefilmt und interviewt zu werden. In den Studios sitzen die prominenten Kommentatoren mit den ewig gleichen Experten. Stundenlang begleitet ihr Palaver die episch langen Übertragungen im Hintergrund.

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